– Kleiner Bruder –

Ibrahima Balde – Amets Arzallus

„All das werde ich ihnen erzählen, und ich weiß auch, was sie mich fragen werden. Nämlich warum ich nicht nach Hause gekommen bin, wenn doch Europa gar nicht mein Ziel war. Ich frage mich das oft selbst, und es ist nicht leicht zu erklären. Aber ich werde es dir sagen. Eins, weil es schwer ist, deinen Weg zu finden, wenn dich die Schuldgefühle quälen. Zwei, weil es zu spät ist umzudrehen und dein Zuhause zu weit weg ist, wenn du einmal in Marokko oder Libyen angekommen bist. Du bist zwischen Wüste und Meer gefangen, wie ein Tier. Und drei, weil ich es nicht verdiene, meiner Mutter vor die Augen zu treten. Das ist es, was ich wirklich denke. Deshalb habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gebetet. Das letzte Mal, als sie mich zur -Tombola- mitgenommen haben. Ja, dort, als ich ohne Schwimmweste ins Boot stieg. Ich betete und dachte, „Wenn Gott will, dass ich es nach Europa schaffe, werde ich in Europa ankommen. Und wenn er es nicht will, dann werde ich im Meer verloren gehen. Auch ich.“

Als Ibrahimas kleiner Bruder verschwindet um angeblich nach Europa aufzubrechen, verlässt er seine Familie und seine Lehrstelle um seinen Bruder zu finden und zurückzuholen.

Bei dieser gefährlichen Suche wird er ausgebeutet, geschlagen und lernt auf harte Weise, was Hunger und Schmerzen bedeuten können. Und doch findet er auch immer wieder kleine Hoffnungsschimmer – andere Flüchtlinge und Verzweifelte, die trotz allem zusammenhalten.

Nach dieser beschwerlichen Reise voller Angst, Gewalt und Hilflosigkeit, erreicht er schließlich Spanien. In der baskischen Stadt Irun, findet er zu Bertsolari-Sänger Amets Arzallus, dem er seine Lebensgeschichte anvertraut.

„Kleiner Bruder ist mit Ibrahimas Stimme und Amets Händen geschrieben“

Die Flucht hat Ibrahima Balde von Guinea über Algerien, nach Libyen und wieder zurück nach Algier gebracht, von wo aus er letztendlich auf eines der Schlauchboote Richtung Europa gestiegen ist.

Die außergewöhnliche Geschichte eines Mannes, der nie vor hatte seine Heimat zu verlassen.

Berührend und zugänglich. Für alle, die sich fragen, warum so viele Flüchtlinge diese gefährlichen Routen und Risiken in Kauf nehmen.

Übersetzung: Raul Zelik

– Die Nickel Boys –

Colson Whitehead

„Früher dachte ich immer, draußen wäre draußen, und sobald man hier drin wäre, wäre man hier drin. Ich dachte, was hier im Nickel passiert, würde jeden verändern. Auch Spencer und diese Typen – draußen, in der Freiheit, sind sie vielleicht nette Leute. Freundlich. Lieb zu ihren Kindern.“ Er verzog den Mund, als würde er an einem faulen Zahn lutschen. „Aber ich war eine Weile draußen, und jetzt bin ich wieder hier drin, und deshalb weiß ich, dass es hier nichts gibt, was die Leute verändert. Hier drin ist es genauso wie draußen, nur muss hier keiner mehr so tun als ob.“

Der 16jährige Elwood Curtis wird Anfang der 60er Jahre wegen Autodiebstahls verurteilt obwohl er unschuldig ist und soll seine Strafe in der Besserungsanstalt Nickel Academy verbüßen.

Auch wenn die weißen Jugendlichen nichts zu lachen haben, steht er als Schwarzer zu Zeiten der Rassentrennung ganz unten in der Hierarchie.

Schwerste körperliche Arbeit, Korruption und fürchterliche Misshandlungen beherrschen den Alltag in der Einrichtung. Die Familien der Nickel Boys bekommen davon nichts mit oder werden belogen.

Die Jungs arrangieren sich so gut sie können und versuchen die Strafe lebend zu überstehen.

„Wenn alle wegsahen, waren auch alle Mittäter.“

Ein aufwühlendes und beklemmendes Buch welches von wahren Begebenheiten inspiriert ist. Colson Whitehead hat auf wenigen Seiten eine große Geschichte erzählt in einer leicht zugänglichen, ausdrucksvollen Sprache.

Für mich persönlich war das Thema dieser „Besserungsanstalten“ mehr als glaubwürdig. Filme wie Brubaker (den der Autor sogar im Nachwort erwähnt) oder Sleepers haben mich dahingehend aufgerüttelt.

Ein bewegender Roman, der lange nachhallt und dessen Ende einem das Herz brechen kann.

