– Die Topeka Schule –

Ben Lerner

„Die Topeka Schule ist die Geschichte einer Familie um die Jahrtausendwende. Die Geschichte einer Mutter, die sich von einer Missbrauchsgeschichte befreien will; von einem Vater, der seine Ehe verrät; von einem Sohn, dem die ganzen Rituale von Männlichkeit suspekt werden und der zunehmend verstummt. Eine Geschichte von Konflikten und Kämpfen und versuchten Versöhnungen.“

Wer auf der Suche nach anspruchsvoller Literatur ist, der kann getrost zu „Die Topeka Schule“ von Ben Lerner greifen. Zu Anfang hatte ich ein wenig Probleme in die Story zu finden, da mir der Themenwirbel ein wenig zugesetzt hat.

Nachdem ich mich reingearbeitet habe, entfaltete sich mir eine Palette brandaktueller Themen wie Rassismus, toxische Männlichkeit, die Macht der Worte und wie sich diese für politische Zwecke missbrauchen lassen. Man bekommt einen scharfen Blick auf die Gesellschaft und deren Umgang mit Wettbewerb und Geschlechtern.

Meine Bewunderung gilt auch Nikolaus Stingl, der diesen Roman übersetzt hat. Es muss wirklich harte Arbeit gewesen sein, denn auf vielen Seiten merkt man, wie intelligent und virtuos Ben Lerner Sprache verwendet um die Geschichte zu erzählen.

Sehr komplex, kraftvoll und faszinierend aktuell. 

– Frausein –

Mely Kiyak

Ein ganz außergewöhnliches Buch.

Mely Kiyak beschreibt auf knapp 130 Seiten ihr Frausein, Menschsein, Autorinnensein.

Als Tochter kurdischer Gastarbeiter, steht sie unter dem Druck der Familie, sie müsse es zu etwas bringen. Es besser machen. Erfolgreicher sein.

Sie erzählt über ihre Herkunft, über die Unterstützung der Eltern, über Familie, Beziehungen und gesellschaftliche Erwartungen. Im Verlauf ihres Studiums und bei der Arbeit als Autorin, wird ihr immer bewusster, dass dies sie völlig ausfüllt und sie sich nicht von Rollenvorstellungen abhängig machen will.

Gedanken über das Alleinsein, über das Leben in zwei Kulturen und (weiblicher) Selbstbestimmung.

Dicht, markant und intensiv.

– Lesemonat September 2020 –

Ein schöner September war das …

…hier die Leseliste:

  • Jhumpa Lahiri – Wo ich mich finde
  • Lily Brett – Alt sind nur die anderen
  • Kai Wieland -Zeit der Wildschweine
  • Elizabeth Strout – Die langen Abende
  • Arno Carnisch – Goldene Jahre
  • Valerie Fritsch – Herzklappen
  • Vivian Gornack -Eine Frau in New York
  • Yaa Gyasi – Heimkehren
  • Thomas Hettche – Herzfaden
  • Philipp Winkler – Carnival
  • Peter Lindbergh – On Fashion Photography

 Meine Lesehighlights:

– Carnival –

Philipp Winkler

„Wisst ihr, vielleicht waren die Unterschiede zwischen uns gar nicht mal so groß. Wie viele von euch haben auch wir uns über unsere Arbeit definiert. Wir haben vielleicht nicht die Welt verändert, wenn wir euch einen Hotdog in die Hand drückten oder euch in der Geisterbahn den Angstschweiß ins Gesicht trieben, aber könnt ihr von euch behaupten, die Welt zu einem besseren Ort gemacht zu haben? Darum ging’s uns nicht. Uns ging’s darum, dass ihr für einen Sonntag eure Sorgen und den Alltag daheim lassen konntet.“

Ein nostalgischer Blick auf die fast vergessene Lebensart der Schausteller, Budenbesitzer und Kirmser.

Kurz und knackig mit 100 Seiten. Für mich persönlich war es etwas zu knapp – hat mich nicht so recht abgeholt.

– Herzfaden –

Thomas Hettche

In diesem Roman geht es um nichts geringeres als die Geschichte der Augsburger Puppenkiste, die Familie Oehmichen, die diese ins Leben gerufen hat und um Fantasie, Märchenwelten, sowie dem Erhalt von Kultur auch in dunkelsten Zeiten.

Alles spielt sich auf zwei Zeitebenen ab. In der roten Ebene erzählt Hannelore, genannt Hatü, einem kleinen Mädchen ihre Lebensgeschichte inmitten sämtlicher geschnitzter Puppen auf dem Dachboden. Hatü ist die Tochter von Walter Oehmichen, der das bekannte Puppentheater ins Leben gerufen hat.

In der blauen Ebene erfahren von den Jugendjahren Hatüs im zweiten Weltkrieg. Wie sie die Schnitzkunst erlernte, wie der Krieg Armut und Leid mit sich brachte, bergeweise Tote und ein unverzeihliches Verbrechen an der Menschheit.

