– Die Kunst zu lesen –

Frank Berzbach

“Es gibt Buchmenschen. Für sie gehört der Umgang mit Büchern zur Lebenskunst, sie sind mehr als Zeitvertreib und mehr als ein -Hobby-.”

Hingabe ist für Frank Berzbach nicht nur ein Wort, sondern eine Lebenseinstellung. 

Ob handgeschriebene Briefe, eine Affinität zum Analogen, Musik, Spiritualität oder eine handgefertigte Teetasse mit kleinen Schönheitsfehlern. Er zelebriert, er fließt hinein, ist achtsam.

Die Kunst zu lesen handelt von einer weiteren Passion. Die Liebeserklärung an die Literatur. Er schreibt über Bücher, die ihn begleiten, über uns Leser*innen, die literarisch reisen und auf diese Weise einzigartigen Menschen begegnen, fremde Orte und Welten entdecken und sich dem geschriebenen Wort hingeben.

Er erzählt uns Buchmenschen von seinen bisherigen Begegnungen in der Welt der Geschichten, die uns so sehr faszinieren können und die so essentiell für uns sind.

Ich habe mir eines der Exemplare aus der Sonderedition bestellt. Frank, der Literaturverführer, hat diese speziellen Ausgaben angereichert mit eigenen Notizen, privaten Gedanken und Fotos, die diese ganz spezielle Stimmung transportieren. Book Provocateur.

Sobald ich es aufschlage spüre ich eine tiefe Verbundenheit zu dieser Gemeinschaft der Lesenden. Vieles kommt mir bekannt vor, ich schreibe meine Gedanken dazu, möchte Ideen zusammenbringen, mich in irgendeiner Form beteiligen. Eine wohlige Form der Gemütlichkeit und Nostalgie.

– Wo auch immer ihr seid –

Khuê Pham

Kieu hat sich in Kim umbenannt, weil nicht einmal sie selbst ihren vietnamesischen Namen korrekt aussprechen kann.

Sie ist 30 Jahre alt, lebt in Berlin, arbeitet als Journalistin und ist mit Dorian liiert, einem Deutschen der in Berliner Szenelokal arbeitet.

Als Kind vietnamesischer Einwanderereltern wächst sie mit ihren Geschwistern in zwei Kulturen auf.

Kim identifiziert sich weitaus mehr mit der deutschen Kultur und ist ziemlich überrascht, als sich eines Tages ein Mann über Facebook bei ihr meldet, der sich als ihr Onkel Son herausstellt.

Der Bruder ihres Vater, der mittlerweile in Kalifornien (USA) lebt, informiert die Familie über den Tod der Mutter/Großmutter.

Kieu/Kim reist mit ihren Eltern nach Kalifornien um der Testamentseröffnung beizuwohnen und kommt so noch dem ein oder anderen Familiengeheimnis auf die Spur.

Wie gut kennt sie ihren Vater Minh und warum immer nur geschwiegen?

Für mich war “Wo auch immer ihr seid” von Khuê Pham die ausdrucksstarke und aufwühlende Familiengeschichte, die ihre Spuren hinterlässt.

Schmerzhafte Themen wie Krieg, (Familien-) Trennung, Flucht und die Hoffnung auf ein besseres Leben, prallen auf Weitermachen in einer fremden Kultur, an die man sich so gut wie nur irgend möglich anpassen möchte.

Die Autorin schafft es geschickt die Rückblenden aus drei Generationen durch den Roman zu führen und die Spannung zu halten. Der Krieg wird nicht detailliert beleuchtet, aber die Beschreibungen reichen insoweit aus, dass man die bedrückende und verzweifelte Situation des damaligen Bürgerkriegs und des Kommunismus erahnen kann. Hier bekommt man praktisch eine Einladung zur Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg und dessen Folgen.

Khuê Pham hat viel von sich preisgegeben in ihrem Debütroman. Sprachlich ist er eher schlicht gehalten, was dem Inhalt allerdings nicht schadet. Ein interessantes und vor allem lesenswertes Buch über Familienstrukturen.

Auf dieses Buch aufmerksam gemacht, hat mich Silvi von Feiste Bücher Podcast: https://open.spotify.com/show/05zeNoLcPXU9HUIF4hDu36?si=Is344cHBTr2D_e0dBzk51Q&dl_branch=1

– Der Geist von Tiger Bay –

Nadifa Mohamed

Wenn man den Namen -Mahmood Mattan- bei Google eintippt, dann kann man kaum glauben was alles in einer angeblich zivilisierten Gesellschaft möglich ist.