Lesemonat April 2021

Mein April hatte so einiges parat für mich…

Gelesen habe ich:

  • Yukio Mishima – Leben zu verkaufen
  • Kazuo Ishiguro – Klara und die Sonne
  • Elena Ferrante – Zufällige Erfindungen
  • Yishai Sarid – Monster
  • Carole Fives – Kleine Fluchten
  • Rumena Buzarovska – Mein Mann

Kinderbücher:

  • Maria Isabel Sanchez Vergara – David Bowie (Little People, Big Dreams)
  • Karin Beese – Nelly und die Berlinchen
  • Jessica Love – Julian feiert die Liebe

Dieses Mal gibt es kein extra Bild mit den Highlights, weil ich wirklich alle Bücher gelungen fand und begeistert gelesen habe.

– Mein Mann –

Rumena Buzarovska

„Sie sind mittelmäßige Dichter oder eitle Gynäkologen, die schlechte Bilder malen.

Betrüger, Machos, Heuchler, lebendig, impotent oder tot. Ihre Frauen sind vor allem das: ihre Frauen, gefangen in Beziehungen, die kein Fegefeuer sind, sondern kleinliche, laue Höllen.“

Was für eine Sammlung genialer Stories über die Ehe, Ehemänner und Ehefrauen.

In diesen schonungslosen Berichten über verkorkste Beziehungen und die peinlichen Auswüchse der Streitereien zwischen den Ehepaaren steckt soviel Wahrheit, dass man immer wieder schmunzeln muss oder verärgert den Kopf schüttelt. 

Gut beobachtet und von scharfzüngiger Kritik zwischen den Zeilen, rechnet die Autorin nicht nur mit dem Patriarchat ab.

Gnadenlos, zynisch und unterhaltsam.

Nach der originellen Rezension bei @literaturpalast auf Instagram musste ich es lesen.

Und ebenso freue ich mich auf den nächsten Livetalk von @literarischernerd mit @traduki Anfang Mai. Dort wird „Mein Mann“ von Rumena Buzarovska besprochen. (Instagram)

– Zufällige Erfindungen –

Elena Ferrante

„Im Herbst 2017 schlug mir der Guardian vor, eine wöchentliche Kolumne zu schreiben. Ich war geschmeichelt und ängstlich zugleich. Mit so etwas hatte ich keine Erfahrung, und ich fürchtete, es nicht zu können. Nach langem Zögern teilte ich der Redaktion mit, dass ich den Vorschlag annehmen würde, wenn man mir eine Reihe von Fragen schickte, auf die ich jeweils mit der gebotenen Kürze antworten wollte. Meiner Bitte wurde sofort entsprochen, und wir vereinbarten, dass die Kolumne nach spätestens einem Jahr beendet werden sollte.“

Zum Glück!

„Zufällige Erfindungen“ von Elena Ferrante vereint diese Sammlung von Kolumnen und es ist einfach wunderbar!

Die Themen, denen sich Ferrante in ihren Texten widmet sind bunt gemischt und aus dem Leben.

Es geht um Mütter, Lügen, Stimmungen, Männer, Lesen und Schreiben, Eifersucht und natürlich die Liebe.

Jede Kolumne ist ca. 2 Seiten lang, großartig illustriert, klar und präzise geschrieben und zeugt von der enormen Beobachtungsgabe der Autorin, wie man sie auch aus ihren Romanen kennt.

Inspirierend, unterhaltsam und gedankenreich!

  • Übersetzung: Karin Krieger
  • Illustration: Andrea Ucini

– Monster –

Yishai Sarid

„Der Ausdruck >>wie Schafe zur Schlachtbank<< darf man nicht mehr verwenden, habt ihr uns im Fremdenführerkurs eingebläut, auch an der Universität ist er absolut tabu. Ich habe ihn tatsächlich folgsam vermieden, obwohl wir doch beide wissen, dass er noch zu milde und barmherzig ist, denn Schafe tötet man nicht mit Gift, man schlachtet sie, erbarmt sich des Fleisches und der Wolle, man liebt die Schäfchen, streichelt die Ziegen, füttert sie mit frischem Gras, doch die Juden hat man mit Schädlingsbekämpfungsmitteln, mit Rattengift umgebracht.“

Ein israelischer Historiker und Tourguide verfasst einen schriftlichen Bericht an seinen Vorgesetzten, den Direktor der Yad Vashem Gedenkstätte, über seine Arbeit und seine berufliche Laufbahn.

Der namenlose Mann ist ein Experte auf seinem Gebiet, schrieb seine Doktorarbeit über das Thema „Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg“ und führt Schul-/Reisegruppen an die Orte, an denen eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verübt wurde – die Vernichtung von über 6 Millionen Juden.

Sachlich und distanziert klärt er auf über Selektion, Gewaltmärsche, Leichenberge und das Scheren von Haaren und ziehen von Goldzähnen. Er führt Schulklassen und sogar auch Minister durch Auschwitz-Birkenau, Sobibor, Treblinka.

Mit jeder Führung taucht der namenlose Ich-Erzähler tiefer in die Thematik ein und stellt sich die Frage, wie er gehandelt hätte. Hätte er als Kapo zur damaligen Zeit ebenso kollaboriert um zu überleben und wieviel Überlebenswillen muss man aufbringen um so ein Grauen zu überstehen?

