– Vati –

Monika Helfer

„Wir sagten Mutti. Unser Vati wollte es so.“

Wie schon in „Die Bagage“ erzählt Monika Helfer in „Vati“ Geschichten aus ihrem Leben.

In den episodenhaften Erinnerungen, die zeitlich hin- und herspringen, berichtet die Autorin über das Leben mit Vati, seiner großen Liebe für Literatur und Bücher, seine Verwundung im Krieg.

Ein schweigsamer Typ war er, der Vati. Doch mit Monika verband ihn etwas spezielles. Sie hatten ihre kleinen Geheimnisse, ihre Blicke, ihre Gedanken — er forderte ihr Interesse an Büchern ein. Er machte sie zu Komplizen.

„Meine ersten beiden Bücher, einen Erzählband und einen Roman, erlebte er noch, und ich brachte ihm je ein Exemplar mit einer Widmung — „Für Vati, Du siehst, auf dem Rücken steht mein Name.“ Ich war gerührt, den ganzen Abend war er dagesessen mit den Bänden in seinen Händen, hatte sie gestreichelt, hatte daran gerochen, hatte irgendwo aufgeschlagen und mit hochgezogenen Brauen einen Absatz gelesen, ohne Kommentar. Als ich das nächste Mal zu Besuch kam, sah ich, dass er meine Bücher im Regal für deutschsprachige Autoren eingeordnet hatte, immerhin gleich hinter Heinrich Heine.“

Es war ein einfaches Leben voller Entbehrungen, welches die Bagage geführt hat. Später als Leiter eines Kriegsopfer-Erholungsheimes, widmete er sich wieder seiner Bibliothek, dort oben in den Bergen. Weiterhin sehr still, wie es viele Männer dieser Generation gewesen sind.

Dieses Leben war für niemanden leicht.

Monika Helfer schafft es auf wenig Seiten Großes zu erzählen. Ohne Hektik und leise erinnert sie sich voller Respekt, auch an weniger angenehme Dinge.

Sensibel, lakonisch und atmosphärisch.

Erscheinungstermin: 25.01.2021

Vielen Dank an @hanserliteratur und @vorablesen für dieses wundervolle Rezensionsexemplar!

– Ein wenig Leben –

Hanya Yanagihara

Jude, Willem, JB, Malcolm…

…Namen, die mich von heute an immer begleiten werden.

Sie gehören vier Männern, deren Leben ich eine Zeit lang mit gelebt habe. Durch ihre Augen erfuhr ich Leid, Kummer, Agonie….aber auch Liebe, Freundschaft und Wertschätzung.

Ich neige dazu überhaupt keine langen Rezensionen zu lesen und so war ich definitiv unvorbereitet, was mich zwischen den Buchdeckeln in diesem Buch erwartet. Auf über 900 Seiten reisst uns Hanya Yanagihara immer wieder das Herz entzwei und flickt es dann wieder zusammen.

Eigentlich habe ich öfter daran gedacht, das eine Trigger-Warnung auf dieses Buch gehört, weil es einige Stellen gibt, die fast unerträglich sind. Ich habe sehr geweint. Es waren Tränen eines mitfühlenden Menschen, es waren Tränen einer Mutter. Viele, viele Tränen.

Und dann gibt es Abschnitte, in denen man die ganze Palette menschlicher Wärme empfindet und sich unbändig für die Protagonisten freut. Ein wundervolles Buch, mit einem der schlimmsten Schicksale, von dem man je gehört hat.

Die einzige kleine Schwäche empfand ich in ein paar Längen.

Dringende Leseempfehlung – aber Achtung: nichts für zarte Gemüter.

Ergreifend, kräftezehrend, außergewöhnlich.

– Parade’s End –

Ford Madox Ford

HBO Miniseries

Vor ein oder zwei Jahren habe ich auf Arte eine HBO Miniserie gesehen, deren Inhalt mir irgendwie bekannt vorkam.

Es handelt sich um die Adaption des Klassikers „Parade’s End“, einer Tetralogie von Ford Madox Ford.

Die Geschichte dreht sich um Christopher Tietjens, einem britischen Landedelmann, der brillante Arbeit als Statistiker abliefert und der die alten Werte eines Gentlemans als „letzter Tory“ über alle Maßen in Ehren hält.

Er lernt Sylvia Satterthwaite kennen, wird schnell intim mit ihr und als sie ihm kurze Zeit später eröffnet sie sei schwanger, heiratet er sie gegen den Willen seiner Familie, obwohl er nicht einmal weiß, ob das Kind von ihm ist.

Hiermit nimmt die Tragödie ihren Lauf. Nach der Heirat mündet die Ehe in einer Tortur für beide. Die rechtschaffene und sittsame Art ihres Mannes, ist Sylvia unerträglich und verhasst. Sie provoziert ihn bis aufs Äußerste und hat viele Affären, die Christopher dennoch als wahrer Gentleman tugendhaft übersieht.

Bei einem Ausflug lernt er die junge Suffragette Valentine Wannop kennen, kann sich aber wegen seiner hohen Moralvorstellungen nicht überwinden seinen Gefühlen für Valentine nachzugeben und bleibt seiner Frau treu. Eine Scheidung kommt allerdings ebenso wenig in Frage, da Pflicht und Moral in seiner Welt über allem stehen.

Diese Dreiecksbeziehung zwischen Christopher, Sylvia und Valentine entspinnt sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, in deren Verlauf sich Tietjens endlich für eine der Frauen entscheiden muss.

Ein Genuss für alle Fans der britischen Kultur, ihrer Traditionen und deren Verfilmungen.

Die Miniserie ist hochkarätig besetzt mit Benedict Cumberbatch, Rebecca Hall, Adelaide Clemens, Rupert Everett, Miranda Richardson und Rufus Sewell.

– Von dieser Welt –

James Baldwin

Es gibt Autoren, deren Bücher begleiten einen ein Leben lang. Für mich zählen Toni Morrison und James Baldwin dazu.

Sie sind völlig zurecht Ikonen und mitunter die bedeutsamsten Stimmen der afroamerikanischen Literatur. In seinem Debüt „Von dieser Welt“ schreibt James Baldwin seine Seele zu Papier.

John Grimes, klug, gerade 14 Jahre geworden, lebt mit seiner Familie in Harlem/ New York in den 1930ern.

Sein Vater Gabriel, ein Baptistenprediger, der sich selbst sein halbes Leben versündigt hat an Alkohol und Frauen, hält nicht viel von seinem Stiefsohn. Er ist das uneheliche Kind seiner zweiten Frau Elizabeth. Diese sieht das unterkühlte Verhältnis zu John als väterliche Liebe der nur das Beste für seine Kinder will und ignoriert die Probleme. Roy, der andere Sohn – ein Draufgänger und Tunichtgut, kommt an Johns Geburtstag mit Stichwunden nach Hause. Wenig später geht die Familie gemeinsam zum Gottesdienst. Hier erfährt John eine Art Erweckung…

Mehr möchte ich inhaltlich gar nicht ausplaudern.

Nur soviel sei gesagt: Das Buch ist in drei Teile geteilt, in denen durch Rückblenden die Geschichte vieler der Familienmitglieder erzählt wird, wobei die Fäden immer wieder zu John führen.

Die vielen religiösen Passagen und Predigten könnte man kritisieren, aber ich glaube Baldwin hat diese ganz bewusst eingebaut. Hier schwingt mit Sicherheit viel autobiografisches mit, insbesondere was die fanatische Religiösität und die Beziehung zu der Vaterfigur betrifft. 

Der ganze Roman hat eine Sogwirkung und eine Wucht, die einen wirklich durchrüttelt und fertig macht. Angespannte Familienverhältnisse zwischen Vater und Sohn, Bruder und Schwester, sexuelle Orientierung, Religion, Teufel und Gott…die Spirale der Chancenungleichheit…ein exzellentes Buch über Hoffnung, Trost im Glauben, Hass und Selbsthass, Sehnsüchte und den bis heute andauernden strukturellen Rassismus gegenüber People of Color in unserer Gesellschaft.

Sprachlich meisterhaft, kraftvoll und mitreissend.

– Fussel und der Mutausbruch –

Malene Walter

Es wird mal wieder Zeit für ein Kinderbuch!

Die Twins haben am Wochenende ihren 4. Geburtstag gefeiert und natürlich auch neuen Lesestoff geschenkt bekommen.

„Fussel und der Mutausbruch“ von @malenewalter (@froileinfuchs) ist ein ganz zauberhaftes Buch um Groß und Klein Mut zu machen.

Der kleine Klitzeklein lebt mit seiner Familie auf einer alten Wolldecke.

Im Gegensatz zu seiner Fusselfamilie, wurde es ihm langweilig tagaus und tagein auf der ollen Wolldecke zu verstauben.

Er träumte von Abenteuern! Eines Nachts wagt er es und schwebt davon. Auf seiner Reise bekommt er unerwartete Hilfe und entdeckt eine wundervolle Welt voller Farben, Düfte und wunderschönen Plätzen.

Wunderschön illustriert und liebevoll erzählt.

  • Gebundene Ausgabe
  • Morisken Verlag
  • Altersempfehlung 3-5 Jahre

– Lesejahr 2020 –

Es waren so viele schöne, gute, informative, wichtige, poetische und kunstvolle Bücher in 2020 auf meiner Leseliste. Einfach wundervoll!

Für jedes Quartal habe ich 4 Empfehlungen herausgesucht:

– Der unsichtbare Roman –

Christoph Poschenrieder

„Der unsichtbare Roman“ von Christoph Poschenrieder vereint historische Fakten mit ein wenig Fiktion hier und da.

Das Buch dreht sich um Gustav Meyrink, seinerzeit österreichischer Bestsellerautor, Okkultist und passionierter Yogi.

Er erhält vom Auswärtigen Amt das Angebot einen Roman zu schreiben. Dies soll folgenden Zweck haben: Eine Erklärung und einen Schuldigen für das Blutvergießen im Ersten Weltkrieg zu präsentieren. Hierfür hat die Regierung die Freimaurer als Sündenbock auserwählt und zahlt Meyrink ein großzügiges Honorar wenn er das Propagandaprojekt schnellstmöglich realisiert.

Am 29.10.2020 war ich auf einer der letzten Lesungen Poschenrieders in diesem Jahr, bevor der zweite Lockdown ausgesprochen wurde.

Es war ein wirklich toller Abend und Herr Poschenrieder entpuppte sich als hervorragender Vorleser, sowie als versierter Historiker, denn für diesen Roman hat er viele Fakten geprüft und eine Menge Recherchearbeit geleistet.

Im Buch findet man immer wieder Notizen und Belege zum Inhalt. Zusammengetragene Briefe, Protokolle und Aufzeichnungen. Poschenrieder nutzt diese Fakten über Meyrink schamlos aus wie er selbst bei der Lesung sagte, um sie zu verdrehen und zu lügen. 

Das ist mitunter sicherlich der Grund dafür, dass der Roman überhaupt nicht langweilig wird und großes Lesevergnügen bietet.

Intelligent, vielschichtig, ironisch.

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