– Gesichter –

Tove Ditlevsen

Die berühmte Kinderbuchautorin Lise Mundus lebt mit Mann Gert und drei Kindern, sowie dem Hausmädchen Gitte in einem Haus.

Gert ist in zahlreiche Affären verwickelt, pflegt ebenso ein sexuelles Verhältnis zu Gitte. Grete, eine weitere Bekanntschaft hat sich mit einer Überdosis Schlaftabletten umgebracht.

Auch Lise nimmt Schlaftabletten, dämmert vor sich hin und bringt keine einzige Zeile zu Papier.

Sie hört Stimmen in den Wasserrohren, verlässt das Haus nicht mehr und driftet immer weiter in den Wahnsinn ab.

Eines Tages schnappt sie sich heimlich die Schlaftabletten, nimmt sie ein, wird aber noch rechtzeitig gerettet und in eine psychiatrische Einrichtung gebracht.

Dort tritt das ganze Ausmaß ihrer Erkrankung zutage. Sie wird zunehmend paranoider, sieht in dem medizinischen Personal die “Gesichter” von Gert und Gitte, die sie und ihre literarische Arbeit als lächerlich verhöhnen.

Wer die Kopenhagen-Trilogie kennt, weiß um die Parallelen nur zu gut Bescheid.

Ein sehr bewegender Roman, der äußerst bedrückend und zugleich faszinierend präzise die Wahnvorstellungen der Protagonistin schildert. Stellenweise weiß man im ersten Moment nicht, ob es sich hierbei gerade um die Realität handelt oder Lises Verstand zunehmend völlig den Bezug dazu zu verlieren scheint.

Atmosphärisch, elegant und immer noch aktuell.

– Das Meer am 31. August –

Jürgen Hosemann

Ein Mann beschließt sich vierundzwanzig Stunden ans Meer zu setzen und aufzuschreiben, was er sieht.

Es ist ein Kommen und Gehen von Menschen, die schwimmen, tauchen, sich lieben, umhergehen.

Ab und zu hört er das Horn eines Schiffes oder bemerkt das sich ständig verändernde Licht.

Die Zeit scheint manchmal still zu stehen und doch gibt es immer eine Art Treiben um ihn herum. Seien es Passanten oder das Meer selbst, dessen Wellen niemals völlig zu ruhen scheinen.

Wer mich gut kennt, weiß sofort warum mir dieses 100 Seiten kurze (Tage-) Büchlein so sehr gefällt. Ich selbst kann ebenfalls Stunden am Meer verbringen um es zu betrachten — nie wird es mir langweilig.

Umso wehmütiger war ich beim Lesen dieser inspirierenden Lektüre über das Sehen und Zusehen.

Ein Kleinod für ruhige Stunden und für zwischendurch.

Erschienen im Berenberg Verlag.

– Das Archiv der Gefühle –

Peter Stamm

Wie ist es wenn man sein Leben verpasst?

In -Das Archiv der Gefühle- von Peter Stamm lebt der namenlose Ich-Erzähler vor sich hin.

Seine Arbeit als Archivar bei einer Zeitung hat er verloren, geht dieser Beschäftigung aber weiterhin im geerbten Elternhaus nach.

“Ich muss eine Akte zum Thema Geräusche des Wassers anlegen, ich frage mich, wo in der Systematik sie hingehört, Natur, Physik, vielleicht sogar Musik? Geräusche, Gerüche, Lichtphänomene, Farben, so vieles fehlt noch in meinem Archiv, so viel Unbeschriebenes, Unerfasstes, Unerfassbares.”

Er hatte Beziehungen, doch gab es nur eine Liebe für ihn, die ihn bis in die Gegenwart begleitet. Franziska, mit der er nie zusammen kam, die später Karriere als Sängerin Fabienne machte und über die er ebenfalls eine Akte führt.

Während der Arbeitslosigkeit beleuchtet er die Stationen seines Lebens und bemerkt, dass es eine Abfolge zahlreicher Ereignisse war, die nirgends hinführten. Selbst als er eines Tages Kontakt zu seiner großen Liebe Franziska aufnimmt, zweifelt er letztendlich daran, ob es eine Zukunft mit ihr gäbe, oder ob es eigentlich nur das archivierte Bild in seiner Vorstellung von ihr ist — die unerreichbare Liebe der er ein Leben lang nachhängt.

Dieses Buch verspricht keine Action, doch es ist eine eindringliche Story über einen Mann, der durchgehend untätig zu bleiben scheint. Er meidet Menschen und blickt auf ein ungelebtes Leben zurück. Doch ab dem Zeitpunkt, an dem er sich mit seiner Geschichte beschäftigt, das Haus aufräumt und das Archiv Stück für Stück entsorgt, kommt so etwas wie ein Funken Hoffnung auf, dass es etwas neues beginnen könnte.

Peter Stamms Romane sind geprägt vom Weglassen. Hier fällt kein überflüssiges Wort. Reduziert und unspektakulär schreibt er einen eindringlichen Roman über Einsamkeit und Illusion.

