– Der süße Wahn –

Patricia Highsmith

Die Geschichte einer unerwiderten Liebe…

David Kelsey, Chemiker, ist unsterblich in Annabelle verliebt. Seine Angebetete aber heiratet einen anderen. Da David das weder glauben kann noch hinnehmen will, ist weiterhin davon überzeugt, dass Annabelle eines Tages als seine angetraute Frau mit ihm leben wird.

Für diese Zukunft mit Annabelle, baut er sich eine zweite Existenz auf. Unter dem Namen „Neumeister“ mietet er ein Haus an und verbringt dort die Wochenenden. Dort träumt er schon jetzt von der gemeinsamen Zeit und fantasiert sich Annabelle herbei, wie sie es sich gemeinsam in ihrem trauten Heim gemütlich machen. Freunden, Kollegen und Nachbarn erzählt er, dass er die Wochenenden mit Besuchen bei seiner schwerkranken Mutter in einem Sanatorium verbringt.

Es ist die perfekte Welt für David, nur scheint Annabelle weniger angetan zu sein, da sie ja bereits verheiratet ist. Auf die Beteuerungen von Kelsey geht sie nur leidlich ein. Ihr Ehemann ist es, der Kelsey zur Rede stellen will und dabei kurz davor ist sein Doppelleben aufzudecken…

Patricia Highsmith gelingt ein spannender und unterhaltsamer Kriminalroman. Es hat richtig Spaß gemacht das Buch zu lesen, auch wenn es hier und da ein paar Längen gab. Ein sehr angenehmer Schreibstil, der einen mitreisst.

Subtil, fesselnd und amüsant.

Vielen Dank an die Diogenes Backlistlesen Gruppe – es war wieder eine Freude!

No.21

– Kim Jiyoung, geboren 1982 –

Cho Nam-Joo

Dieser Roman spricht Frauen weltweit aus der Seele.

Die Geschichte dreht sich um Kim Jiyoung’s Leben, welche als Hausfrau und Mutter ein typisches und durchschnittliches Dasein in einer patriarchalischen Gesellschaft fristet.

Irgendwie hat mich dieses Buch gleichermaßen angesprochen und aufgewühlt — denn es sollte sich niemand der Illusion hingeben, dass die beschriebenen Ungerechtigkeiten darin lediglich gegen Frauen in Korea stattfinden.

Überall auf der Welt wird Care-Arbeit, Hausarbeit und Kindererziehung kleingeredet. Gut ausgebildete Frauen, werden nur noch auf die Mutterrolle degradiert und sollen sich gefälligst glücklich schätzen.

Beruflich sollen immer sie ihre Ambitionen zurückstellen, Arbeitsstellen aufgeben oder sich für unbefriedigende Handlangerposten entscheiden, während die Männer als „Versorger“ kaum bis niemals zurückstecken und ihre Karriereträume verfolgen.

Die Probleme beginnen aber nicht erst durch Heirat und Mutterschaft. Schon davor werden Mädchen und Frauen gesellschaftlich anders behandelt und andere Erwartungen an sie gestellt. Wenn sie belästigt werden, sollen sie ihr Verhalten prüfen. Nicht etwa die Täter sind zu verachten, sondern das Opfer trägt die Verantwortung. Mädchen und Frauen sollen bescheiden und rücksichtsvoll sein; Männern den Vortritt lassen. Ausbildung und berufliche Wünsche sollen mit Blick auf spätere Faktoren wie Ehe und Kinder ausgerichtet werden.

Es mag zwicken und unbequem sein, aber dieses Buch spricht aus, was viele Männer nicht hören möchten.

Doch das Leben von Frauen, insbesondere in Korea, sieht genau so aus. Die Schutzhülle, die Frauen um sich herum aufbauen müssen, weil sie bereits sehr früh Erfahrungen mit übergriffigen Mitschülern oder Kollegen machen, die schulischen Leistungen die als schlechter oder anspruchsloser dargestellt werden, die Benachteiligung bei adäquaten Lösungen zum beruflichen Wiedereinstieg.

