Kurz zum Inhalt: Asahi und ihr Mann ziehen aufs Land in ein freistehendes Haus seiner Familie. Er hat es näher zur Arbeit und ist praktisch den ganzen Tag weg, während Asa ihren unsicheren Job in der Großstadt aufgegeben hat. Durch das höhere Einkommen ihres Mannes und dem Umstand, dass die beiden seinen Eltern keine Miete für das Haus zahlen müssen, kann sie erstmal die Tage auf sich zukommen lassen.
Ohne Aufgabe, ohne Termine hangelt sie sich planlos durch die Stunden, bis sie es schließlich nicht mehr aushält, sie für ihre Schwiegermutter etwas erledigen soll und ein wenig spazieren geht. Hier kommt sie an einem Fluss vorbei und fällt dabei in ein Loch. Mit Hilfe einer Nachbarin kann sie sich befreien, doch seitdem scheint nichts mehr so wie es war. Das Wetter spinnt, ein völlig unbekanntes, schwarzes Tier streunt durch die Gegend und Asahi lernt zu ihrer Überraschung ihren Schwager kennen, was ziemlich ungewöhnlich ist, denn in ihrer langjährigen Ehe kam dessen Existenz niemals zur Sprache.
Hiroko Oyamada schreibt so spannend, surreal und voller Wendungen. Doch wie kann man den Roman und sein offenes Ende verstehen? Ich sitze immer noch da und grüble was ich darüber denken soll.
Übersetzung: Nora Bierich/ Erschienen bei Rowohlt Verlag (Unbezahlt/ selbstgekauft)
Die perfekte Vorbereitung auf den diesjährigen #guestofhonour#italia der Frankfurter Buchmesse 2024!
Die junge Francesca wird streng religiös erzogen. Sie muss gehorchen, sich anpassen und die starren Regeln des faschistischen Patriarchats im Italien des Jahres 1935 befolgen. Ihre Eltern wollen dem Regime Mussolinis gefallen um daraus ihren Nutzen zu ziehen und sind getrieben von dem Wunsch weiter aufzusteigen.
Ihre ichbezogene Mutter und der abwesende Vater lassen Francesca in einem kalten, lieblosen Zuhause aufwachsen. Nur Haushaltshilfe Carla erwärmt sich für das junge Mädchen.
Kein Wunder also, dass sie der wilden, verwegenen Malnata (der Unheilbringenden) nacheifert. Diese soll neben dem Tod ihres kleinen Bruders für so manch andere Unglücksfälle verantwortlich sein. Alle halten sich fern von diesem Mädchen des Teufels. Wenn man ihr begegnet geht man lieber auf Abstand und bekreuzigt sich.
Maddalena, wie die Malnata eigentlich heißt, kümmert das Gerede um ihre Person recht wenig. Sie hat vor nichts und niemandem Angst, hat einen scharfen Verstand und kann hinter so manche Fassade blicken.
Beide Mädchen entdecken welche Rollen sie in dieser ganzen frauenfeindlichen Chose einzunehmen haben.
-Erwachsen und eine Frau zu sein, bedeutete vielleicht genau das: Es hatte nichts mit dem Blut zu tun, das einmal im Monat kam, auch nichts mit den Bemerkungen der Männer oder mit schönen Kleidern. Eine erwachsene Frau zu sein, bedeutete, einem Mann, wenn er sagte: “Du gehörst mir”, in die Augen zu sehen und ihm zu antworten: “Ich gehöre niemandem.”-
Die beiden Mädchen freunden sich trotz aller Klassenunterschiede an. Francesca entdeckt durch die Freundschaft zu Maddalena ihre Stimme, ihren eigenen Willen und rebelliert gegen
die strengen Eltern und letztendlich auch die faschistischen Strukturen.
Auch wenn ich mit dem Ende nicht ganz zufrieden war, muss ich sagen welche große Bewunderung ich für Beatrice Salvioni hege, die ein großartiges Debüt hingelegt hat.
Die Autorin schreibt über eine Mädchenfreundschaft, die sich für die weibliche Selbstbestimmung immensen Hürden entgegenstellen muss.
Mit kraftvollen, fesselnden Worten schildert sie die Entwicklung eines angepassten Mädchens (Francesca), welches zunehmend eigene Gedanken entwickelt und sich ihrem unterdrückenden Umfeld bewusst wird. Ebenso über Maddalena, die erkennt, dass sie durch die Macht ihrer Worte Dinge bewirken kann, ja denen es sich vielmehr aufzulehnen gilt.
Ein lesenswerter Roman, der mich neugierig auf die weitere Arbeit der Autorin stimmt.
Ich denke die Übersetzung von Anja Nattefort aus dem Italienischen hat hier großartig die Stimmung dieser Geschichte transportiert.
#latetotheparty aber dafür umso mehr Spaß an diesem tollen Buch! Danke @literaturtee für diesen Buchtipp bei Deinem Besuch in Regensburg letztes Jahr! Du musst bald wieder kommen!
