– Die Schauspielerin –

Anne Enright

Mit diesem Roman habe ich mich sehr schwer getan.

Ich habe von anderen viel Gutes gehört darüber, aber mich persönlich hat das Buch nicht abgeholt.

In „Die Schauspielerin“ schreibt Anne Enright hier die Geschichte von Norah, die die Biografie ihrer Mutter Katherine O’Dell niederschreibt. 

 Einst eine gefragte Schauspielerin im alten Hollywood und nun in Vergessenheit geraten.

Der Stil hat mir gut gefallen und es gab sowohl bewegende als auch schockierende Momente, doch hatte ich eher das Gefühl etwas „abzuarbeiten“.

Ich habe einfach keinen Bezug zu den Figuren und konnte keine Verbindung zu ihnen finden.

Es ist aber gut möglich, dass das Buch auf andere Leser völlig anders wirkt und diese emotional besser erreicht.

Meine Empfehlung – einfach selbst lesen und ein eigenes Urteil fällen.

– Im Bauch der Königin –

Karosh Taha

Es war meine erste Wendebuch-Erfahrung. Vorab: Mit Wendebuch ist keineswegs irgendeine DDR-Story gemeint. Es ist ein Buch, welches von zwei Seiten gelesen werden kann und jeder Beginn aus einer anderen Perspektive, trotz Überschneidungen in der eigentlichen Geschichte.

Als leichte Entscheidungsneurotikerin, hatte ich zu Anfang echt ein Problem…ich habe das Buch beginnen wollen, aber konnte mich ehrlich gesagt erst gar nicht entscheiden, mit welcher Seite ich starten soll. Einige Male habe ich das Buch zur Hand genommen, erst den letzten Satz, dann den ersten Satz beider Geschichten gelesen. 

Wird mich der erste Blickwinkel bereits meinungstechnisch beeinflussen oder schaffe ich es neutral zu bleiben und auch die zweite Wahrheit unvoreingenommen zu lesen?!

Schließlich begann ich die Geschichte um Raffiq, seine Beziehung zu Amal, die bald für ein Jahr nach Chicago gehen möchte und seine Freundschaft zu Younes, dessen Mutter Shahira als Hure im kurdischen Viertel verschrien ist.

Sie ist alleinerziehend, lebt ein (auch sexuell) selbstbestimmtes Leben und zieht mit ihren Outfits die Blicke aller Leute auf sich.

Raffiq, kurz vorm Abi, scheint orientierungslos umherzutingeln, ist sich aber sicher die Familie bei der Rückkehr nach Kurdistan nicht begleiten zu wollen.

Die andere Geschichte erzählt von Amal, deren Vater die Familie verlassen hat, um zurück in Kurdistan sein eigenes Architektur zu eröffnen. Eher burschikos und ein Wildfang, sieht sie sich den permanenten Vorwürfen aus ihrem konservativen Umfeld ausgesetzt, die ihr immer wieder nahe legen, sie solle sich endlich wie ein braves „normales“ Mädchen verhalten.

Da ihr die Situation unerträglich wird, fliegt sie kurzerhand nach Kurdistan zu ihrem Vater und seiner zweiten Familie.

Zwei Geschichten, zwei Wahrheiten. Es gibt nicht -die- eine große Wahrheit und doch findet man immer wieder Überschneidungen. Für mich war Shahira und ihre Freizügigkeit die einzige Konstante in dem Buch. Jeder ist gleichermaßen fasziniert von ihr, als auch provoziert durch ihren Lebenswandel.

„Sie ist allein, sie ist mit sich, sie ist für sich, sie ist sich, sie ist nicht Shahira Shafiq, die Tochter von Anisa und Ramazan, sie ist nicht eine Frau, sie ist nicht ein Mensch, sie ist viel mehr und sie ist nichts, sie läuft und sie atmet und sie ist da und über ihr steht Gott und sagt, schau dir mein Werk an, bewundere es.“

Ich fand die Sprache von Karosh Taha wirklich erfrischend. So kraftvoll, allein die Beschreibungen von Shahira sinnlich, wie bei 1001 Nacht…klug und witzig.

Ein tolles Buch! Ich behalte die Autorin und die weiteren Werke, die hoffentlich folgen, bestimmt im Auge.

– Als Paula den Löwen vor Oma versteckte –

Helen Stephens – dt. Übersetzung Seraina Staub

Das ist eine so süße Geschichte!

Paula hat einen ganz speziellen Freund. Einen großen Löwen.

Aber sie steht vor einem Problem. Mama und Papa wollen über das Wochenende verreisen und deswegen kommt Oma zu Besuch, um auf Paula aufzupassen.

Da aber Großmütter auf Löwen meistens ein wenig empfindlich reagieren, versucht Paula mit allen Mitteln ihren Löwen vor Oma zu verbergen.

Meine Twins lieben diese Geschichte und wenn ich sie nicht vorlessen muss, dann sitzt immer eines der Mädchen oder beide zusammen über dem Buch und blättern darin!

Beate Widmann von der Buchhandlung Dombrowsky hat mir dieses tolle Buch empfohlen. Vielen Dank!

Atlantis Verlag, 2014/ Helen Stephens (Text und Bilder)/ Deutsche Übersetzung Seraina Staub

– Die Optimisten –

Rebecca Makkai

Wow.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt ein 600 Seiten langes Buch auf 2 Tage gelesen – ja regelrecht inhaliert habe. Ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen.

Auf Instagram herrscht ein regelrechter Hype um dieses Buch und ich war zu Anfang skeptisch, aber ich habe mich gern eines Besseren belehren lassen. Die Optimisten von Rebecca Makkai ist eines der ganz großen Bücher in dieser Jahreshälfte.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen. Die Erste im Chicago der 80er Jahre, wo es zu immer mehr Todesfällen durch einen unheilbaren Virus, insbesondere in der Schwulenszene kommt. Der junge Yale Tishman (Spendensammler einer Galerie und kunstaffin) lebt mit seinem Partner Charlie (Herausgeber eines Magazins) zusammen.

Schon bald hat das HI-Virus auch seinen Freundeskreis erreicht. Es gibt keine Behandlung, es gibt kein Heilmittel. Ganz Boystown steckt in der Krise und Yale erfährt von einem erkrankten Freund nach dem anderen. Während einige es nicht wahrhaben wollen, sich in ihrer sexuellen Freiheit nicht einschränken möchten, sind andere voller Hoffnung, dass es nicht mehr lange dauern und ein Heilmittel gegen Aids gefunden werden kann.

…was mich mitnimmt, ist, dass ich einunddreißig bin und meine Freunde einer nach dem anderen krepieren.

Yale Tishman

Während Yale einen großen Deal abwickelt – die Schenkung einiger unbekannter Werke der betagten Sammlerin Nora, wird er von Charlie betrogen, der sich auf diesem Weg mit HIV infiziert. Die beiden trennen sich und kurze Zeit darauf, wird auch Yale positiv getestet.

Die zweite Zeitebene spielt im Jahr 2015. Fiona, die Schwester von Nico, einem der bereits verstorbenen Boys aus Yale’s Clique, ist auf dem Weg nach Frankreich. Sie ist in Paris auf der Suche nach ihrer Tochter, die einer Sekte verfallen zu sein scheint. Während ein Detektiv in ihrem Auftrag erste Erfolge bei der Suche verzeichnet, verbringt Fiona viel Zeit mit dem schwulen Fotografen Richard Campo, in dessen Wohnung sie während ihres Aufenthalts eine Bleibe gefunden hat und der ebenfalls mit den Jungs befreundet war. Dies rüttelt so einige Erinnerungen wach.

Das ist der Unterschied zwischen Optimismus und Naivität. Keiner hier im Raum ist naiv. Naive Menschen haben noch keine echte Prüfung hinter sich, deshalb meinen sie, ihnen könnte nichts passieren. Optimisten wie wir haben schon etwas durchgemacht und stehen trotzdem jeden Tag auf, weil wir glauben, wir könnten verhindern, dass es noch einmal passiert. Oder wir tricksen uns einfach aus, um das zu glauben.

Cecily Pearce

Die Optimisten hat mich auf so vielen Ebenen angesprochen. Ich war von Anfang an in der Story drin und habe Seite für Seite mitgefiebert und mitgelitten. Ein wahrer Pageturner. Man spürt die Hilflosigkeit und die Angst, aber auch die Hoffnung der Jungs, dass doch noch alles gut werden könnte.

Die im Buch erwähnte Schwulenbewegung und das Engagement der Homosexuellen für ihr Recht auf medizinische Versorgung, hat mich gleich an mehrere Dinge erinnert.

Woran ich dachte war der Film „The Normal Heart“ …ein Film, über den Beginn der HIV Epidemie in New York Anfang der 80er Jahre. Journalist Ned (Mark Ruffalo) kämpft für Aufklärung, gegen Diskriminierung und für die Unterstützung des Bürgermeisters für die Schwulencommunity, da eine unbekannte Krebsart um sich greift.

Und dann musste ich an einen homosexuellen Kollegen von mir denken. Ich habe eine zeitlang mit ihm zusammen gearbeitet. Wir waren nicht direkt Freunde, aber wir verstanden uns sehr gut und hatten immer viel Spaß zusammen in der Arbeit. Dies ist schon lange her. Er ist HIV positiv und es gibt die ein oder andere Parallele zu der Figur des Yale Tishman. Das hat mich stark betroffen.

Ich bin froh, dass er heute über die nötigen Medikamente verfügen und ein normales Leben führen kann. Er lebt sehr glücklich mit seinem Ehemann zusammen.

Ein fabelhaftes Buch. Die 600 Seiten lohnen sich definitiv. Ganz klare Leseempfehlung!

– Friday Black –

Nana Kwame Adjei-Brenyah

Dieses Buch ist der absolute Wahnsinn! Was für ein krasses Debüt von Nana Kwame Adjei-Brenyah!

Friday Black beinhaltet 12 Short Stories, die sich mit alltäglichen Dingen auseinandersetzt, mit denen sich junge Schwarze im heutigen Amerika tagtäglich konfrontiert sehen.

Ich bin so geflasht von dem Buch, dass ich gleich ein paar IG Videos gemacht habe. Diese findet ihr auf meinem Instagram – Blog. Schaut mal rein! https://instagram.com/books.and.twins?r=nametag

Und bitte, bitte lest dieses Buch! Es ist einfach mitreißend, verstörend und genial.

Neben Native Son (Richard Wright) und Gnade (Toni Morrison) ist es eines der besten Bücher, die ich über Rassismus, Gewalt und Ungerechtigkeit gegenüber der schwarzen Bevölkerung gelesen habe. Pflichtlektüre!

– Der letzte Weynfeldt –

Martin Suter

Was soll ich sagen – wieder einmal hat Martin Suter abgeliefert.

„Der letzte Weynfeldt“ stand schon sehr lange auf meiner Prioritäten-Bücher-Liste und lag seit der #fbm19  auf meiner SuB.

In dem Roman schreibt Suter über Adrian Weynfeldt, Kunstexperte, Single, zufrieden-unglücklicher Gentleman. Er ist ein Muttersöhnchen mittleren Alters, pflegt diverse Freundschaften, auch wenn er hauptsächlich von diesen ausgenutzt wird, worüber er sich sogar noch im Klaren ist.

Eines Abends trifft er Lorena in einer Bar. Sie ist schön, clever und verdreht ihm natürlich den Kopf. Sie bringt seine Welt völlig durcheinander und ihn mehr in Schwierigkeiten, als er es je für möglich gehalten hat.

Das Buch ist ein gewohnt intelligenter und spannender Suter. Der Autor zeigt hier wieder einmal wie klug und sympathisch er seine Hauptfigur und alles drum herum kreiert.

Man ist sofort gefesselt, die Geschichte fließt in einem angenehmen Tempo. Martin Suter schreibt fantastische Sätze, die zwar schlicht sind aber sehr viel Spaß machen.

Nach „Die Zeit, Die Zeit“ ist wohl „Der letzte Weynfeldt“ mein zweitliebster Suter-Roman.

Good job! Klare Leseempfehlung!

– Das Leben, von unten gesehen –

Dimitri Verhulst

Liliya Dimowa: Unter dem Faschismus die ersten Krabbelversuche gemacht, unter dem Kommunismus laufen gelernt und unter einer unfähigen demokratisch gewählten Regierung das stilvolle Hinken. War das als Zusammenfassung ihres Lebens genug? Für ihren Geschmack schon.

Das Leben, von unten gesehen

Was für ein hammermäßig gelungenes Buch! Es ist durch und durch grandios!

Dimitri Verhulst hat hier einen mega Coup hingelegt.

Die Geschichte handelt von der Witwe Liliya, die in Sofia (Bulgarien) lebt, Literatur liebt und in ihrem Mann die große Liebe gefunden hat.

Sie führen ein buntes, lasterhaftes Leben welches Liliya auch nach dem Tod ihres Mannes Anton so weiterlebt. Sie ist Muse in der Kunst, vielfache Geliebte und zelebriert ihren Hass auf einen Möchtegern-Schriftsteller/ Nobelpreisträger, indem sie sich mit seinen Werken anstatt mit Toilettenpapier den Hintern abwischt. 

Der Autor beschreibt hier auch ein Stück Geschichte indem er schonungslos und mit bissigem Humor dem Kommunismus in solch unverwechselbarer Weise eine vor den Latz knallt. Toll!

Insbesondere wenn man selbst oder die eigene Familie zu solchen Zeiten gelebt hat, kann man wirklich darüber staunen und schmunzeln, wie genial er dem damaligen Regime die Maske herunterreisst und es bloßstellt.

Unbedingt lesen! Kurz und knackig – einfach klasse!

%d Bloggern gefällt das: