– Das Leben wartet nicht –

Marco Balzano

Die Geschichte, die Ninetto uns erzählt, beginnt im Gefängnis. Die Strafe betrug 10 Jahre. Er nutzt die Haftzeit um seine bisherige Lebensgeschichte Revue passieren zu lassen und macht nach Entlassung damit weiter.

Seine Erinnerungen führen uns in das Sizilien der 50er Jahre, wo es viel Hunger und nur wenig Arbeit gibt. Zu wenig um eine Familie durchzubringen. Als Ninettos Mutter einen Schlaganfall erleidet und in eine Pflegeeinrichtung kommt, zieht sich die Schlinge noch enger.

Dies führt dazu, dass Ninettos Vater ihn mit Arbeiter Giuvá nach Mailand fortschickt. Dort soll er zügig Arbeit finden und für sich selbst sorgen.

Ninetto, der von kleinauf Pelleossa gerufen wird, da er nur aus Haut und Knochen besteht, findet bald eine Anstellung als Fahrradkurier einer Wäscherei, obwohl er gerade so auf das Fahrrad aufsteigen kann und von den Straßen Mailands überhaupt keine Ahnung hat.

Seine Kinderträume Dichter zu werden, sind ziemlich schnell vorbei. Die harte Realität ist eine andere.

Nachdem er eine besser bezahlte Arbeit auf dem Bau findet, lebt er fortan im sogenannten “Bienenstock”, einem aus allen Nähten platzenden Arbeiterblock.

Dort wird er von Antonio unter seine Fittiche genommen und hat ansatzweise so etwas wie eine Kindheit, weil er von den älteren Bewohnern ein wenig Fürsorge erfährt.

Schon bald verliebt er sich in Maddalena, sie heiraten und das erste Kind lässt nicht lange auf sich warten. Inzwischen arbeitet er im Werk von Alfa Romeo und die monotone Arbeit lässt jegliche Träume von der Dichterei verblassen. Dann kommt ein Schlüsselmoment in Ninettos Leben und er begeht einen furchtbaren Fehler, der ihn letztendlich ins Gefängnis bringt…

Marco Balzano schreibt frisch und eindrücklich über die Kinderemigration Süditaliens in der Zeit 1959 bis 1962. Tragisch, kritisch und schmerzlich sind diese kleinen Leben gewesen. Die Parallelen zu heutiger Emigration sind unverkennbar.

Schnörkellos, packend und anrührend war unsere No. 24 der Backlistlesenrunde von Diogenes.

Ich habe dieses Buch wirklich gerne gelesen.

Einziger Kritikpunkt: Es wird zweimal das N-Wort verwendet. Das Buch handelt weder von Sklaverei, noch von Kolonialgeschichte. Ich hätte mir hier einen sensiblere Lösung gewünscht.

– Deine kalten Hände –

Han Kang

Als die Schriftstellerin H. die Aufzeichnungen des verschwundenen Bildhauers Jang Unhyong erhält, beginnt sie in seine Welt einzutauchen.

Jang Unhyong arbeitet mit Gips. Er nimmt Abdrücke verschiedener Körper und Körperteile. Seine Kunst wirkt oft verstörend und löst trotz aller Schlichtheit starke Emotionen im Betrachter aus.

Die Besessenheit, die er für das Oberflächliche entwickelt hat, begann bereits in seiner Kindheit, als er als kleiner Junge seine Eltern beobachtet und die falsche Freundlichkeit und Schönheit in ihnen erkennt. Hinter der Fassade sind sie kalt und emotionslos.

Unhyong, der neben seiner Kunst ein einsames Leben führt, lernt irgendwann die übergewichtige L. kennen, deren weiche und schöne Hände ihn sofort für sich einnehmen. Er nimmt zahllose Abdrücke von ihnen und beginnt eine obsessive Beziehung mit ihr. Ebenso wie Unhyong, hat auch sie enorme emotionale Probleme. Es kommt zum Bruch.

Später lernt er E. kennen. Die Innenarchitektin scheint die perfekte Frau zu sein, doch spürt Unhyong, dass auch sie eine Maske trägt und sowohl ihre eigentlichen Gefühle als auch Einsamkeit vor der Gesellschaft verbirgt.

Was für ein unglaublich faszinierendes Buch!

Han Kang schreibt Figuren, die nicht weniger verstörend sein könnten. Sie erzählt über unsere Masken, über Schein und Sein, über die Oberflächlichkeit, die uns oft umgibt und die es uns Menschen so schwer macht zueinander zu finden.

Zarte Bilder, die manchmal trotz leiser Töne mit einer enormen Brutalität daherkommen. In einer poetischen Sprache prangert Han Kang (asiatische?) Schönheitsideale an und reisst durch ihre Kritik der Gesellschaft die Maske herunter.

Spannend, virtuos und verstörend.

Die Töchter des Nordens

Sarah Hall

Das England, wie wir es kennen, gibt es nicht mehr…

Nach einer Umwelt- und der darauf folgenden Wirtschaftskatastrophe hat sich alles verändert.

Die Bevölkerung lebt unter dem totalitären Regime der “Obrigkeit”.

Wohnungen werden nur noch behördlich vergeben oder die Menschen müssen in Gemeinschaftsunterkünften leben. Der Strom wird nachts abgestellt, Lebensmittel werden rationiert und das Volk wird diversen Fabriken zur Arbeit zugeteilt. Selbstverständlich werden auch die Frauenrechte massiv eingeschränkt. Geburtenkontrolle wird durch angeordneten Einsatz der Spirale praktiziert. 

Die namenlose Protagonistin sieht nur einen Ausweg. Sie muss fliehen und will sich einer Gemeinschaft abtrünniger Frauen anschließen.

Diese leben schon lange in den Bergen, fernab des Regimes, an einem Ort genannt Carhullan. Deren Anführerin Jackie möchte aus den Rebellinnen eine Armee formen, um die Obrigkeit in Rith anzugreifen und das System zu stürzen.

Ein Buch welches spannende Themen aufwirft. Es hat mich anfangs wirklich gepackt und ich habe mich immer wieder dabei erwischt zu Nicken, weil ich dachte: Ja genau solche Szenarien könnten sich entwickeln, wenn die Gesellschaft den Klimawandel weiterhin auf die leichte Schulter nimmt.

Ein düsterer Roman über politische Systeme und Machtgefüge in Krisenzeiten.

Der Roman hat sehr gut gestartet, wurde aber im Verlauf etwas mühselig zu lesen und hat seine Schwächen.

The Times kommentiert: “Eines der besten Bücher des Jahrzehnts” …soweit würde ich wohl nicht gehen.

Übersetzung: Sophia Lindsey

– Eine hellere Sonne –

Samuel Selvon

Lust auf ein bisschen Karibik?

Dann kann ich Euch diesen speziellen Roman aus der Feder von Samuel Selvon empfehlen.

Im Trinidad der Vierzigerjahre wird der junge Inder Tiger von seinen Eltern verheiratet. Sowohl vom Leben als auch von der Ehe hat er wenig bis keine Ahnung. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hat Tiger anfangs starke Probleme durch seine unerfahrene Art und den Traditionen seiner Eltern zurechtzukommen.

Seine Nachbarn, die Kreolen Joe und Rita, helfen hier und da mit Rat oder anderen Dingen aus. Es entwickelt sich eine nachbarschaftliche Freundschaft.

Es dauert seine Zeit, doch Tiger erkennt irgendwann, das Bildung, Fleiß und Interesse ein Sprungbrett sein können.

Mit Einzug der Amerikaner,  wird ein Highway über die Insel gezogen und mit jedem weiteren Tag kommt der wirtschaftliche Aufschwung. Tiger sieht hier seine Chance sich aus der Armut zu ziehen und für seine Familie ein besseres Leben aufzubauen.

Die Sprache fand ich anfangs etwas irritierend. Die Dialoge, die Miriam Mandelkow ( Übersetzerin: James Baldwin, Ta-Nehisi Coates) hier einen karibischen Ton ins Deutsche übersetzt, wirkten anfangs eher befremdlich auf mich. Doch im Verlauf des Buches, konnte ich mich immer besser darauf einlassen. Ein Roman, der den Mut findet große Fragen zu stellen.

Ungewöhnlich, unterhaltsam und einzigartig.

– Lesemonat Mai 2021 –

Im Vergleich zum Mai 2020 ist meine Leseliste recht kurz ausgefallen in diesem Jahr.

ABER qualitativ habe ich das überhaupt nicht bemerkt.