Zudem zeigt er sich irritiert über die Form der Trauerbewältigung und Erinnerungskultur der Schüler, die sich in die Flagge Israels wickeln und die Nationalhymne singen.

Während er seine Arbeit als Guide mit professioneller Sachlichkeit ausübt, beginnt er sich immer mehr zu verändern. Die Opfer verfolgen ihn in Träumen, er hört sie tuscheln, sieht sie an den Rampen zur Gaskammer. Mit der Zeit verwahrlost auch sein Äußeres immer mehr und bei den Führungen weicht er von seiner obligatorischen Durchführung immer mehr ab.

Er beginnt mit Metaphern zu provozieren und konfrontiert die Zuhörer mit brutalen Fakten. Dieses eigenwillige Verhalten kratzt an seiner Reputation und die Aufträge werden immer weniger, bis er zuletzt einem deutschen Regisseur als Guide und als Token des jüdischen Historikers dienen soll.

Ist es nicht endlich einmal genug? Sollte man die Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen? Allzu oft hört man diese Sätze, wenn es um die Erinnerung und die Verantwortung mit der Geschichte um die Shoa geht.

Die Antwort darauf – nein!

Yishai Sarid hat ein schonungsloses und gleichermaßen beeindruckendes Buch über das Erinnern und das Erbe geschrieben.

Der Holocaust kann und darf nicht vergessen werden. Die Erinnerung, auch wenn wir sie nur noch aus Büchern beziehen und Zeitzeugen fast nicht mehr zur Verfügung stehen, muss immer wieder aufgenommen werden und die Auseinandersetzung damit ist und bleibt ein unverzichtbares Unterfangen um zu verhindern, dass das Monster des Hasses und des Bösen erneut empor steigt und Millionen von Leben vernichtet.

– Klara und die Sonne –

Kazuo Ishiguro

„Glaubst du an das menschliche Herz? Ich meine natürlich nicht einfach das Organ. Sondern im poetischen Sinn. Das Herz des Menschen. Glaubst du, dass es so etwas gibt? Etwas, das jedes Individuum besonders und einmalig macht?

Kazuo Ishiguro hat seinen neuen Roman „Klara und die Sonne“ rund um das Thema Künstliche Intelligenz geschrieben.

In der hochentwickelten Welt des Buches, gibt es genoptimierte Kinder und natürlich geborene, die in gehoben und ungehoben unterteilt werden. Der Zugang zu Bildung und beruflichem Erfolg hängt von der sozialen Stellung ab. Während gehobene Kinder zu der Elite gehören und entsprechend gefördert werden, bleibt den ungehobenen keinerlei Perspektive. Soziale Kompetenzen und Interaktion ist für die vereinsamten Menschen zu einem der größten gesellschaftlichen Probleme geworden. 

Vieles wurde durch die hochentwickelte Technik verändert; Arbeitsplätze vieler Menschen fielen weg nachdem Computer und Maschinen die Arbeit übernehmen konnten. Es herrscht ein Zwei-Klassen-System. 

Klara ist eine Künstliche Freundin, kurz KF, durch deren (naive) Augen die Geschichte erzählt wird. Eine ganze Weile schon steht sie im Schaufenster eines Geschäfts und beobachtet von dort aus die Außenwelt. Eines Tages lernt sie die schwerkranke Josie kennen. Diese wählt Klara als Freundin und helfende Weggefährtin aus. In ihrem neuen zu Hause muss sie sich erstmal zurechtfinden und versucht zu verstehen, was es mit dem Menschsein auf sich hat und wie sie eine bessere KF werden kann.

Dieser neue Roman von Ishiguro lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück. Der Plot hat mich stark an „Alles, was wir geben mussten“ erinnert. Vielleicht ist das der Grund, warum ich das Buch stellenweise etwas langweilig fand.

In diesem Werk befasst sich der Nobelpreisträger wieder einmal mit den Abgründen der Gesellschaft.

Er schreibt über die Vereinsamung der Menschheit, über Wunschbabies aus der Reproduktivmedizin und über technologischen Fortschritt, der immer mehr Raum in unseren Leben einnimmt.

Diese literarische Auseinandersetzung mit den ethischen und moralischen Problemen der Menschen erinnert mich stark an die Werke von Ian McEwan. Beide Autoren haben ein großes Gespür für die wichtigen Themen und zögern nicht über diese zu schreiben.

Doch leider ist Ishiguro meiner Meinung nach an der wichtigen Message vorbeigeschrammt, weil er sich plötzlich in eher gewöhnlichen Dingen vergaloppiert hat und vom Weg abgekommen ist.

Ein Roman der tiefgründig sein könnte, doch im Nachgang nur dahingehend zum Nachdenken anregt, wenn die Leser*innen versuchen die vorhandenen Schwachstellen zu ergründen.

Nichts desto trotz ist auch dieses Buch von Ishiguro zugänglich, spannend und mit einer gewissen Leichtigkeit zu lesen.

Nicht sein bestes Werk, aber dennoch niveauvoll.

Übersetzung: Barbara Schaden

Ein toller #buddyread mit @sandrafalke.com mit der ich einen tollen Austausch hatte. Immer wieder gerne!