Mahmood Mattan, ein somalischer Seemann, findet in den 50er Jahren ein neues zu Hause in Großbritannien, Cardiff. In TIger Bay schlägt er Wurzeln, findet in der Waliserin Laura eine Ehefrau und gründet eine Familie.

Wie (leider) nicht anders zu erwarten müssen sie sich mit Rassismus gegen ihre multikulturelle Ehe herumschlagen.

Irgendwann folgt die Trennung, doch sie wohnen noch nah beieinander.

Einen Job kann Mahmood nicht lange behalten, er spielt gerne und verdient sich durch kleine Ganovenjobs hier und da noch was dazu. Nichts womit man eine fünfköpfige Familie ernähren kann.

Als die jüdische Ladenbesitzerin Violet nach Geschäftsschluss noch einen letzten Kunden bedienen will, wird sie kurze Zeit später von ihrer Familie brutal ermordet aufgefunden.

Die Polizei von Cardiff ermittelt und findet in dem unschuldigen Mahmood ein perfektes Opfer, um einen Ermittlungserfolg zu präsentieren.

Es folgen fingierte Beweise, Falschaussagen durch Belastungszeugen und ein Weißes Gericht, welches Mahmood kaum bis gar keine Chance lässt.

Nadifa Mohamed legt den Finger in die Wunde unserer Zeit. Was leicht zu erkennen ist, wenn man nicht völlig ignorant ist – wir sind nicht wirklich weiter gekommen.

Anfangs zog es sich für mich ein wenig, aber das Tempo wird spätestens ab dem Gerichtsprozess angezogen.

Sie schreibt über einen Mann, der zum “Geist” wird, da die rassistischen Strukturen in seiner neu gewählten Heimat kein Ankommen ermöglichen.

Vorurteile, Hass und Ablehnung führen dazu, dass er obwohl er es nicht schaffen kann, versucht unsichtbar zu sein, um keinen Preis auffällig zu werden und sich den Blicken der Öffentlichkeit weitestgehend zu entziehen.

Die Autorin lässt zwar Fakten und Fiktion in ihrem Roman miteinander verschwimmen, doch die Wahrheit liegt ungeschönt auf allen Seiten.

Nominiert für den Booker Prize 2021.

– Daheim –

Judith Hermann

Eine Frau wagt in der Mitte ihres Lebens einen Rückblick. In ihrer Erinnerung findet sie zurückliegende Begegnungen wie die mit einem Zauberer, für den sie in seiner Show als Assistentin um die Welt reisen sollte.

Stattdessen heiratete sie Otis und bekam Tochter Ann. Als diese auszieht, verlässt die namenlose Ich-Erzählerin ihren Mann.

Fortan lebt sie zurückgezogen an der Küste, arbeitet als Kellnerin in der Kneipe ihres älteren Bruders, der zu ihrer Verwunderung mit der 20jährigen Nike eine Beziehung führt.

In Arild, dem örtlichen Eigenbrötler, findet sie einen fähigen Liebhaber weniger Worte. Dieser hat eine Schwester, die ungezwungene Mimi, mit der die Protagonistin eine nachbarschaftliche Freundschaft eingeht.

“Daheim” von Judith Hermann ist ein Roman, der scheinbar keine Handlung hat. Vielmehr transportiert er meiner Meinung nach eher ein Gefühl der Leere, Suche nach Nähe. Alle Figuren scheinen emotional verkümmert zu sein. Sie leben dort draußen, in der kargen Landschaft am Meer und leben doch nur aneinander vorbei. Hier und da streifen sie sich, doch sind sie alle gefangen in ihrer Unfähigkeit und Isolation.

Die spröden, hypnotischen Zeilen haben mich sehr gefesselt, aber ich bin mir ziemlich sicher dies ist ein Buch, welches vielen Lesern Probleme bereiten kann.

Niemand ist tatsächlich sympathisch, Chancen werden einfach nicht ergriffen, alle kreisen in ihrem eigenen kleinen Kosmos umher.

Für mich ein Roman zum Verweilen und Eintauchen.

– Krokodilwächter –

Katrine Engberg

Als die Literaturstudentin Julie brutal ermordet aufgefunden wird, gerät zunächst ihre Vermieterin Esther de Laurenti unter Verdacht.

Diese ist pensionierte Dozentin und schreibt an einem Kriminalroman, dessen Inhalt mit dem Tathergang im Mordfall Julie beunruhigend übereinstimmt.

Aber nicht nur Esther ist verdächtig, auch Familienmitglieder Julies oder ehemalige Liebhaber.

Das Ermittlerduo Jeppe Kørner und Anette Werner ,von der Mordkommission, versuchen Licht ins Dunkel dieses verwirrenden Falls zu bringen, während ein ums andere Mal ihre Recherchen ins Leere laufen.

Doch nicht nur die Ermittlungsarbeit macht Jeppe zu schaffen. Während seine Partnerin Anette eine langjährige, glückliche Ehe führt, kämpft er mit der bevorstehenden Scheidung von seiner Frau, mit Medikamentensucht und Erektionsproblemen.

Krokodilwächter habe ich im Zuge der 25. #diogenesbacklistlesen Leserunde gelesen. Es hat mir Spaß gemacht, das Buch mit den anderen Mitgliedern der Gruppe zu lesen.

Für mich persönlich war es ein unterhaltsames Buch, welches mich sehr an skandinavische Krimis á la Wallander erinnert haben. Der nüchterne, schnörkellose Ton und die klaren Beschreibungen mag ich sehr!

Das Ende des Buches hat mich etwas unbefriedigt zurückgelassen. Das Team Jeppe/Anette schien mir selbst nicht genau zu wissen, wie der Mord zustande kam und wie sie auf die Lösung des Falls gekommen sind.

Auch waren die Ermittlerfiguren eher blass und austauschbar. Die grandiose Charakterzeichnung, von der ich in einigen Rezensionen gelesen hatte, konnte ich in 500 Seiten leider nicht finden.

Spannned, aber mit Schwächen ist es dennoch ein gutes Buch für zwischendurch.

Wieder einmal eine wunderbare Leserunde mit der Diogenes Backlistlesen Gruppe auf Facebook und abschließendem Zoom Meeting mit der Autorin höchstpersönlich.

Vielen Dank und viele Grüße an Susanne von Diogenes, Brigitte und natürlich großen Dank an Frau Engberg für den wundervollen Abend!

– Sonny’s Blues –

James Baldwin

“Then they all gathered around Sonny, and Sonny played. Every now and again one of them seemed to say, Amen. Sonny’s fingers filled the air with life, his life. But that life contained so many others. And Sonny went all the way back, he really began with the spare, flat statement of the opening phrase of the song. Then he began to make it his. It was very beautiful because it wasn’t hurried and it was no longer a lament. I seemed to hear with what burning he had made it his, with what burning we had yet to make it ours, how we could cease lamenting. Freedom lurked around us and I understood, at last, that he could help us to be free if we would listen, that he would never be free until we did. Yet, there was no battle in his face now. I heard what he had gone through, and would continue to go through until he came to rest in earth. He had made it his: that long line, of which we knew only Mama and Daddy. And he was giving it back, as everything must be given back, so that, passing through death, it can live forever.”

Ein namenloser Ich-Erzähler liest in der Zeitung über die Verhaftung eines Mannes wegen Heroinkonsum und Verkauf. Es ist sein jüngerer Bruder Sonny, von dem er seit Jahren entfremdet ist.

Während Sonny einen wilden Lifestyle als Jazz-Musiker (Piano) geführt hat, wurde sein Bruder ein Lehrer für Algebra und führt ein pflichtbewusstes Leben als Ehemann und Vater.

Die Tochter des Erzählers verstirbt an Polio, was ihn dazu bewegt sich bei Sonny zu melden.

Nach seiner Haftentlassung zieht dieser bei der Familie seines Bruders ein.

Nach einiger Zeit lädt Sonny seinen Bruder zu einem seiner Auftritte in einem Nachtclub ein, damit sie sich wieder näher kommen.

Die Brüder, deren Lebenswandel nicht unterschiedlicher sein könnten, erkennen dass sie trotz aller Unterschiede in der gleichen Position sind, wieder in Harlem leben und selbst die Kinder des Ich-Erzählers vor den gleichen Problemen und Herausforderungen stehen wie er selbst sein gesamtes Leben.

“I was yet aware that this was only a moment, that the world waited outside, as hungry as a tiger, and that trouble stretched above us, longer than the sky.”

. Ein Kleinod voller Symbolik, Anspielungen und Kritik.

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– Die Narayama Lieder –

Shichiro Fukazawa

„Im rauen japanischen Hochland beherrscht die Natur das Leben der Dorfbewohner. Der Winter ist hart, auch für die zähe Orin, die sich unentwegt um das Glück ihres Sohnes sorgt.Doch bald muss sie sich verabschieden, denn der Brauch gebietet, dass sich die Alten mit siebzig auf eine Reise begeben, von der sie nicht zurückkehren.“

Ein wunderbares Kleinod der japanischen Literatur!Eine kleine Geschichte über leben und sterben, die Liebe und die Würde des Menschen.Ein Klassiker und absolut lesenswert!

Übersetzung: Thomas Eggenberg

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