– Lesemonat November 2020 –

Jetzt bin ich bereit für den Monatsabschluss und liste nochmal die Bücher im November auf:

  • Fatou Diome – Ketala
  • Gabriel Josipovici – Wohin gehst du, mein Leben?
  • Maria Isabel Sánchez Vegara – Little People, Big Dreams – Hannah Arendt
  • Mercedes Spannagel – Das Palais muss brennen
  • Thilo Krause  – Elbwärts
  • André Hille – Das Rauschen der Nacht
  • Don DeLillo – Die Stille
  • Felix Schmidt – Amelie
  • Martyna Bunda – Das Glück der kalten Jahre

Meine Highlights im November:

– Das Glück der kalten Jahre –

Martyna Bunda

Dieses Buch habe ich von Anfang bis Ende genossen!

Die Geschichte ist in einem kaschubischen Dorf verortet.

Dort lebt Rozela mit ihren drei Töchtern Gerta, Truda und Ilda.

Diese vier starken, klugen Frauen führen ein selbstständiges, unabhängiges Leben in ihrem Haus in Dziewcza Góra.

So meistern sie die Entbehrungen des Krieges, politische Probleme wie den Kommunismus, der noch sehr lange bestehen soll und den oft schwierigen Alltag mit ihren Ehemännern oder Kindern. Immer wieder trennen sie sich räumlich, finden aber auch oft wieder im Elternhaus zusammen.

Ich feiere dieses Buch sehr stark. Nicht nur, weil meine polnischen Wurzeln durchschlagen, ich vor meinem geistigen Auge die Orte auf der Landkarte sehen konnte und die Namen der Protagonisten oder die Städte aussprechen kann. (In einigen habe ich selbst Verwandtschaft)

Vielmehr auch wegen der leidenschaftlichen Beschreibungen dieser stolzen, charakterstarken Frauen, die mich sehr an meine Mutter und Großmutter erinnern, sich nicht unterkriegen lassen und ihr Leben in die Hand nehmen.

Den Ton, den Martyna Bunda in ihrem Roman anschlägt, kenne ich von meiner Familie sehr gut. Das Beste aus dem Leben zu machen, sich von Krisen nicht unterkriegen zu lassen und auch in den schwierigen Zeiten das Gute nicht zu übersehen.

Führe Dein Leben mit einem Partner, aber lass es ihn nicht übernehmen.

Meine Mutter verwendete immer ein Sprichwort: „Der Mann ist der Kopf; die Frau ist der Hals; die den Kopf dreht wie es ihr passt.“

Ein kluges, manchmal trauriges und starkes Debüt!

– Amelie –

Felix Schmidt

Der achtzigjährige Journalist Max wird von seiner viel jüngeren Frau Amelie nach 25 Ehejahren betrogen. „Der Andere“ ist kein geringerer als Paul, ein gemeinsamer Freund des Paares. Als Dirigent ziemlich erfolgreich, kulturell sehr bewandert und deutlich jünger als Max.

Als Max von dem Betrug erfährt, verliert er jeglichen Boden unter den Füßen, verfällt in Depressionen und taucht unaufhörlich in einem Wechselbad aus Gefühlen wie Wut, Einsamkeit und Hoffnung. Die Tatsache, dass er ihre Briefe und Mails mit Paul liest und so das ganze Ausmaß offenbart wird, macht es nur noch schlimmer.

Amelie hingegen bemüht sich fast schon penetrant immer wieder den Kontakt zu ihrem Ehemann aufrecht zu erhalten und die Ehe zu retten, obgleich sie ebenso ihre Affäre mit Paul nicht beenden möchte. Vielmehr wäre ihr Wunsch mit beiden Männern zu leben. In der Ehe mit Max und Reisen sowie Wanderungen mit Paul, der ihr eine völlig neue Welt erschließt, wie sie erklärt.

Ich war von Anfang bis Ende völlig gefesselt von diesem 150 Seiten-Roman. Felix Schmidt schreibt absolut schonungslos und sehr persönlich über diesen Ehebruch.

Ich war völlig mitgerissen und sehr betroffen von Max’ Leidensweg, aber ebenso regelrecht empört über die teils manipulativen und verletzenden Äußerungen Amelies.

Hochemotional, aufreibend und intim.

(unbezahlte Werbung/ Rezensionsexemplar)

– Die Stille –

Don DeLillo

DeLillos „Die Stille“ ist ein Kammerspiel par excellence und wird vermutlich irgendwann auf die Theaterbühne gebracht werden.

Der Roman spielt im Jahr 2020. Es ist Super Bowl, Diane und Max haben Freunde eingeladen die Übertragung gemeinsam anzusehen, da passiert die Katastrophe.

Plötzlich fällt der Strom aus, der TV-Bildschirm ist schwarz, Netzwerke, Heizungen, Kühlschränke, Licht….alles außer Funktion.

Wer hinter dem Blackout steckt weiß niemand genau. Über einen (Cyber-) Angriff der Chinesen oder anderer Mächte wird spekuliert.

Tessa und Jim verspäten sich, da ihr Flugzeug auf dem Rückflug von Paris eine Bruchlandung hingelegt hat. Dieser steht offenbar auch mit der Katastrophe in Zusammenhang. Beide machen sich auf den Weg zu ihren Gastgebern, nachdem Jims Platzwunde am Kopf im Krankenhaus versorgt wurde.

Als sie in dem Appartement eintreffen, funktioniert überhaupt nichts mehr.

In dieser Stille beginnen die fünf Figuren über alles mögliche zu sprechen. Max über das Spiel, welches er gar nicht sieht. Martin schwadroniert über Einstein, Kryptowährung und allem möglichen Online-Kram, Tessa über ihre Vorliebe zu Notizbüchern, die sie immer bei sich trägt und permanent Gedanken festhält.

Don DeLillo schreibt über die Abhängigkeit von Technologie und was übrig bleibt, wenn diese nicht verfügbar ist. Der Ausschnitt einer Szene wie Menschen reagieren, wenn sie nicht mehr in den TV oder auf das Smartphone starren können.

Die Stille spürt man regelrecht in der reduzierten, prosaischen Sprache. Beklemmende Stimmung. Es lädt zum philosophieren ein und hallt nach.

Es war ein interessantes Buch, aber es hat mich nicht richtig abgeholt. Die Protagonisten haben kein wirkliches Gefühl ausgelöst, da sie mehr vor sich hin, als miteinander geredet haben. 

Klar, knapp und verstörend.

– Das Rauschen der Nacht –

André Hille

Jonas und Birte leben mit ihren beiden Kindern im neu gebauten Haus auf dem Land.

Als Baumängel am Eigenheim die Familie in finanzielle Schwierigkeiten stürzt und auch in Jonas’ Start-up Unternehmen nach drei Jahren immer noch kein richtiger Erfolgswind einkehrt, verändert sich einiges in seinem Leben.

Ab diesem Zeitpunkt kommen irgendwie immer mehr Probleme hinzu, auch den teils leichtsinnigen Entscheidungen geschuldet, die Jonas ein ums andere Mal trifft.

André Hille schreibt in seinem Debüt über einen Familienvater, der sich aus seinem Leben zurückziehen möchte, um dem Druck in Beruf und Familie zu entkommen und der sich so auf ganz gefährliches Terrain begibt. Ein ums andere Mal dachte ich: „Nein, tu es nicht…das kann gar nicht gut gehen und wird nur noch mehr Probleme schaffen!“

Für mich war dieses Buch eher leichte Unterhaltungsliteratur. Es liest sich sehr flüssig, hat aber seine Schwächen.

Kurzweilig, flott erzählt aber gewöhnlich.

Ein Roman für zwischendurch. 

– Elbwärts –

Thilo Krause

Elbwärts von Thilo Krause wurde im letzten Literaturclub von Elke Heidenreich in die Runde gebracht. Für mich Grund genug dem Buch eine Chance zu geben.

Der namenlose Ich-Erzähler kehrt nach vielen Jahren in seine Heimat (Sächsische Schweiz) in die „Stadt-die-keine-ist“ zurück. Es begleiten ihn seine Frau Christina, eine Physiotherapeutin und seine ebenfalls namenlose Tochter, genannt „die Kleine“. Wenige Kilometer vom Heimatort entfernt, mieten sie ein Haus auf einem Berg.

Der Protagonist kehrt mit gemischten Gefühlen heim, denn er wird auch auf Vito treffen, seinen ehemals besten Freund, der bei einer der waghalsigen Klettertouren im Elbsandsteingebirge als Kind verunglückte und ein Bein verlor.

Auch die ihm vertraute Umgebung hat sich sehr verändert. So gilt er jetzt als Fremder und wird von den Einwohnern eher misstrauisch und unfreundlich behandelt, statt mit offenen Armen empfangen. Ebenso hat sich das Landschaftsbild verändert. Die schönen Erinnerungen an das Leben in dem Ort werden nun von herumwandernden Nazis getrübt.

Der Ich-Erzähler ficht einen Kampf mit sich, seiner Vergangenheit, den Schuldgefühlen wegen Vitos Bein und der Anwesenheit von Glatzen samt ihren Schmierereien und deutschen Schäferhunden. Das ist nicht die Heimat, die er erwartet hat.

Und dann kommt die Elbe…2002, die Flutkatastrophe an die sich sicher noch viele erinnern.

Thilo Krause schreibt einen Heimatroman, der keiner ist. Hier verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart; Szenen aus Kindheit und aktuellen Ereignissen mischen sich.

Er schickt den Ich-Erzähler auf eine Suche nach sich selbst, sehnsüchtig und schwer gezeichnet von dem tragischen Unglück des Freundes in Jugendzeiten.

Poetisch, dicht und sehr sensibel aber niemals kitschig.

Allerdings – ein Buch das Ruhe braucht!

– Das Palais muss brennen –

Mercedes Spannagel

„Das Palais muss brennen“ ist der Debütroman von Mercedes Spannagel und für den österreichischen Buchpreis 2020 nominiert.

In ihrem Erstlingswerk persifliert und spottet Spannagel der rechten Politiklandschaft.

Im Zentrum steht Luise „Lu“, Tochter einer rechtskonservativen Bundespräsidentin in Österreich. Um der hundesammelnden Mutter (9 Windhunde) eins auszuwischen besorgt sie sich einen Mops, den sie kurzerhand Marx tauft.

Sie provoziert mit ihren Ansichten, wirft Waffen der rechten Jagdgesellschaft in den Pool, lebt im Palais ein privilegiertes Leben mit ausschweifendem Sexualleben und kokst sich regelmäßig zu. Mit ihren linksgerichteten Intellektuellen-Freunden plant sie auf dem Opernball ein provokante Kunstaktion zu installieren, doch dann geschieht unerwartetes…

Ich bin zwiegespalten, was dieses Buch angeht. Einerseits fand ich es wirklich voller Sprachwitz, sarkastisch und messerscharf analysiert. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass die Handlung etwas zu kurz kam, weil sie neben den vielen sexuellen Eskapaden Lus und dem ständigen Drogenkonsum in den Hintergrund rückte.

Die Dialoge sind frech, amüsant und trösten über die o.g. Mängel hinweg, allerdings hätte ich persönlich doch gern etwas weniger Hedonismus und dafür mehr Widerstand gegen Rechts gelesen.

Nichtsdestotrotz bin ich sicher, dass dieses Buch eine Menge Leser mit seinem frischen und spritzigen Ton begeistern kann.

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