– Wellen –

Heinz Helle

Als der Protagonist mit einem Freund, der in China lebt, telefoniert und dieser ihm per FaceTime die leeren Straßen (Lockdown) zeigt, dachte ich: Hat die Covid-Pandemie nun auch die Literatur endgültig erreicht?

In Wellen von Heinz Helle geht es um den seit kurzem zweifachen Familienvater Heinz, den der Alltag zwischen Windeln, Hausarbeit und dem Schreiben oft zu schaffen macht, während seine Frau die Hauptverdienerin ist.
Die Pandemie begleitet Heinz, ängstigt und verunsichert ihn, ähnlich wie sein Alltag mit den Kindern und seinen Bemühungen sich von verkrusteten Rollenbildern weg und zu gleichberechtigten Familienmodellen hinzubewegen.

Stellenweise war ich richtig sauer, dass ich diese Gedankengänge, ja manchmal schon dieses “Gejammer” ertragen musste, beschreibt es doch den täglichen Wahnsinn so vieler Frauen, die dem patriarchalen System oft ausgeliefert sind. Doch mir wurde klar, dass diese Tagebuch-ähnlichen Einträge etwas sehr persönliches haben und deswegen auch rigoros subjektiv sind.
Sie sind der Versuch Antworten für das eigene Leben über das Schreiben zu finden.

Ein literarischer Seelen-Striptease, der sich mit Themen wie Geschlechterrollen und Vaterschaft auseinandersetzt.

(unbezahlt/ Rezensionsexemplar)

– Da wo sonst das Gehirn ist –

Sebastian Stuertz

Muss es denn noch ein Coming-of-Age Roman sein?

In diesem Fall sage ich ganz klar: JA!

Nachdem die 17jährige Alina auf der alten Schule gemobbt wurde, sieht sie dem Start an der neuen künstlerisch ausgerichteten Einrichtung erst einmal skeptisch entgegen.

Ihre Mutter Ulli ist von Beruf Clown (seriously), ihren Vater hat sie nie kennengelernt und der Mann, mit dem ihre Mutter viele Jahre zusammengelebt hat, und den sie als Dad kennt, hat nun eine neue Frau und Familie.

Alinas Sorgen schulische Sorgen verfliegen schnell.

Sie findet Anschluss in der Klasse und bekommt schnell das Image eines coolen Nerdgirls, als sie für den “freien Freitag” ihre App vorstellt, die sie selbst gecoded hat.

MUSC wird kurzerhand zum Klassenprojekt, bei dem Alina als Admin/ Entwicklerin für das Social-Network fungiert während ihre Mitschüler:innen in der App anonym Gedanken und Träume austauschen können.

Für kurze Zeit bricht das Chaos aus, als Alina und ihre Mutter von Ray vor die Tür gesetzt werden, bei dem sie eine ganze Weile zur Untermiete in einer Art WG gelebt haben. Da trifft es sich gut, dass Ulli bereits beim ersten Elternabend mit Herrn Carstensen, dem Vater eines Mitschülers, im Bett gelandet ist. Kurzerhand ziehen sie zu Urs Carstensen, dessen Sohn Corvin und Tochter Nina.

Als wäre das Erwachsenwerden und die Vorbereitungen auf das Abitur nicht schwer genug, muss sich Alina nun bei wildfremden Leuten in neuer Umgebung zurechtfinden. Dann sind da noch ihre verwirrenden Gefühle für Malte und das Problem im Netzwerk – es gibt einen User zuviel…

Ein witziger, liebenswerter Roman über das Erwachsenwerden, erste Liebe und Freundschaften. Ich habe das Buch innerhalb von gut zwei Tagen weggelesen. Stuertz schreibt witzige Dialoge und über Menschen, wie wir sie alle kennen. Eine der für mich nervenaufreibendsten Figuren überhaupt, war Clown-Mutter Ulli, die es einfach nicht gebacken bekommt ihrer Tochter ein stabiles Zuhause zu ermöglichen.

Einen großen Negativpunkt muss ich allerdings ansprechen. Ich finde die harmlose Darstellung von Drogenkonsum der Schüler:innen bedenklich. Ich bin nicht naiv und weiß, dass viele Jugendliche auf Partys und auch sonst Drogen konsumieren. Hier vermisse ich aber eine kritischere Auseinandersetzung damit, dass es bei sehr sehr vielen Menschen nicht bei dem Ecstasy, Kokain und LSD hier und da bleibt, sondern diese Art Drogen zu ernsthaften Psychosen, Depressionen und oft auch in die Abhängigkeit führen können.

– Zusammenkunft –

Natasha Brown

Die namenlose Schwarze Protagonistin und Ich-Erzählerin hat einen gutbezahlten Job in Londons Finanzdistrikt, eine Eigentumwswohnung, einen weißen Freund, der sie bei einer “Zusammenkunft” seiner Familie vorstellen möchte.

Aufstieg war nur durch kräftezerrende Anpassung möglich.

