– Schindlers Lift –

Darko Cvijetić

Vermutlich wäre ich nie selbst auf „Schindlers Lift“ von Darko Cvijetić gestoßen.

Umso mehr freue ich mich dieses Buch gelesen zu haben und es jetzt vorstellen zu können, denn es ist ein sehr wichtiges Buch zu einem sehr wichtigen Thema.

Es behandelt die unaussprechlichen Gräuel des Bosnienkrieges in der Stadt Prijedor.

Dort kam es in den Neunzigern zu ethnischen Säuberungen und unvorstellbaren Verbrechen, die man nach dem Holocaust kaum ein zweites Mal in Europas Geschichte für möglich gehalten hat.

„Es gibt gar keine Arbeiter mehr. Es gibt nur Serben, Kroaten, Bosniaken und Andere. Keine Arbeiter.“

Der Autor erzählt in 32 Kapiteln von Menschen, die Mitte der Siebziger in zwei Hochhäusern leben. Das Rote beherbergt alle unter einem Dach – „Lehrerinnen, Ärzte neben Bergbauarbeitern, Bosniaken neben Serben, Kroaten…“

Fragmentarisch, poetisch und bewegend schreibt Dvijetić über Krieg, Tod und das Unsagbare.

Fußnoten und Notizen am Rand der Seiten, erleichtern einem das Lesen und leisten Hilfestellung.

„Alle wussten davon, jeder schwieg darüber, alle verschluckten Wüste und Tod und verstummten mit vollem Mund. Nur Šime kam einmal betrunken von der Front und schrie das Hochhaus an, er schrie sich seine Kehle aus dem Leib: Ihr Nachbarn, ihr Menschen, ihr seid eigentlich alle billige Fotzen…ihr habt eure eigenen Nachbarn getötet, ihr kommunistischen Idioten!“

Ein Teil unserer Geschichte, der noch aufzuarbeiten ist, dessen Bevölkerung teilweise nach Deutschland geflüchtet ist und die bis heute versuchen das Trauma zu bewältigen.

Absolute Leseempfehlung!

– Liebwies –

Irene Diwiak

Die #no20 in der #diogenesbacklistlesen Gruppe ist „Liebwies“ von Irene Diwiak.

Das Besondere an dieser Leserunde ist, dass die Autorin mit einsteigt, sich an den Diskussionen beteiligt und für den Abschluss ist auch noch eine Video-Konferenz geplant. Ich freue mich sehr!

Die Geschichte beginnt in Liebwies, einem so winzigen Dorf, dass es auf der Landkarte praktisch nicht existiert.

Dort wird Gisela (Liebwies) von dem renommierten Musikexperten Wagenrad „entdeckt“ und soll nun in Wien zum Star aufgebaut werden. Der Haken: Gisela ist zwar betörend schön, allerdings ganz und gar talentlos was das Singen betrifft.

Nachdem Christoph Wagenrad endlich feststellt, dass Gisela völlig ungeeignet ist, versucht er sie dennoch zu fördern.

Gisela entwickelt sich immer mehr zur selbstverliebten Sängerin.

Derweil in Wien: Schriftsteller August Gussendorff, der sich selbst in den höchsten Tönen lobt und von seiner eigenen Brillanz als Opernkomponist überzeugt ist, heiratet die unscheinbare, doch überaus talentierte Komponistin Ida. Als fabelhafter Ehemann kann er das natürlich nicht dulden und verbietet ihr weiterzumachen. Ida komponiert dennoch heimlich weiter.

Nun kommen Gisela und Gussendorff zusammen. Er soll eine Oper schreiben, um ihr zu Weltruhm zu verhelfen. Nachdem er selbst nicht einmal ansatzweise etwas von Wert zu Papier bringt, bedient er sich selbstverständlich an den Kompositionen seiner Frau.

Mir gefällt dieses bissige, unterhaltsame Debüt sehr. Irene Diwiaks Roman strotzt nur so von Spott, falschem Glanz und ist Satire durch und durch. Die Kritik am Kulturbetrieb ist herrlich spitzfindig und klug.