Und während ich dieses Buch gelesen habe, konnte ich bereits in meinen Gedanken den empörten Aufschrei so mancher Männer hören, die sich durch den Inhalt diskriminiert fühlen und behaupten werden, mit diesem Roman will nur Männerhass geschürt und gegen Männer gehetzt werden.

Dem kann ich nur eines entgegensetzten: Please…

Wenn uns dieser Roman etwas vor Augen führen sollte, dann dass wir unbedingt etwas ändern müssen. Sowohl am gesellschaftlichen Druck, als auch am unfairen System.

Und es kostet soviel Kraft und Energie…

Provokant, ehrlich, allgegenwärtig.

Absolute Leseempfehlung!

– Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle… –

Sharon Dodua Otoo

Eine schnelle Novelle über das Leben einer Schwarzen Frau, die einen weißen Deutschen geheiratet hat.

Sie leben in Berlin, bekommen die Zwillinge Beth und Ash und irgendwann eröffnet Till ihr, er verlässt sie für eine andere Frau.

Man folgt 10 Kapiteln einer Protagonistin, die es nicht gerade leicht hat. Zu ihren Eheproblemen kommt noch der alltägliche Rassismus hinzu.

„Berlin ist ein Ort, wo alles geht und du anziehen kannst, was auch immer du willst, aber wenn du eine Schwarze Frau in der U-Bahn bist, sei darauf vorbereitet, sehr sehr langsam von oben bis unten gemustert zu werden. Ich kann dir nicht sagen, wie oft ich vor Schreck an mir herabgeschaut habe in solchen Momenten, um zu prüfen, ob meine Jeans offen waren, oder ob mein Kleid in meiner Unterhose eingeklemmt war. Weiße Menschen sehen mich manchmal so an, als wäre ich ihre eigene private Völkerschau. Zurückstarren hilft nicht. Es zählt als Teil der Unterhaltung. Wo sonst kann ein Tourist dich dazu bringe, dich zu fühlen, als wärst du — die Einwohnerin — im Grunde genommen diejenige, die nicht hierher gehört?“

Geistreich, witzig und lässig.

– Die New-York-Trilogie –

Paul Auster

Paul Auster – New York Trilogie

Ein sowohl faszinierendes als auch verwirrendes Buch.

Es besteht aus drei Geschichten:

  • Stadt aus Glas
  • Schlagschatten
  • Hinter verschlossenen Türen

In der ersten Story wird der Schriftsteller Daniel Quinn mit einem Privatdetektiv verwechselt. Quinn schlüpft in diese Rolle und geht seinem Auftrag nach, nämlich Peter Stillmann sr. zu beschatten.

Die zweite Geschichte handelt von Privatdetektiv Blue, der von White den Auftrag erhält, Black zu observieren. Ein verwirrendes Dreiergespann sag ich da nur.

Die letzte Geschichte handelt von Fanshawe, einem Autor, dessen Werke nie veröffentlicht wurden. Er ist spurlos verschwunden und seine Frau Sophie, die mit dem gemeinsamen Sohn zurückblieb, beauftragt einen namenlosen Ich-Erzähler seinen Nachlass zu verwalten. Er findet einen Verleger für die Manuskripte Fanshawes und schließlich wird einiges veröffentlicht. Plötzlich erhält der Erzähler einen Brief von Fanshawe mit einer Warnung darin….

Ich bin so froh, dass wir einen Buddy Read mit anschließender Zoom-Runde für dieses Buch gemacht haben. Ein sehr anspruchsvoller Roman, der viele Fragen aufwirft und nicht alle beantwortet.

Es war wirklich interessant wie die anderen Teilnehmer Sätze, Begebenheiten und Ideen des Autors interpretiert haben.