Überraschenderweise wird der zweite Weltkrieg und der Holocaust nur am Rande mit eingeflochten, doch es überkommen einen immer wieder Schauer, wenn sich Hatü über die unsagbare Schuld und Tragweite der Geschehnisse gewahr wird.

Es ist eine Mischung aus Fakten und Fiktion.

Hettche kommentiert selbst:  „Personen und Ereignisse, die darin vorkommen, hat es wirklich gegeben, und sind doch erfunden.“

Es kommt alles darin vor: Freude, Kummer, Märchen,  Klassiker wie der kleine Prinz…ganz wundervoll!

Ich habe dieses Buch an einem Tag gelesen. Es hat mir sehr gut gefallen und wird mich auch noch eine ganze Weile beschäftigen. Ich bin gespannt, wie es sich im Rennen um den Deutschen Buchpreis 2020 macht.

– Heimkehren –

Yaa Gyasi

„Weiße haben eine Wahl. Sie können sich ihre Arbeit, ihre Wohnungen aussuchen. Sie zeugen schwarze Babys und lösen sich in Luft auf, als hätte es sie nie gegeben, als hätten sich die schwarzen Frauen, mit denen sie geschlafen oder die sie vergewaltigt haben, auf sie draufgesetzt, damit sie schwanger werden. Weiße Männer entscheiden auch für schwarze Männer. Früher haben sie sie verkauft, jetzt werfen sie sie nur ins Gefängnis wie meinen Vater, und sie können nicht bei ihren Kindern sein.“

Die Handlung erstreckt sich beginnend im Ghana des 18. Jahrhunderts über gut 200 Jahre einer Familie und deren Schicksalen, bis hin in die Gegenwart.

Zwei Schwestern, die sich niemals begegnen werden, führen ganz unterschiedliche Leben. Effia wird mit einem britischen Sklavenhändler verheiratet, wohingegen Esi in die Sklaverei verkauft und nach Amerika verschifft wird.

In eigenen Episoden erfahren wir ihre Geschichten und die ihrer Nachfahren. Diese schockierenden und  schrecklichen Erlebnisse von Folter und Flucht, ihren Schicksalsschläge zu lesen ist nicht immer leicht und lässt einen so schnell nicht mehr los. Rassismus hat eine lange Geschichte und Yaa Gyasi ist hier ein sehr gutes Buch gelungen, welches sich mit der Entwurzelung und dem systematischen Raub von Menschenwürde beschäftigt. Ein ganz großartiger Generationenroman, durchdrungen von wichtigen Themen wie Kolonialismus, Identität, Herkunft und Sklaverei.

An vielen Stellen überkam mich eine Wut und Traurigkeit, dass wir heute scheinbar oftmals nicht viel weiter gekommen sind und es nahezu ständig zu Rassismus kommt in unserer angeblich so aufgeklärten Gesellschaft. Aber ich kann nur hoffen, dass Bücher wie „Heimkehren“ anderen die Augen öffnen und Menschen zum Umdenken bewegen.

– Eine Frau in New York –

Vivian Gornick

Eine Freundin liest, was ich geschrieben habe, und erklärt mir beim Kaffee: „Du romantisierst die Straße. Weißt du nicht, dass New York fünfundsiebzig Prozent seiner Produktionsstätten verloren hat?“ Im Geiste sehe ich all den Frauen und Männern ins Gesicht, mit denen ich jeden Tag zu tun habe. Hey, Leute, sage ich lautlos zu ihnen, habt ihr gehört, was meine Freundin gerade gesagt hat? Die Stadt ist dem Untergang geweiht, die Mittelschicht hat New York verlassen, die Konzerne sind nach Texas, Jersey oder Taiwan gezogen. Ihr seid erledigt, am Arsch, es ist vorbei. Wie kann es sein, dass ihr noch immer auf der Straße seid? In New York geht es nicht um Jobs, sondern um Temperament, antworten sie. Die meisten Leute sind in New York, weil sie Beweise für die Ausdrucksfähigkeit der Menschheit brauchen – und zwar massenhaft. Nicht dann und wann, sondern jeden Tag. Sie brauchen das. Diejenigen, die in kontrollierbare Städte abwandern, kommen auch ohne sie aus, diejenigen, die es nach New York zieht, nicht. Oder vielleicht sollte ich besser sagen, -ich- komme ohne sie nicht aus.

Ein ganz fabelhaftes Buch, aber ob es auch für die breite Masse geeignet ist, ist die Frage.

Vivian Gornick erzählt in einer Art Schwelgen in Erinnerungen und Selbstgesprächen beim Spazieren durch New York über New York.

Ein wehmütiger und sehr nachdenklicher Ton streift mit ihr durch die Straßen des Big Apple. Ich empfand diese Erzählweise aber keineswegs als trocken oder langweilig, sondern habe Gornick sehr gerne begleitet, während sie mit reicher Beobachtungsgabe die Menschen, die Stadt und ihre Erlebnisse schildert.

Es geht um Veränderungen, Stimmungen und Seelenlage einer Millionenmetropole – all das mit autobiografischer Note.

Atmosphärisch, symphatisch und voller Lebensfreude.