Viele Wendungen und überzeichnete Figuren haben das Buch für mich zu einem stimmigen Leseerlebnis gemacht.

Unterhaltsam, spannend und klug.

– Lesemonat November 2020 –

Jetzt bin ich bereit für den Monatsabschluss und liste nochmal die Bücher im November auf:

  • Fatou Diome – Ketala
  • Gabriel Josipovici – Wohin gehst du, mein Leben?
  • Maria Isabel Sánchez Vegara – Little People, Big Dreams – Hannah Arendt
  • Mercedes Spannagel – Das Palais muss brennen
  • Thilo Krause  – Elbwärts
  • André Hille – Das Rauschen der Nacht
  • Don DeLillo – Die Stille
  • Felix Schmidt – Amelie
  • Martyna Bunda – Das Glück der kalten Jahre

Meine Highlights im November:

– Das Glück der kalten Jahre –

Martyna Bunda

Dieses Buch habe ich von Anfang bis Ende genossen!

Die Geschichte ist in einem kaschubischen Dorf verortet.

Dort lebt Rozela mit ihren drei Töchtern Gerta, Truda und Ilda.

Diese vier starken, klugen Frauen führen ein selbstständiges, unabhängiges Leben in ihrem Haus in Dziewcza Góra.

So meistern sie die Entbehrungen des Krieges, politische Probleme wie den Kommunismus, der noch sehr lange bestehen soll und den oft schwierigen Alltag mit ihren Ehemännern oder Kindern. Immer wieder trennen sie sich räumlich, finden aber auch oft wieder im Elternhaus zusammen.

Ich feiere dieses Buch sehr stark. Nicht nur, weil meine polnischen Wurzeln durchschlagen, ich vor meinem geistigen Auge die Orte auf der Landkarte sehen konnte und die Namen der Protagonisten oder die Städte aussprechen kann. (In einigen habe ich selbst Verwandtschaft)

Vielmehr auch wegen der leidenschaftlichen Beschreibungen dieser stolzen, charakterstarken Frauen, die mich sehr an meine Mutter und Großmutter erinnern, sich nicht unterkriegen lassen und ihr Leben in die Hand nehmen.

Den Ton, den Martyna Bunda in ihrem Roman anschlägt, kenne ich von meiner Familie sehr gut. Das Beste aus dem Leben zu machen, sich von Krisen nicht unterkriegen zu lassen und auch in den schwierigen Zeiten das Gute nicht zu übersehen.

Führe Dein Leben mit einem Partner, aber lass es ihn nicht übernehmen.

Meine Mutter verwendete immer ein Sprichwort: „Der Mann ist der Kopf; die Frau ist der Hals; die den Kopf dreht wie es ihr passt.“

Ein kluges, manchmal trauriges und starkes Debüt!

– Amelie –

Felix Schmidt

Der achtzigjährige Journalist Max wird von seiner viel jüngeren Frau Amelie nach 25 Ehejahren betrogen. „Der Andere“ ist kein geringerer als Paul, ein gemeinsamer Freund des Paares. Als Dirigent ziemlich erfolgreich, kulturell sehr bewandert und deutlich jünger als Max.

Als Max von dem Betrug erfährt, verliert er jeglichen Boden unter den Füßen, verfällt in Depressionen und taucht unaufhörlich in einem Wechselbad aus Gefühlen wie Wut, Einsamkeit und Hoffnung. Die Tatsache, dass er ihre Briefe und Mails mit Paul liest und so das ganze Ausmaß offenbart wird, macht es nur noch schlimmer.

Amelie hingegen bemüht sich fast schon penetrant immer wieder den Kontakt zu ihrem Ehemann aufrecht zu erhalten und die Ehe zu retten, obgleich sie ebenso ihre Affäre mit Paul nicht beenden möchte. Vielmehr wäre ihr Wunsch mit beiden Männern zu leben. In der Ehe mit Max und Reisen sowie Wanderungen mit Paul, der ihr eine völlig neue Welt erschließt, wie sie erklärt.

Ich war von Anfang bis Ende völlig gefesselt von diesem 150 Seiten-Roman. Felix Schmidt schreibt absolut schonungslos und sehr persönlich über diesen Ehebruch.

Ich war völlig mitgerissen und sehr betroffen von Max’ Leidensweg, aber ebenso regelrecht empört über die teils manipulativen und verletzenden Äußerungen Amelies.

Hochemotional, aufreibend und intim.

(unbezahlte Werbung/ Rezensionsexemplar)

– Die Stille –

Don DeLillo

DeLillos „Die Stille“ ist ein Kammerspiel par excellence und wird vermutlich irgendwann auf die Theaterbühne gebracht werden.

Der Roman spielt im Jahr 2020. Es ist Super Bowl, Diane und Max haben Freunde eingeladen die Übertragung gemeinsam anzusehen, da passiert die Katastrophe.

Plötzlich fällt der Strom aus, der TV-Bildschirm ist schwarz, Netzwerke, Heizungen, Kühlschränke, Licht….alles außer Funktion.

Wer hinter dem Blackout steckt weiß niemand genau. Über einen (Cyber-) Angriff der Chinesen oder anderer Mächte wird spekuliert.

Tessa und Jim verspäten sich, da ihr Flugzeug auf dem Rückflug von Paris eine Bruchlandung hingelegt hat. Dieser steht offenbar auch mit der Katastrophe in Zusammenhang. Beide machen sich auf den Weg zu ihren Gastgebern, nachdem Jims Platzwunde am Kopf im Krankenhaus versorgt wurde.

Als sie in dem Appartement eintreffen, funktioniert überhaupt nichts mehr.

In dieser Stille beginnen die fünf Figuren über alles mögliche zu sprechen. Max über das Spiel, welches er gar nicht sieht. Martin schwadroniert über Einstein, Kryptowährung und allem möglichen Online-Kram, Tessa über ihre Vorliebe zu Notizbüchern, die sie immer bei sich trägt und permanent Gedanken festhält.

Don DeLillo schreibt über die Abhängigkeit von Technologie und was übrig bleibt, wenn diese nicht verfügbar ist. Der Ausschnitt einer Szene wie Menschen reagieren, wenn sie nicht mehr in den TV oder auf das Smartphone starren können.

Die Stille spürt man regelrecht in der reduzierten, prosaischen Sprache. Beklemmende Stimmung. Es lädt zum philosophieren ein und hallt nach.

Es war ein interessantes Buch, aber es hat mich nicht richtig abgeholt. Die Protagonisten haben kein wirkliches Gefühl ausgelöst, da sie mehr vor sich hin, als miteinander geredet haben. 

Klar, knapp und verstörend.

– Das Rauschen der Nacht –

André Hille

Jonas und Birte leben mit ihren beiden Kindern im neu gebauten Haus auf dem Land.

Als Baumängel am Eigenheim die Familie in finanzielle Schwierigkeiten stürzt und auch in Jonas’ Start-up Unternehmen nach drei Jahren immer noch kein richtiger Erfolgswind einkehrt, verändert sich einiges in seinem Leben.

Ab diesem Zeitpunkt kommen irgendwie immer mehr Probleme hinzu, auch den teils leichtsinnigen Entscheidungen geschuldet, die Jonas ein ums andere Mal trifft.

André Hille schreibt in seinem Debüt über einen Familienvater, der sich aus seinem Leben zurückziehen möchte, um dem Druck in Beruf und Familie zu entkommen und der sich so auf ganz gefährliches Terrain begibt. Ein ums andere Mal dachte ich: „Nein, tu es nicht…das kann gar nicht gut gehen und wird nur noch mehr Probleme schaffen!“

Für mich war dieses Buch eher leichte Unterhaltungsliteratur. Es liest sich sehr flüssig, hat aber seine Schwächen.

Kurzweilig, flott erzählt aber gewöhnlich.

Ein Roman für zwischendurch.