Doch dieser Erfolg wird ihr aberkannt. Weiße Kolleg:innen reden von einer Diversity Quote, die erfüllt werden musste oder wie weit es -eine wie sie- gebracht hat.

Der tägliche Kampf mit Alltagsrassismus und der britischen, postkolonialen Klassengesellschaft hinterlässt ihre Spuren.

Von ihrer Ärztin erhält sie eine Krebsdiagnose.

 “Diese Anweisungen: hör zu, sei still, mach dies, unterlass das. Wann hört das auf? Und wohin hat es mich gebracht? Mehr und mehr vom immer Gleichen. Ich bin alles, was man mir befohlen hat zu werden. Es reicht nicht. Jetzt also die physische Zerstörung, passend zur psychischen. Rausschneiden, vergiften, vernichten, diesen neuen, bösartigen Teil von mir. Aber immer kommt was Neues: Die nächste Forderung, die nächste Kritik. Dieses endlose Entsprechen, Erreichen, Übertreffen — warum?”

Die permanenten Mikroverletzungen durch ihr Umfeld, die Angst vor dem sozialen Abstieg, die Vorurteile der Familie ihres Freundes, die sie für eine “Phase” ihres Sohnes halten. Die Ich-Erzählerin erkennt, egal wie gut sie sich anpasst, sie wird sich immer fehl am Platz fühlen und als Fremde in der eigenen Heimat behandelt werden.

Das Debüt von Natasha Brown über die Gegenwart der englischen Gesellschaft. Es sind 113 schonungslose Seiten eines Buchs, welches sich als Anklage gegen das britische Klassensystem versteht.

Hier wird nicht drumherum geredet. Es geht um Privilegien, Machtstrukturen an die sich die weiße Mehrheitsgesellschaft klammert, Diskriminierung und Geschichtsamnesie.

Übersetzung: Jackie Thomae

Zusätzlich möchte ich das Buch aber noch im englischen Original lesen. 

– Große Gefallen –

Lillian Fishman

Eve lebt mit ihrer Partnerin Romi in einer festen Beziehung. Eines Tages lädt sie anonym Nacktfotos von sich hoch um sich auszuleben. Eine der ersten Reaktionen darauf ist die eingehende Nachricht von Olivia. Sie möchte sich gerne treffen.

Olivia, jung und schüchtern mit wunderschönen Locken, möchte Eve gerne ihren Freund vorstellen. Nach anfänglichem Zögern willigt diese ein.

Nathan scheint auf den ersten Blick perfekt zu sein. Das er sowohl Olivias Freund als auch Vorgesetzter ist, stößt Eve etwas sauer auf, doch verfliegen die kritischen Gedanken recht schnell, als sie sich getrieben von Begehren und Lust in eine Dreiecksbeziehung ziehen lässt. Immer wieder hält Olivia sie auf Distanz während Nathan fast schon ganz beiläufig die Zügel in der Konstellation hält.

-Große Gefallen- von Lillian Fishman hat mich allein des Covers wegen schon angezogen. Den Rest hat der Klappentext erledigt, da mich die Story über eine queere Protagonistin in einer Beziehung mit einem heterosexuellen Pärchen sehr interessiert hat. Anfangs hat mich das Buch auch ziemlich in seinen Bann gezogen. Die Sprache fand ich prickelnd und stark. Dinge, Handlungen und Gedanken werden schonungslos ausgedrückt und beim Namen genannt.

Leider ging die anfängliche Spannung ab ungefähr der Mitte des Buches über in eine monotone Aneinanderreihung   von Analysen und Diskussionen von Eve mit anderen Charakteren. Sie schafft es aber ein ums andere Mal nicht aus den ständigen Überlegungen in ein aktives Einsehen zu gelangen oder Antworten auf Fragen zu verlangen.

Ebenso war ich leicht genervt von dem ewigen Thema der jungen Frau, die sich von der Familie — hier der Vater — völlig unverstanden und unter Druck gesetzt fühlt, da er möchte, dass sie einem guten Job nachgeht und etwas aus ihrem Leben macht. Diese Vater-Tochter Beziehung wird auch nur angekratzt aber überhaupt nicht weiter entfaltet, was einen seltsam unfertigen Beigeschmack hinterlässt.

Sprachlich finde ich es absolut lesenswert und die Idee um Machtpositionen und Gruppen-/Beziehungsdynamik ist großartig, aber der Roman schwächelt was die Figurentiefe und Handlungsfäden betrifft.

Gefühlt befand ich mich mit dem Buch in einer toxischen Beziehung. Dafür gabs aber Anlass für ein außergewöhnliches Foto.

– Dshamilja –

Tschingis Aitmatow

Meine Gedanken verweilen seit zwei Tagen bei diesem  literarischen Kleinod.

Dshamilja von Tschingis Aitmatow ist eine knapp 80 Seiten starke Novelle über die Liebe aus dem Jahre 1958.

Erzählt wird die Liebesgeschichte aus der Sicht des 15jährigen Jungen namens Said.

Sein Bruder Sadyk kämpft im Krieg an der Front, sodass seine Schwägerin Dshamilja kräftig anpacken und mit Said die Getreidefuhren zum Bahnhof bringen muss.