Ich selbst glaube, dass Paul Auster ein Verwirrspiel um Identität und Sinnfragen des Lebens niedergeschrieben hat. Viele Fährten die nur auf eines abzielen — den Leser in die Irre zu führen.

Bizarr, postmodern, anspruchsvoll.

Vielen Dank an die anderen Teilnehmer in der Runde für das tolle Zoom-Meeting und den regen Austausch.

Es war so schön die Ideen und Gedanken der anderen zu hören. Zum Schluss auch die euphorischen Buchtipps! Es war herrlich! Dankeschön.

– Black History Month –

Februar 2021

Für den #blackhistorymonth hier ein paar Vorschläge für Euch:

Ta-Nehisi Coates – Der Wassertänzer

Valerie Wilson Wesley – Die Tamara Hayle Reihe

Imbolo Mbue – Das geträumte Land

Richard Wright – Native Son

Fatou Diome – Der Bauch des Ozeans/ Ketala

Nana Kwame Adjei-Brenyah – Friday Black Storys

Sharon Dodua Otoo – Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle…

Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah

Yaa Gyasi – Heimkehren

James Baldwin – Alles 😉

Brit Bennett – Die verschwindenden Hälfte

Toni Morrison – Alles 😉

Harriet Beecher Stowe – Onkel Toms Hütte

Oyinkan Braithwaite – Das Baby ist meins

Chigozie Obioma – Der dunkle Fluss

Tupoka Ogette – Exit Racism

Alice Hasters – Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten

Florence Brokowski-Shekete – Mist, die versteht mich ja: Aus dem Leben einer Schwarzen Deutschen

Seit letztem Jahr beschäftige ich mich intensiver mit Rassismus und Rassismus-Kritik. Ich habe schon früher Bücher Schwarzer Autor*innen gelesen, aber sie wirken nochmal ganz anders seitdem ich Happyland verlassen habe.

Ja, manchmal ist es unbequem, nichts desto trotz lohnt es sich, sich damit auseinanderzusetzen.

Wer sich Inspiration holen möchte, sollte auf Social Media einfach hinsehen. PoC, BIPoC…sie sind alle da und alle drücken sich auf ihre Art und Weise aus.

Literatur, Musik, Kunst usw…aber wir müssen schon selbst etwas dafür tun. Es ist nicht die Aufgabe der Black Community uns aufzuklären. Es ist unsere Aufgabe.

– Gott, hilf dem Kind –

Toni Morrison

„Es ist nur eine Farbe“, hatte Booker gesagt. „Ein genetisches Merkmal — kein Makel, kein Fluch, kein Segen und auch keine Sünde.“ „Aber“, entgegnete sie, „andere denken an rasse—“ Booker fiel ihr ins Wort. „Wissenschaftlich betrachtet gibt es so was wie Rasse gar nicht, Bride, und ohne Rasse ist Rassismus nichts anderes als eine Wahl, die jemand trifft. Die natürlich vorgelebt wird, von denen, die es nötig haben, aber es bleibt eine Wahl. Menschen, die diese Wahl treffen, wären das reine Nichts ohne sie.“

Es ist meiner Meinung nach nicht das beste Buch von Toni Morrison, aber ein sehr gutes allemal.

Erzählt wird die Geschichte von Bride, die aus einfachsten Verhältnissen stammt und als Karrierefrau bei einem Kosmetikunternehmen durchstartet.

Ihre Mutter Sweetness, eine hellhäutige Schwarze, erschrickt als sie Lula Ann, Brides richtiger Name, zum ersten Mal sieht, denn die Hautfarbe ihrer Tochter ist tiefschwarz. Bald darauf verschwindet der Vater, dem das zuviel ist.

Um Lula Ann/ Bride auf ihre Zukunft vorzubereiten, erzieht sie sie ohne Liebe und mit großer emotionaler sowie körperlicher Distanz. So denkt sie, wird die Tochter abgehärtet gegen den Rassismus, der ihr zwangsläufig durch die dunkle Haut widerfahren wird.

Bride/ Lula Ann wird aus ihrem Alltag gerissen, als sie plötzlich und ohne jede Erklärung von ihrem Freund sitzen gelassen wird. Kurze Zeit darauf erlebt sie etwas Traumatisches, welches mit einem schrecklichen Geheimnis aus ihrer Vergangenheit zu tun hat.

Für diese Erinnerungen muss sich Bride öffnen, damit sie eine Chance auf ein Leben ohne Schuld und emotionaler Isolation hat.

In diesem Roman schreibt Toni Morrison über die „Rassenansichten“ in den Staaten, über Schwarze mit heller Haut (White Passing), Rassismus und emotionalen sowie sexuellen Kindesmissbrauch…diese Punkte werden aber eher angeschnitten, als dass sie sich voll entfalten.

Nichts desto trotz lohnt es sich dieses sprachlich gelungene Buch zu lesen.

Aus mehreren Perspektiven verschiedener Frauen, schreibt die Autorin welche Rolle Entscheidungen in unserem Leben spielen und wie sie dieses beeinflussen.

Leise, berührend und großartig erzählt.

– Kindheit –

Tove Ditlevsen

Letztes Jahr hat die Kopenhagen-Trilogie im Frühjahrsprogramm des Aufbauverlags mein Interesse geweckt.

Auch wenn es immer so eine Sache mit Hype-Büchern ist…in diesem Fall lohnt es sich wirklich.

„Meine Eltern mögen es nicht, dass ich an Gott glaube, und sie mögen die Sprache nicht, die ich verwende. Mich wiederum stößt ihr Sprachgebrauch ab, denn sie bedienen sich der immer gleichen groben und plumpen Begriffe und Redewendungen, deren Bedeutung nie das trifft, was sie sagen wollen.“

Tove Ditlevsen erzählt auf poetische und beeindruckende Weise die emotionalen und geistigen Entbehrungen ihrer Kindheit.

Der narzisstischen Liebe ihrer Mutter ausgesetzt, der liebevollen Gleichgültigkeit ihres Vaters ausgeliefert und mit dem ihr immer vorgezogenen Bruder Edvin, wächst Tove in Kopenhagen der 20er Jahre auf.

Die Familie ist arm, der Vater zwischendrin auch eine Zeit lang arbeitslos. So flüchtet sich Tove bald in die Poesie und in ihr pittoreskes Innenleben.

Nach außen hin trögt sie für alle anderen eine Maske, denn sie spürt, sie fühlt und denkt anders.

„Einmal fragte ich ihn: „Was bedeutet Kummer, Vater?“ Ich war bei Gorki auf dieses Wort gestoßen und liebte es. Er überlegte lange, während er über seine gezwirbelten Schnurrbartenden strich. „Das ist ein russischer Ausdruck“, antwortete er dann. „Es bedeutet Schmerz, Elend, Trauer. Gorki war ein großer Dichter!“ Er runzelte die Stirn und erwiderte: „Bild dir bloß nichts ein. Ein Mädchen kann kein Dichter werden.“ Ich zog mich gekränkt und betrübt wieder in mich selbst zurück, während meine Mutter und Edvin über meinen abstrusen Einfall lachten. Ich schwor mir, nie wieder jemand anderem meine Träume zu verraten und hielt mich meine ganze Kindheit über daran.“

Das Schreiben und die Poesie helfen Tove die fehlende Geborgenheit und Anerkennung in ihrer Kindheit zu überstehen.

Die Autorin schreibt in einer intensiven, dichten Sprache die Brutalität des Aufwachsens der damaligen Zeit in einer Arbeiterfamilie.

Poetisch, atmosphärisch und bedrückend.

Ich freue mich schon auf Band 2 und 3! (Februar)