  • Colson Whitehead – The Nickel Boys
  • Ibrahima Balde/ Amets Arzallus – Kleiner Bruder
  • Patrízia Melo – Gestapelte Frauen
  • Takis Würger – Noah
  • James Baldwin – Ein anderes Land

Meine absoluten Highlight im Mai:

– Ein eigenes Land –

James Baldwin

„Viele Weiße und viele Schwarze, aneinandergekettet in Raum und in Zeit und durch die Geschichte, alle in Eile. In Eile, voneinander wegzukommen, dachte er, aber nie und nimmer schaffen wir das.“

Jazz-Musiker Rufus Scott beginnt eine Beziehung mit der weißen Südstaatlerin Leona. Sie lernt seinen Bekannten- und Freundeskreis kennen. Darunter Vivaldo, ein noch unveröffentlichter Schriftsteller und das Ehepaar Richard und Cass Silenski. Als Rufus gegen Leona gewalttätig wird und sie regelmäßig verprügelt, wird sie in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Rufus verfällt in Depressionen und begeht letztendlich Suizid indem er sich von der George Washington Brücke stürzt.

Ida, Rufus jüngere Schwester, kommt nur schwer über seinen Tod hinweg. Sie gibt den Lebensumständen von Schwarzen im weißen Amerika die Schuld und ist überzeugt, dass es der Rassismus war, der Rufus in den Tod getrieben hat. Sie beginnt eine Beziehung mit Vivaldo, die von gegenseitigem Misstrauen und Unverständnis geprägt ist, da er Idas Erfahrungen nicht nachvollziehen kann und manchmal auch schlichtweg nicht verstehen will. (Farbenblinder Rassismus/ White Fragility)

Als Eric, der viele Jahre in Frankreich gelebt hat, nach New York zurückkehrt, kehrt er auch in den Freundeskreis um die Vivaldo, Cass und Richard zurück. Gesetzt und mit sich im Reinen wartet er auf die Ankunft seines Geliebten Yves, der ihm bald folgen wird.

„Wenn Baldwin ein zentrales politisches Argument hatte, war es, dass die Schicksale von schwarzem Amerika und weißem tiefgreifend und unumkehrbar miteinander verflochten waren. Jedes erschuf das jeweils andere, jedes definierte sich selbst in Beziehung zum anderen, jedes konnte das andere zerstören.“ (René Aguigah)

„Ein eigenes Land“ von James Baldwin handelt von Beziehungen und Liebe. Und mit Liebe meine ich die Liebe in all ihren Facetten.

Die Dialoge sind unglaublich brutal in ihrer Ehrlichkeit, die Beziehungen zeigen die Probleme und Reibungspunkte, die es einem oft so schwer machen voranzukommen und Hindernisse zu überwinden. Liebe und Hass liegen oft nah beieinander…doch Baldwin wollte uns mit diesem Roman etwas sagen. Nämlich, dass es nicht wichtig ist, von wem die Liebe kommt, sondern es darauf ankommt zu lieben und geliebt zu werden.

Das „eigene Land“ ist kein Fleck auf der Landkarte. Es ist der Ort, an dem man sich zugehörig fühlt.

Große Verehrung und Leseempfehlung!

– Noah –

Takis Würger

„Warum erlaubt ihr es, solche Menschen sagen zu lassen, dass sie auf Befehl gehandelt haben? Stand in dem Befehl etwa auch, dass du einen Häftling auf den Boden legen sollst und ihm einen Stock über den Hals legst und dich dann auf beiden Seiten daraufstellst und mit deinen Kameraden Wetten abschließt, wie lange ein Mensch das aushält? 30 Sekunden, 70 Sekunden, und wer am nächsten dran ist, gewinnt? War das auch ein Befehl? Und im Befehl stand auch, dass du ein Baby an den Füßen packst und dann seinen Kopf gegen eine Wand schmetterst? Das stand auch im Befehl drin? Und auch, dass du jemanden in den Steinbruch bringst und ihn zusammen mit den Felsbrocken in den Abgrund stürzt und Wetten abschließt, ob er unten lebend ankommt? Das war auch in den Befehlen? Und dann erzählt man mir, es sind heute andere Deutsche als damals? Warum sind es andere?“

Nach Stella war ich wirklich besorgt, dass Takis Würger sich wieder literarisch diesem Thema nähert…aber ich muss sagen, dass ich durch Noah ein wenig ausgesöhnt bin.

Die erschütternde und bewegende Lebensgeschichte von Noah Klieger sollte uns allen eine Mahnung sein.

Es gibt immer weniger Zeitzeugen, umso wichtiger ist es, dass wir die Geschichten der Überlebenden schriftlich festhalten und immer wieder lesen, damit sich eines der größten Menschheitsverbrechen keinesfalls wiederholt.

Würger schreibt in nüchternem Ton über das unvorstellbare Grauen ohne belehrend zu werden.

Hat es dieses Buch gebraucht? Definitiv – in Zeiten des stärker werdenden Antisemitismus und der erschreckenden Geschichtsverweigerung vieler Menschen ganz besonders!