Auf den täglichen Fahrten werden sie vom ruhigen, verträumten Danijar begleitet, der ebenfalls im Krieg gekämpft hat und wegen seiner Kriegsverletzungen aus dem Dienst entlassen wurde.

Er gilt als schüchterner Einzelgänger und wird von den Einwohnern des Dorfes nur beiläufig beachtet.

Eines Tages beginnt der wortkarge Danijar auf einer der Touren zu singen. Dshamilja und Said bemerken welchen inneren Reichtum Danijar in sich trägt wenn er über die Liebe, das Leben und das Land singt.

Während Dshamilja und Danijar ihre Liebe zueinander entdecken, wird Said durch Danijars Gesang inspiriert und spürt ein unsägliches Verlangen sich in der Malerei auszudrücken.

“Er war ein zutiefst verliebter Mensch. Aber er war nicht einfach in einen anderen Menschen verliebt — sondern es war eine andere, alles umfassende Liebe zum Leben und zur Erde. Diese Liebe erfüllte ihn ganz, sie klang aus seinen Liedern, sie war sein Leben. Ein gleichgültiger Mensch hätte niemals so singen können, und wenn seine Stimme noch so gut gewesen wäre.”

Ein wunderbares Buch voll der süßen Melancholie. Es kommt völlig ohne SchnickSchnack aus und ist doch so reich an starken, bedeutungsvollen Bildern.

Dieses zarte Erstlingswerk lädt dazu ein es immer wieder zur Hand zu nehmen um es zu lesen.

Übersetzung: Gisela Drohla/ Illustrationen: Stefanie Harjes

– Open Water –

Caleb Azumah Nelson

Ein wunderbarer Debütroman, den ich durchweg empfehlen kann. Wenig Seiten mit sehr viel Inhalt.

Zwei Schwarze Künstler verlieben sich und versuchen ihren Weg gemeinsam zu gehen.

Berührend und poetisch greift Caleb Azumah Nelson Themen wie Identität, Männlichkeit und Liebe auf und wie Beziehungen in einer Welt voller Vorurteile und Gewalt funktionieren. 

Leider noch nicht ins Deutsche übersetzt. Aber ich kann nur stark hoffen, dass daran gearbeitet wird. 

A wonderful debut novel that I can thoroughly recommend. Few pages with a lot of content.

Two black artists fall in love and try to make their way together.

Touching and poetic, @caleb_anelson tackles themes of identity, masculinity, love, and how relationships work in a world of prejudice and violence.

Unfortunately not yet translated into German. But I can only strongly hope that it is being worked on.

– Von einem Sohn dieses Landes –

James Baldwin

Ihr kennt diese Situation: Ihr habt Euch auf einem Gebiet eingelesen, kennt Euch relativ gut aus, könnt dazu gut diskutieren und einen Schwung Bücher ins Gespräch bringen. So weit so gut.
UND DANN kommt eine Autorin oder ein Autor daher und wischt mit ein paar genialen Sätzen und Logik all das mit einer Leichtigkeit eben mal weg.

So ging es mir, als ich “Von einem Sohn dieses Landes” von James Baldwin gelesen habe. Schon im Original war es eine Wucht, doch es nun in der deutschen Übersetzung lesen zu können, versetzte mir nochmal den Todesstoß.
Chapeau Miriam Mandelkow – ich liebe Ihre Übersetzungen von Baldwins Worten und Werken.
Die Sichtweisen auf Richard Wrights “Native Son” oder dem Klassiker “Onkel Toms Hütte” von Harriet Beecher Stowe, die mir Baldwin aufgewiesen hat, hat meine (weiße) Einstellung zu diesen Büchern grundlegend verändert. War ich zuvor der festen Überzeugung hier wirklich etwas über Strukturen des Rassismus zu erfahren, schüttelte er mit ein paar schlichten, aber gehaltvollen Sätzen die Naivität aus meinen Gedanken.

James Baldwin schreibt in seinen Essays über die Identität von Schwarzen Amerikanern, über Rassismus und den immer gleichen Konfrontationen zwischen dem weißen Amerika und ihrer Verunsicherung auf Grund der Schuld, die sie sich in der Vergangenheit aufgeladen hat.
Er erzählt über sich, der Schwarze, homosexuelle Autor, der ein ums andere Mal sein geliebtes Amerika kritisiert, gerade weil er es liebt.
Aber es wäre nicht Baldwin, wenn er nicht auch über sich und sein Aufwachsen in Harlem schreiben würde. Als Stiefsohn eines Baptistenpredigers mit dem es immer wieder Reibereien gab. Wie hart es für die Familie war, die gerade so über die Runden gekommen ist. Wieviel Verantwortung er in jungen Jahren trägt, bis er diese abgibt und nach Paris “flüchtet”. Doch auch dort kann er dem Rassismus und einem komplexen System der Ungerechtigkeit nicht entkommen.

Eine unglaublich aktuelle Lektüre. Prädikat absolut lesenswert.

%d Bloggern gefällt das: