– Deine kalten Hände –

Han Kang

Als die Schriftstellerin H. die Aufzeichnungen des verschwundenen Bildhauers Jang Unhyong erhält, beginnt sie in seine Welt einzutauchen.

Jang Unhyong arbeitet mit Gips. Er nimmt Abdrücke verschiedener Körper und Körperteile. Seine Kunst wirkt oft verstörend und löst trotz aller Schlichtheit starke Emotionen im Betrachter aus.

Die Besessenheit, die er für das Oberflächliche entwickelt hat, begann bereits in seiner Kindheit, als er als kleiner Junge seine Eltern beobachtet und die falsche Freundlichkeit und Schönheit in ihnen erkennt. Hinter der Fassade sind sie kalt und emotionslos.

Unhyong, der neben seiner Kunst ein einsames Leben führt, lernt irgendwann die übergewichtige L. kennen, deren weiche und schöne Hände ihn sofort für sich einnehmen. Er nimmt zahllose Abdrücke von ihnen und beginnt eine obsessive Beziehung mit ihr. Ebenso wie Unhyong, hat auch sie enorme emotionale Probleme. Es kommt zum Bruch.

Später lernt er E. kennen. Die Innenarchitektin scheint die perfekte Frau zu sein, doch spürt Unhyong, dass auch sie eine Maske trägt und sowohl ihre eigentlichen Gefühle als auch Einsamkeit vor der Gesellschaft verbirgt.

Was für ein unglaublich faszinierendes Buch!

Han Kang schreibt Figuren, die nicht weniger verstörend sein könnten. Sie erzählt über unsere Masken, über Schein und Sein, über die Oberflächlichkeit, die uns oft umgibt und die es uns Menschen so schwer macht zueinander zu finden.

Zarte Bilder, die manchmal trotz leiser Töne mit einer enormen Brutalität daherkommen. In einer poetischen Sprache prangert Han Kang (asiatische?) Schönheitsideale an und reisst durch ihre Kritik der Gesellschaft die Maske herunter.

Spannend, virtuos und verstörend.

Die Töchter des Nordens

Sarah Hall

Das England, wie wir es kennen, gibt es nicht mehr…

Nach einer Umwelt- und der darauf folgenden Wirtschaftskatastrophe hat sich alles verändert.

Die Bevölkerung lebt unter dem totalitären Regime der “Obrigkeit”.

Wohnungen werden nur noch behördlich vergeben oder die Menschen müssen in Gemeinschaftsunterkünften leben. Der Strom wird nachts abgestellt, Lebensmittel werden rationiert und das Volk wird diversen Fabriken zur Arbeit zugeteilt. Selbstverständlich werden auch die Frauenrechte massiv eingeschränkt. Geburtenkontrolle wird durch angeordneten Einsatz der Spirale praktiziert. 

Die namenlose Protagonistin sieht nur einen Ausweg. Sie muss fliehen und will sich einer Gemeinschaft abtrünniger Frauen anschließen.

Diese leben schon lange in den Bergen, fernab des Regimes, an einem Ort genannt Carhullan. Deren Anführerin Jackie möchte aus den Rebellinnen eine Armee formen, um die Obrigkeit in Rith anzugreifen und das System zu stürzen.

Ein Buch welches spannende Themen aufwirft. Es hat mich anfangs wirklich gepackt und ich habe mich immer wieder dabei erwischt zu Nicken, weil ich dachte: Ja genau solche Szenarien könnten sich entwickeln, wenn die Gesellschaft den Klimawandel weiterhin auf die leichte Schulter nimmt.

Ein düsterer Roman über politische Systeme und Machtgefüge in Krisenzeiten.

Der Roman hat sehr gut gestartet, wurde aber im Verlauf etwas mühselig zu lesen und hat seine Schwächen.

The Times kommentiert: “Eines der besten Bücher des Jahrzehnts” …soweit würde ich wohl nicht gehen.

Übersetzung: Sophia Lindsey

– Eine hellere Sonne –

Samuel Selvon

Lust auf ein bisschen Karibik?

Dann kann ich Euch diesen speziellen Roman aus der Feder von Samuel Selvon empfehlen.

Im Trinidad der Vierzigerjahre wird der junge Inder Tiger von seinen Eltern verheiratet. Sowohl vom Leben als auch von der Ehe hat er wenig bis keine Ahnung. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hat Tiger anfangs starke Probleme durch seine unerfahrene Art und den Traditionen seiner Eltern zurechtzukommen.

Seine Nachbarn, die Kreolen Joe und Rita, helfen hier und da mit Rat oder anderen Dingen aus. Es entwickelt sich eine nachbarschaftliche Freundschaft.

Es dauert seine Zeit, doch Tiger erkennt irgendwann, das Bildung, Fleiß und Interesse ein Sprungbrett sein können.

Mit Einzug der Amerikaner,  wird ein Highway über die Insel gezogen und mit jedem weiteren Tag kommt der wirtschaftliche Aufschwung. Tiger sieht hier seine Chance sich aus der Armut zu ziehen und für seine Familie ein besseres Leben aufzubauen.

Die Sprache fand ich anfangs etwas irritierend. Die Dialoge, die Miriam Mandelkow ( Übersetzerin: James Baldwin, Ta-Nehisi Coates) hier einen karibischen Ton ins Deutsche übersetzt, wirkten anfangs eher befremdlich auf mich. Doch im Verlauf des Buches, konnte ich mich immer besser darauf einlassen. Ein Roman, der den Mut findet große Fragen zu stellen.

Ungewöhnlich, unterhaltsam und einzigartig.

– Lesemonat Mai 2021 –

Im Vergleich zum Mai 2020 ist meine Leseliste recht kurz ausgefallen in diesem Jahr.

ABER qualitativ habe ich das überhaupt nicht bemerkt.

  • Colson Whitehead – The Nickel Boys
  • Ibrahima Balde/ Amets Arzallus – Kleiner Bruder
  • Patrízia Melo – Gestapelte Frauen
  • Takis Würger – Noah
  • James Baldwin – Ein anderes Land

Meine absoluten Highlight im Mai:

– Ein eigenes Land –

James Baldwin

„Viele Weiße und viele Schwarze, aneinandergekettet in Raum und in Zeit und durch die Geschichte, alle in Eile. In Eile, voneinander wegzukommen, dachte er, aber nie und nimmer schaffen wir das.“

Jazz-Musiker Rufus Scott beginnt eine Beziehung mit der weißen Südstaatlerin Leona. Sie lernt seinen Bekannten- und Freundeskreis kennen. Darunter Vivaldo, ein noch unveröffentlichter Schriftsteller und das Ehepaar Richard und Cass Silenski. Als Rufus gegen Leona gewalttätig wird und sie regelmäßig verprügelt, wird sie in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Rufus verfällt in Depressionen und begeht letztendlich Suizid indem er sich von der George Washington Brücke stürzt.

Ida, Rufus jüngere Schwester, kommt nur schwer über seinen Tod hinweg. Sie gibt den Lebensumständen von Schwarzen im weißen Amerika die Schuld und ist überzeugt, dass es der Rassismus war, der Rufus in den Tod getrieben hat. Sie beginnt eine Beziehung mit Vivaldo, die von gegenseitigem Misstrauen und Unverständnis geprägt ist, da er Idas Erfahrungen nicht nachvollziehen kann und manchmal auch schlichtweg nicht verstehen will. (Farbenblinder Rassismus/ White Fragility)

Als Eric, der viele Jahre in Frankreich gelebt hat, nach New York zurückkehrt, kehrt er auch in den Freundeskreis um die Vivaldo, Cass und Richard zurück. Gesetzt und mit sich im Reinen wartet er auf die Ankunft seines Geliebten Yves, der ihm bald folgen wird.

„Wenn Baldwin ein zentrales politisches Argument hatte, war es, dass die Schicksale von schwarzem Amerika und weißem tiefgreifend und unumkehrbar miteinander verflochten waren. Jedes erschuf das jeweils andere, jedes definierte sich selbst in Beziehung zum anderen, jedes konnte das andere zerstören.“ (René Aguigah)

„Ein eigenes Land“ von James Baldwin handelt von Beziehungen und Liebe. Und mit Liebe meine ich die Liebe in all ihren Facetten.

Die Dialoge sind unglaublich brutal in ihrer Ehrlichkeit, die Beziehungen zeigen die Probleme und Reibungspunkte, die es einem oft so schwer machen voranzukommen und Hindernisse zu überwinden. Liebe und Hass liegen oft nah beieinander…doch Baldwin wollte uns mit diesem Roman etwas sagen. Nämlich, dass es nicht wichtig ist, von wem die Liebe kommt, sondern es darauf ankommt zu lieben und geliebt zu werden.

Das „eigene Land“ ist kein Fleck auf der Landkarte. Es ist der Ort, an dem man sich zugehörig fühlt.

Große Verehrung und Leseempfehlung!

– Noah –

Takis Würger

„Warum erlaubt ihr es, solche Menschen sagen zu lassen, dass sie auf Befehl gehandelt haben? Stand in dem Befehl etwa auch, dass du einen Häftling auf den Boden legen sollst und ihm einen Stock über den Hals legst und dich dann auf beiden Seiten daraufstellst und mit deinen Kameraden Wetten abschließt, wie lange ein Mensch das aushält? 30 Sekunden, 70 Sekunden, und wer am nächsten dran ist, gewinnt? War das auch ein Befehl? Und im Befehl stand auch, dass du ein Baby an den Füßen packst und dann seinen Kopf gegen eine Wand schmetterst? Das stand auch im Befehl drin? Und auch, dass du jemanden in den Steinbruch bringst und ihn zusammen mit den Felsbrocken in den Abgrund stürzt und Wetten abschließt, ob er unten lebend ankommt? Das war auch in den Befehlen? Und dann erzählt man mir, es sind heute andere Deutsche als damals? Warum sind es andere?“

Nach Stella war ich wirklich besorgt, dass Takis Würger sich wieder literarisch diesem Thema nähert…aber ich muss sagen, dass ich durch Noah ein wenig ausgesöhnt bin.