Von meiner Seite her eine klare Leseempfehlung. (Ich bin aber auch bekennendes Peter Stamm Fangirl)

– Aufbrechen –

Tsitsi Dangarembga

Die kleine Tambu lebt in einem Dorf in Simbabwe, ist klug und wissbegierig, muss sich aber als Mädchen in der Hackordnung hinten anstellen und wird dementsprechend benachteiligt, während ihrem Bruder Nhamo traditionell alle Chancen gegeben werden.
Tambu weiß, dass sie keinesfalls wie ihre Mutter oder die anderen Frauen im Dorf enden will. Mit Abscheu sieht sie zu wie diese auf dem Feld schuften müssen und ein Kind nach dem anderen zur Welt bringen, während sie vor dem Leben an sich resignieren.

Als ihr arroganter Bruder Nhamo verstirbt, rückt sie nach und darf die örtliche Missionsschule besuchen. Ihr Onkel Babamukuru, der einige Jahre in England studieren konnte, leitet die Einrichtung und nimmt Tambu unter seine Fittiche. Zum ersten Mal sieht sie Dinge wie eine Toilette, einen sauberes Zuhause und darf lernen ohne ständig mit Arbeit überschüttet zu werden. Aber wieviel muss man dafür geben?

-Aufbrechen- von Tsitsi Dangarembga gilt heute schon als Klassiker der afrikanischen Literatur. Die Autorin schreibt einen Entwicklungsroman, der gleichermaßen die Auswirkungen des Kolonialismus über Jahre hinaus und die unterdrückenden Strukturen im Patriarchat behandelt.
Spannende, flotte Dialoge bringen das ganze ungerechte System zutage, in dem sich Frauen zu behaupten versuchen.
Der Auftakt einer lesenswerten Trilogie – nicht nur während des #blackhistorymonth

Übersetzung: Ilija Trojanow

– Die Tochter –

Kim Hye-Jin

Eine namenlose Ich-Erzählerin mittleren Alters, lebt allein und arbeitet in einem der kräftezehrendsten Jobs — als Altenpflegerin, in dem sie täglich miterleben muss, wie alte Menschen von der Gesellschaft im Stich gelassen werden.
Das ihre Tochter Green (Mitte 30) homosexuell ist, anstatt ein “normales”Leben als verheiratete Frau mit Ehemann und Kindern zu führen, macht ihr schwer zu schaffen.
Immer wieder redet sie auf ihre Tochter ein, diesen Unsinn endlich hinter sich zu lassen. Sie könne den Spieß noch umdrehen. Ihre Tochter möchte davon nichts wissen und fragt stattdessen: 

„Warum kannst du mich nicht akzeptieren, wie ich bin?”

Als Green mit ihrer Lebensgefährtin Rain aus finanziellen Gründen in das Haus ihrer Mutter mit einziehen muss, prallen die beiden Welten aufeinander. Die Mutter zeigt deutlich ihre Missbilligung gegenüber der Lebensweise des lesbischen Paares, hat sie doch ihr gesamtes Leben der Familie und der Kindererziehung gewidmet, wie es sich gehört. Green hingegen arbeitet als Lehrbeauftragte an einer Universität, ihr Beschäftigungsverhältnis ist unsicher und sie beteiligt sich an Protesten gegen die Universitätsverwaltung, die in jüngster Vergangenheit homosexuelle Kolleg*innen entlassen hat.

Mutter und Tochter geraten immer wieder aneinander. Man möchte meinen sie wären grundverschieden und doch merkt man immer wieder, in wie vielen Dingen sie sich ähneln, ohne sich der Gemeinsamkeiten bewusst zu werden.
Beide arbeiten, haben aber keine sichere Anstellung. Beide kümmern sich um andere und setzen sich für Gerechtigkeit ein. Die Mutter für eine menschenwürdige Behandlung ihrer Patientin Tsen im Pflegeheim, ihre Tochter Green geht auf Demos um auf das Fehlverhalten der Universität gegenüber homosexuellen Mitarbeiter*innen aufmerksam zu machen.
Langsam beginnt die Mutter zu fragen:

Wo stehe ich und wo sollte ich stehen?“

Ein wirklich gelungener Roman, der einige prekäre Missstände der koreanischen Gesellschaft aufgreift und die mir nicht allzu weit entfernt von unserer westlichen Lebensrealität liegen.

Übersetzung: Ki-Hyang Lee

– Schwarzes Herz –

Jasmina Kuhnke

Spätestens seit der Absage ihrer Teilnahme an der #fbm21 im Oktober 2021 kommt man an -Schwarzes Herz- von Jasmina Kuhnke nicht vorbei, ohne aufzuhorchen.

