– Gestapelte Frauen –

Patrícia Melo

„Der Schluss, zu dem ich an meiner zweiten Woche bei Gericht gelangte, lautete: Wir Frauen sterben wie die Fliegen.“

„Und vor Gericht behaupten alle, wir trügen die Schuld. Wir, die Frauen, provozierten sie. Machten ihnen das Leben zur Hölle. Zerstörten ihr Leben. Wir seien untreu. Rachsüchtig. Wir seien schuld. Wir würden sie herausfordern. Was hatten wir überhaupt dort zu suchen? Auf dieser Party? Um diese Uhrzeit? In diesem Aufzug? Warum haben wir den Drink angenommen, den man uns angeboten hat? Schlimmer noch: Warum haben wir die Einladung nicht ausgeschlagen, in das Hotelzimmer hinaufzugehen? Mit diesem Grobian? Warum, wenn wir nicht vögeln wollten? Wir waren doch gewarnt worden: Geh nicht aus dem Haus. Schon gar nicht am Abend. Betrink dich nicht. Sei nicht unabhängig. Bis hierher. Und nicht weiter. Geh nicht arbeiten. Zieh nicht diesen Rock an. Und trag nicht diesen Ausschnitt.“

Als die namenlose Protagonistin und Anwältin von ihrem Freund Amir geohrfeigt wird, flieht sie nach Acre ins Amazonasgebiet um Gerichtsverhandlungen zu Femiziden beizuwohnen. Dort lernt sie Anwältin Carla kennen, die sich für die Opfer einsetzt und die Täter zur Strecke bringen möchte. Doch insbesondere in dieser Ecke der Welt scheint Gerechtigkeit ein Fremdwort zu sein.

Korrupte Strukturen und Frauenhass führen immer wieder dazu, dass Täter freigesprochen werden und unbehelligt weiterziehen. So auch im Strafprozess um den unsagbar brutalen Mord an der Indigenen Txupira. (14 Jahre)

Die junge Anwältin taucht immer weiter in diesen Sumpf aus Gewalt und Ausweglosigkeit. Sie kommt durch die Geschichten und Schicksale der Opfer ihrer eigenen Vergangenheit Stück für Stück näher, wurde doch auch ihre Mutter von ihrem Vater ermordet.

Patrícia Melo hat mit diesem Roman eine Granate gezündet. Kurze und knappe Sätze erzählen von bestialischen, hasserfüllten Morden an Frauen. Frauen, die vergewaltigt, verstümmelt, schwer misshandelt und letztendlich ermordet werden weil sie den Ton am Fernseher lauter stellen wollten oder den Nachbarn angelächelt haben.

Melo setzt zwischen den einzelnen Kapiteln echte Meldungen über Frauenmorde. Auch Elemente des magischen Realismus wurden in die Geschichte eingewoben, wenn zum Beispiel die Protagonistin bei den indigenen Bürgern bewusstseinserweiternde Tränke zu sich nimmt und mit den Seelen der Opfer kommuniziert.

Gewalt und Hass gegen Frauen gibt es überall auf der Welt, doch besonders in Brasilien ist die Femizidrate extrem hoch.

Laut Amnesty International stieg die Anzahl der Femizide im Bundesstaat Acre um 400%.  (Amnesty Report: Brasilien 2020)

Das soll keineswegs ein Brasilienbashing werden, doch sind diese Zahlen höchst alarmierend und die Autorin spricht hier ganz laut aus, was viele nicht hören wollen.

Direkt, sprachgewaltig und aufwühlend vom Anfang bis zum Ende.

Absolute Leseempfehlung.

Veröffentlicht von booksandtwins

Books/ Twinmom/ Reader/ Writer There's just parts of me that you can't have. No-one can.

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