Die erschütternde und bewegende Lebensgeschichte von Noah Klieger sollte uns allen eine Mahnung sein.

Es gibt immer weniger Zeitzeugen, umso wichtiger ist es, dass wir die Geschichten der Überlebenden schriftlich festhalten und immer wieder lesen, damit sich eines der größten Menschheitsverbrechen keinesfalls wiederholt.

Würger schreibt in nüchternem Ton über das unvorstellbare Grauen ohne belehrend zu werden.

Hat es dieses Buch gebraucht? Definitiv – in Zeiten des stärker werdenden Antisemitismus und der erschreckenden Geschichtsverweigerung vieler Menschen ganz besonders!

– Gestapelte Frauen –

Patrícia Melo

„Der Schluss, zu dem ich an meiner zweiten Woche bei Gericht gelangte, lautete: Wir Frauen sterben wie die Fliegen.“

„Und vor Gericht behaupten alle, wir trügen die Schuld. Wir, die Frauen, provozierten sie. Machten ihnen das Leben zur Hölle. Zerstörten ihr Leben. Wir seien untreu. Rachsüchtig. Wir seien schuld. Wir würden sie herausfordern. Was hatten wir überhaupt dort zu suchen? Auf dieser Party? Um diese Uhrzeit? In diesem Aufzug? Warum haben wir den Drink angenommen, den man uns angeboten hat? Schlimmer noch: Warum haben wir die Einladung nicht ausgeschlagen, in das Hotelzimmer hinaufzugehen? Mit diesem Grobian? Warum, wenn wir nicht vögeln wollten? Wir waren doch gewarnt worden: Geh nicht aus dem Haus. Schon gar nicht am Abend. Betrink dich nicht. Sei nicht unabhängig. Bis hierher. Und nicht weiter. Geh nicht arbeiten. Zieh nicht diesen Rock an. Und trag nicht diesen Ausschnitt.“

Als die namenlose Protagonistin und Anwältin von ihrem Freund Amir geohrfeigt wird, flieht sie nach Acre ins Amazonasgebiet um Gerichtsverhandlungen zu Femiziden beizuwohnen. Dort lernt sie Anwältin Carla kennen, die sich für die Opfer einsetzt und die Täter zur Strecke bringen möchte. Doch insbesondere in dieser Ecke der Welt scheint Gerechtigkeit ein Fremdwort zu sein.

Korrupte Strukturen und Frauenhass führen immer wieder dazu, dass Täter freigesprochen werden und unbehelligt weiterziehen. So auch im Strafprozess um den unsagbar brutalen Mord an der Indigenen Txupira. (14 Jahre)

Die junge Anwältin taucht immer weiter in diesen Sumpf aus Gewalt und Ausweglosigkeit. Sie kommt durch die Geschichten und Schicksale der Opfer ihrer eigenen Vergangenheit Stück für Stück näher, wurde doch auch ihre Mutter von ihrem Vater ermordet.

Patrícia Melo hat mit diesem Roman eine Granate gezündet. Kurze und knappe Sätze erzählen von bestialischen, hasserfüllten Morden an Frauen. Frauen, die vergewaltigt, verstümmelt, schwer misshandelt und letztendlich ermordet werden weil sie den Ton am Fernseher lauter stellen wollten oder den Nachbarn angelächelt haben.

Melo setzt zwischen den einzelnen Kapiteln echte Meldungen über Frauenmorde. Auch Elemente des magischen Realismus wurden in die Geschichte eingewoben, wenn zum Beispiel die Protagonistin bei den indigenen Bürgern bewusstseinserweiternde Tränke zu sich nimmt und mit den Seelen der Opfer kommuniziert.

Gewalt und Hass gegen Frauen gibt es überall auf der Welt, doch besonders in Brasilien ist die Femizidrate extrem hoch.

Laut Amnesty International stieg die Anzahl der Femizide im Bundesstaat Acre um 400%.  (Amnesty Report: Brasilien 2020)

Das soll keineswegs ein Brasilienbashing werden, doch sind diese Zahlen höchst alarmierend und die Autorin spricht hier ganz laut aus, was viele nicht hören wollen.

Direkt, sprachgewaltig und aufwühlend vom Anfang bis zum Ende.

Absolute Leseempfehlung.