In ihrem Buch erzählt eine Schwarze Ich-Erzählerin im Wechsel über ihre Kindheitserinnerungen als mixed child einer serbokroatischen Mutter und eines senegalesischen Vaters, sowie ihrem Erwachsenenleben als junge Mutter, die in einer toxischen Ehe gefangen ist.
Geboren in Duisburg Anfang der 90er Jahre und als einzige Schwarze Person in ihrem Umfeld, wird sie von Beginn an rassistischen, diskriminierenden Anfeindungen und Ausgrenzungen ausgesetzt. Ihre Mutter steckt in einer schlechten Ehe, arbeitet als Krankenschwester und finanziert die Familie, während der Stiefvater hauptsächlich faul und rassistisch ist.
In der Schule werden ihre Leistungen wegen ihrer Hautfarbe schlechter bewertet, sie findet keinen Anschluss und auch häufige Schulwechsel helfen über die strukturellen Rassismusprobleme Deutschlands nicht hinweg. Nur im Sport kann die Protagonistin glänzen, doch auch hier machen Klischees und letzten Endes ihr eigener Körper ihr einen Strich durch die Rechnung.
Als Erwachsene wird ihre Ehe mit einem gewalttätigen, misogynen Mann zur Tortur. Er isoliert sie, demütigt und schlägt sie, macht sie finanziell von sich abhängig und kontrolliert ihr gesamtes Leben. Zwischen seinen Ausrastern und vermeintlichen “Heile-Welt”-Momenten kommen die beiden gemeinsamen Kinder. Eines Tages nimmt sie das kleine rote Notizbuch zur Hand, welches sie einmal von einer Freundin geschenkt bekam. Sie beginnt zu schreiben. Schreibt sich selbstsicher, schreibt sich neu, schreibt sich letztendlich frei und findet endlich die Kraft ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.

Dieses Buch ist inhaltlich erschütternd und für den gesellschaftlichen Diskurs extrem wichtig. Es ist hart, es steckt voller Schmerz und Wut. Es sollte uns als weiße Mehrheitsgesellschaft wachrütteln, was und wie oft etwas gewaltig schief läuft in unserem “ach so tollen” System und was immer noch von viel zu vielen weißen Menschen ignoriert oder abgetan wird.

Die derbe, vulgäre Sprache hat mich ziemlich abgestoßen. An einigen Stellen war es mir zu roh, zu gewollt und es fehlte an Substanz. Darunter mischen sich kitschige Ausdrücke und holprige Metaphern.

Dennoch ein unentbehrlicher Beitrag im Diskurs um Rassismus und Misogynie insbesondere in Deutschland. Für mich ist es kein Roman, sondern vielmehr ein schonungsloser Erfahrungsbericht, der auf jeden Fall seine Berechtigung in der Literaturlandschaft hat. 

– Die Farbe Lila –

Alice Walker

Liebe Celie, liebe Nettie,

ich habe Eure Geschichte gelesen. Ihr seid in Georgia aufgewachsen. 20. Jahrhundert. Damals eine schwierige Kindheit besonders für Schwarze Mädchen.
Miss Celie, nachdem Dich Dein Vater vergewaltigt und zweimal geschwängert hat, hat er Adam und Olivia nach der Entbindung weggebracht, ohne Dir zu sagen ob sie noch leben oder tot sind.
Auch hat er Dich an Mr. verheiratet, weil er die Nettie nicht hergeben wollte. Mr. ist ein gewalttätiges Schwein, dass Dich bei jeder Gelegenheit schlägt und für den Du nur Arbeitskraft bist. Ich habe mich so sehr für Euch gefreut, als Nettie kurze Zeit später zu Besuch kam, um von Eurem Pa wegzukommen.
Als Mr. von Dir nicht bekommen hat was er wollte Nettie, hat er Euch getrennt. Ihr wolltet Euch schreiben, habt gemeinsam fleißig Schreiben und Lesen gelernt. Aber Mr. sagte, Ihr würdet nie wieder voneinander hören. Es war herzzerreißend.

Kurze Zeit später brachte Mr. Shug Avery nach Hause. Die war schon ne Marke, diese Shug. Mr. wollte eigentlich sie zur Frau, hat sie aber nicht bekommen.
Sie hat wieder Liebe und Freundschaft in Dein Leben gebracht, Miss Celie. Hat sogar einen Song für Dich geschrieben. Und ganz langsam hast Du Deinen Mut gefunden Miss Celie. Hast gekämpft. 

Ich habe die Neuübersetzung -Die Farbe Lila- von Alice Walker im #buddyread mit der lieben @leseminze gelesen.
Das Buch habe ich schon vor vielen Jahren in einer anderen Übersetzung gelesen und die Bücher miteinander verglichen. Wenn man die grandiose Verfilmung mit Whoopi Goldberg in der Rolle der Celie kennt, hat man das Gefühl in der neuen Übersetzung den gesamten Film zu lesen. Manche Dialoge sind 1 zu 1 mit der Synchronisation des Films identisch. Ich hatte beim Lesen immer wieder die Kulissen und die Schauspieler vor Augen. Lediglich das Verhältnis zwischen Celie und Shug ist im Buch nicht so heruntergespielt, wie es im Film gemacht wurde. So wichtig!
Fakt ist: Dieser Klassiker ist berührend, mitreissend und gefühlvoll.

Übersetzung: Cornelia Holfelder- von der Tann

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