– Auf Erden sind wir kurz grandios –

Ocean Vuong

Kennt ihr das, wenn man ein Buch so sehr lieben möchte, aber es einfach nicht funkt?

Ocean Vuongs -Auf Erden sind wir kurz grandios- wurde so sehr gefeiert, so sehr gepriesen.

Die Vielschichtigkeit, die poetische, klare Sprache und eindringliche Beschreibungen waren in aller Munde.

Und obwohl das normalerweise alles Indikatoren dafür sind, dass mir dieser Debütroman hätte gefallen müssen, war ich weder so angetan noch übermäßig begeistert.

Ein junger Mann, schreibt seiner Mutter einen schonungslosen Brief. Sie wird ihn niemals lesen können, da sie Analphabetin ist. Es sind die Erinnerungen seiner Kindheit und Jugend, die er in drastischen Bildern schildert. Ein Leben in Armut, mit Rassismus, der Auseinandersetzung mit der sexuellen Orientierung und der Suche nach der eigenen Identität.

Zudem greift er die Traumata und die Folgen des Vietnamkrieges einer ganzen Generation auf, wenn er von den psychischen Problemen der Großmutter erzählt und wie sie trotz der nicht enden wollenden Kriegserinnerungen einen festen Ankerpunkt in seinem Leben darstellt.

Ein sehr intensives Buch, welches sich unter die Haut gräbt und seine Spuren hinterlässt.

– Nur hier sind wir einzigartig –

Christine Avel

Eigentlich hätte -Nur hier sind wir einzigartig- von Christine Avel perfekt als Strandlektüre gepasst, aber insbesondere weil die Tage immer kälter werden, habe ich mich in dieses Setting hineingeträumt.

Es geht um Niso, Evi und Zac. Sie sind die Kinder der Archäologen, welche sich jährlich auf einer griechischen Insel (vermutlich Kreta) einfinden.

Während die Eltern ehrgeizig mit den Ausgrabungen beschäftigt sind und auf die Suche nach besonderen Fundstücken gehen, bleiben ihre Kinder völlig unter sich.

Es sind Tage unvergleichbarer Freiheit, die sie am Meer verbringen oder mit Abenteuern in der Natur.

Auch die Kinder eines nahegelegenen Dorfes gehören zu dieser besonderen Clique dazu.

Nicht immer chronologisch ist es dennoch ein Coming of Age Roman, der eine Zeit beschreibt, in der man entspannt die Sonne genießt und die Zukunft noch in weiter Ferne liegt.

Ich kann nur erahnen wie sich das Buch im französischen Original liest, aber eines muss ich hier mehr als deutlich hervorheben: Christine Ammann hat hier meisterhaft übersetzt. Mit einer poetischen Leichtigkeit, die diesen Zauber der unbeschwerten Kindheitssommer einfängt und einen Sonne, Sand und Meer auf der Haut spüren lässt.

Melancholisch, atmosphärisch und nachdenklich.

– Leinsee –

Anne Reinecke

Karl, Sohn des berühmten Künstlerehepaares August und Ada Stiegenhauer, ist selbst ein gefragter Künstler jedoch unter anderem Namen, da er mit seiner Herkunft nicht in Verbindung gebracht werden möchte.

Seine Eltern waren sich immer selbst mehr als genug, für ein Kind war kein Platz, weswegen Karl schon bald in ein Internat abgeschoben und allgemein von Mutter und Vater eher emotional zurückgelassen wurde.

Als seine Mutter trotz wenig Chancen an einem Gehirntumor operiert wird, erfährt Karl vom Selbstmord des Vaters, der im Glauben seine Seelenverwandte zu verlieren nicht allein zurückbleiben wollte. Zur Überraschung aller überlebt die Ada die schwere Operation, ist aber nie wieder sie selbst.

Zurück in Leinsee versucht Karl mit der schwierigen Situation zurecht zu kommen. Seine ältere Partnerin Mara hat nur wenig Verständnis und versucht ihn zur Rückkehr nach Berlin zu bewegen.

Nur Tanja, ein Kind welches immer wieder unvermittelt auf- und abtaucht, löst in Karl irgendetwas aus.

Fazit: Dieses Buch habe ich wieder im Rahmen der #backlistlesen Gruppe von Diogenes gelesen. Während ich den ersten Teil als faszinierend beschreiben würde, in den man wirklich gut reinkommt, hat sich das ab der Hälfte immer weiter ins Negative gewandelt. Der Roman hat an Fahrt verloren und die Protagonisten bleiben eher blass. Karl wirkt oft schwerfällig und seine Beziehung zu Tanja im letzten Drittel des Buches hat mich eher mit einem starken Gefühl des Unwohlseins zurückgelassen. In anderen Rezensionen ist immer von einer Liebesgeschichte die Rede, die für mich eine völlig andere Note hatte.

Ich frage mich ehrlich was die Autorin mit dieser Geschichte bewirken wollte. Ist es eine Anklage an die Kunstszene?

Kennt ihr das Buch? Wenn ja, dann schreibt gerne Eure Gedanken dazu in die Kommentare!

Ich bedanke mich an die Leserunde – es war mir wie immer eine Freude!

– Wie schön wir waren –

Imbolo Mbue

“Die Bewohner von Kosawa leben in Angst, denn ein amerikanischer Ölkonzern droht das kleine afrikanische Dorf auszulöschen. Öllecks haben das Ackerland unfruchtbar gemacht; Kinder sterben, weil das Trinkwasser vergiftet ist. Die Dorfbewohner beschließen, sich zu wehren.”

Dieses Buch handelt vom Kampf ganzer Generationen gegen den Ölkonzern Pexton, der mit seinen Bohrungen alles verunreinigt und über kurz oder lang ein ganzes Dorf mitsamt seinen Bewohner vergiftet und letztendlich tötet.

Hilfe oder Einsicht seitens des Ölkonzerns ist nicht in Sicht. Vielmehr macht Pexton skrupellos weiter.

Es werden drei Männer in die Stadt entsandt – sie wollen über das Leid berichten und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Als sie nicht mehr zurückkehren, nimmt das Dorf drei Männer der Firma gefangen um sich auf diese Weise Gehör zu verschaffen und den übermächtigen Gegner unter Druck zu setzen.

Nach einem Zeitungsartikel, der in den Staaten veröffentlicht wird, eskaliert die Lage. Es kommt immer wieder zu Verhaftungen, Gewalt und Todesurteilen. Im Verlauf des Buches wird Thula in die USA entsendet um zu studieren. Als sie in ihr Heimatdorf zurückkehrt, wird sie zu Leitfigur in der Revolution, die sich unermüdlich zeigt im Kampf gegen Pexton. Thula mobilisiert Demonstrationen, engagiert einen New Yorker Anwalt und gründet eine Partei um dem rücksichtslosen Konzern Einhalt zu gebieten.

Erzählt wird die Geschichte aus den Blickwinkeln einzelner Familienmitglieder Thulas, deren Vater einer der drei verschwundenen Dorfbewohner war. Die unaufgeregten Beschreibungen stehen für mich im starken Gegensatz zu den hoch emotionalen Themen wie Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit, Umweltschutz und Korruption. Mit Thula hat Mbue eine starke Frauenfigur geschaffen, die sich nicht einschüchtern lässt, die weiter macht und dem Patriarchat die Stirn bietet.

Wie schön wir waren ist ein wichtiger, kluger und mit seiner Gesellschaftskritik an den richtigen Stellen zwickender Roman. Ab und zu war es mir ein wenig zu weitschweifig, was dem aufrüttelnden Inhalt aber keineswegs abträglich war.

Sehr gut um zu reflektieren, woher (unser) Wohlstand kommt und wie uns als Gesellschaft betrifft, was angeblich ganz weit weg ist.

Übersetzung: Maria Hummitzsch

– Reise durch ein fremdes Land –

David Park

Ich stand mit @littlepaperworks am Stand des @dumontbuchverlag bei der Frankfurter Buchmesse, als mir Reise durch ein fremdes Land des nordirischen Autors David Park in die Hand gedrückt wurde.

Auf rund 200 Seiten geht es um den Fotografen Tom, der durch die weihnachtliche Winterlandschaft auf dem Weg nach Sunderland ist, um seinen Sohn Luke nach Hause zu holen. Dieser studiert auswärts und wegen der starken Schneefälle wurden die meisten Flüge gestrichen.

Während seine Ehefrau Lorna und Tochter Lilly alles für das Weihnachtsfest vorbereiten, stellt sich Tom nicht nur den verschneiten Straßen, sondern auch seinen Gefühlen, Gedanken und seiner Vergangenheit. Ist er Lorna ein guter Mann und den Kindern ein guter Vater? Hätte er Dinge verändern oder abwenden können, um seine Familie zu beschützen? Ist er der Mann, der er immer sein wollte?

Er erinnert sich an viele Stationen in seinem Leben und den Träumen, die er sich als Fotograf nicht erfüllt hat. An schwere Tage, an denen er gegen Depressionen angekämpft hat, die Ohnmacht wenn es um seinen ältesten Sohn Daniel geht und dem allgegenwärtigen Wunsch es besser zu machen.

Ein unglaublich intensiver, bewegender Roman über innere Dialoge, Schuld, Leid und Vergebung.

David Park hat es geschafft eine Szene zu schaffen, in der man förmlich diese kalte Stille der verschneiten, eisigen Landschaft spürt, sich mit dem Protagonisten auf die Reise begibt und wie laut die inneren Dialoge und Konflikte in einem werden können.

Anfangs war ich irritiert, hatte das Gefühl es wäre zäh und anstrengend zu lesen. Doch dann hat sich dieses Gefühl mit der Geschichte verknüpft und ich erkannte: Ja, ich begreife mit welcher inneren Zerrissenheit Tom kämpft und wie sehr ich es fühle.

Große Leseempfehlung!

Übersetzung: Michaela Grabinger

– Ein Sohn der Stadt –

Kent Haruf

Pat Arbuckle, Herausgeber des Holt Mercury, lässt uns in Rückblenden an seinen Erinnerungen über seine Beziehung zu Jack Burdette und dem Leben in der Kleinstadt Holt teilhaben.

Jack, der in seiner Jugend äußerst beliebt und ein Footballstar im Ort war, verschwand mit dem Geld (gut 150.000) der Farmer Vereinigung „Kooperative“ und lässt seine schwangere Frau Jessie und die beiden Söhne zurück.

Acht Jahre später steht Jack in einem roten Cadillac wieder mitten auf der Main Street. Und obwohl die Zeit in Holt nicht stehen geblieben ist, hat sich der Zorn der Bewohner Holts nicht in Luft aufgelöst.

Kent Haruf schreibt in „Ein Sohn der Stadt“ über Menschen, über Verflechtungen von Leben und der Gemeinschaft in der fiktiven Kleinstadt Holt. Mit seinen Szenen zeichnet er eine liebevolle Idylle, erzeugt eine sehnsüchtige Atmosphäre, zeigt aber dennoch, dass es nicht nur eitel Sonnenschein gibt. Die Charaktere in Harufs Romanen sind so nah und realistisch. Als Haruf-Fan konnte ich über das fehlende Etwas in dieser Geschichte hinwegsehen. Es war sein erster Roman. Seine Arbeit wurde meiner Meinung nach mit jedem weiteren Buch besser.

Für alle Kent Haruf Fans und für die, die es werden möchten! Leseempfehlung!

– Der Flug des Raben –

Richard Wagamese

Garnet Raven erlebte mit drei Jahren, wie viele Kinder kanadischer First Nations auch, das Schicksal von der eigenen Familie getrennt und in Pflegefamilien gesteckt zu worden zu sein. Über seine Herkunft weiß er fast gar nichts, wächst bei Weißen auf und merkt, dass egal was er macht, er nicht als Weißer gesehen wird. Anfangs erfindet er die skurrilsten Geschichten wenn er auf seine Abstammung angesprochen wird. In den 70ern freundet er sich mit Leuten aus der Black Community an, lässt sich einen Afro frisieren und trägt farbenfrohe Kleidung, ganz nach seinem Idol James Brown.

Als er wegen kleinerer Drogendelikte ins Gefängnis kommt, erhält er nach einiger Zeit einen Brief. Zu seiner Überraschung schreibt ihm ein gewisser Stanley Raven, der behauptet sein Bruder zu sein. In diesem schildert er ihm, wie man Garnet als Kind der Familie entrissen und wie die Familie all die Jahre nach ihm gesucht hat. Nach seiner Entlassung  beschließt Garnet nach Ontario zu reisen, um seine Familie im Reservat zu besuchen. Als er ankommt, muss er feststellen wie groß seine Familie ist, welche Probleme sie haben und wie ungewohnt und fremd ihm alles ist. Einer der Ältesten, Keeper, nimmt sich seiner an. Als letzter Hüter der Ojibwe unterweist er Garnet und macht ihn mit den Traditionen und der Geschichte seines Stammes vertraut.

Dies lässt Garnet bald verstehen woher er abstammt, was Land den First Nations bedeutet und lässt ihn die tiefe Verbundenheit mit dem Leben spüren, die er bisher immer vermisst hat.

Richard Wagamese war ein fantastischer Erzähler. In seinen Büchern widmete er sich der Geschichte seines Stammes und den Widrigkeiten, die sie zu ertragen hatten. Er selbst ist in Heimen und bei Pflegefamilien aufgewachsen, bis er mit Anfang 20 endlich wieder mit seiner Familie vereint wurde. Mit diesen Erfahrungen schrieb er weise, berührende Bücher in sensiblen Worten, um die Geschichten zu bewahren und seinem Volk eine Stimme zu geben. Der Autor verstarb in 2017.

Absolut lesenswert.