Die junge, alleinstehende Suzu lebt mit ihrem Hamster Punsuke einsam und zurückgezogen. Soziale Interaktion ist nicht unbedingt ihre Stärke und durch den Dating-Dschungel manövriert sie sich eher schlecht als recht.
Als sie ihren Job als Kellnerin verliert, wird sie auf die Stellenausschreibung von Herr Sakai aufmerksam.
Seine Reinigungsfirma kümmert sich um sogenannte Kodokushi-Fälle. So nennt man Todesfälle, bei denen die Toten ohne soziales Umfeld allein gelebt haben und alleine verstorben sind. Ihr Tod wird oft erst sehr spät bemerkt.
Zu Anfang ist die Arbeit eine echte Herausforderung, denn hier stülpt sich Suzu mehr als einmal der Magen um, sobald sie mit den Verwesungsgerüchen und anderen Hinterlassenschaften der Verstorbenen konfrontiert wird.
Doch mit der Zeit freundet sie sich sowohl mit der Aufgabe als auch mit ihren 3 Kollegen der Reinigungskolonne an. Durch die Arbeit beginnt Suzu langsam sich zu öffnen und auf andere zuzugehen. So kümmert sie sich um ihren Kollegen Takada als dieser erkrankt oder auch um ihre betagten Nachbarn, die ihr schnell ans Herz wachsen.
Ein feinfühliger Roman über Achtsamkeit und Einsamkeit. Die Charaktere sind wunderbar liebevoll beschrieben, man fliegt durch die Geschichte und überlegt, wann man sich zuletzt nach links und rechts gedreht hat, was einem eventuell in der Hektik entgangen sein oder bei wem man sich schon lange nicht mehr gemeldet haben könnte.
Ein Appell an unsere Gesellschaft, die an ihrer Anonymität und Gleichgültigkeit zu zerbrechen droht.
Nachdem ich das Buch beendet habe, war ich noch trauriger, dass ich der Lesung von #milenamichikoflasar im November 2023 bei @team wegen meiner Hysterektomie nicht beiwohnen konnte. Ich hätte so gerne gehört, wie Milena Michiko Flašar an diesem Abend gelesen hat. Ich hatte die Eintrittskarte No. 1 für diese Veranstaltung. Ihr seht also – es war mir ernst!
Wenigstens hat mich ein Arbeitskollege vertreten und mein Exemplar für mich signieren lassen.
Die OP und meine private Situation haben mich die letzten Monate nicht lesen lassen, weswegen ich das Buch erst jetzt nach einer Phase des Umbruchs umso begeisterter gelesen habe.
Vielleicht musste auch ich erst an einen Scheidepunkt kommen um es lesen zu können…
Ein schmales krasses Buch voller Abgründe der menschlichen Seele.
In einem abgelegenen Dorf in Südspanien, lebt eine Großmutter mit ihrer erwachsenen Enkelin in einem Haus zusammen. Dieses Haus ist Wohnstätte von Dämonen, Geistern, Engeln und Heiligen. Von der Gesellschaft ausgegrenzt, leben “die Alte” und ihre Enkelin festgekettet in ärmlichen Verhältnissen, denen nur schwer zu entkommen ist.
„In diesem Haus leben die Toten zu lange und die Lebenden zu kurz. Die dazwischen hängen wie wir, tun weder das eine noch das andere.“
Im Dorf sind Gerüchte über die beiden im Umlauf, deren Bewohner sich dennoch hier und da machtvolle Päckchen von der Großmutter schnüren lassen. Die Enkelin will raus aus dem Ganzen, doch ist sie genau wie ihre Großmutter an das Haus gebunden. Damit die beiden über die Runden kommen, arbeitet die junge Frau als Kindermädchen der ansässigen reichen Familie Jarabo. Beide Familien sind über Generationen miteinander verbunden, wenngleich auf unterschiedliche Weise.
Eines Tages verschwindet der verzogene Junge auf den sie aufpassen soll. Immer wieder wird die Enkelin zum Verhör geladen, verhaftet. Hat sie mit dem Verschwinden des Jungen etwas zu tun?
Dieses Buch ist ein einziger düsterer Ritt. Die namenlosen Charaktere erzählen abwechselnd in einer rohen, extremen Direktheit über Klassenunterschiede, Sexismus, Gewalt und Rache. Dabei strotzt es voller generationsübergreifender Wut und Hass, birgt dunkle Geheimnisse und einem spirituellen, magischen Realismus, der die unheimliche Grundstimmung zusätzlich unterstreicht. Große Empfehlung an alle, die keine Berührungsängste mit hartem Stoff haben!
Der junge Obiefuna wächst in Port Harcourt in Nigeria auf. Gemeinsam mit seinen Eltern Anozie und Uzoamaka, sowie Bruder Ekene bestreiten sie den Alltag. Schon bald wird Obiefuna sich seiner Homosexualität bewusst, welche ihn zum Außenseiter und Opfer macht wenn dies bekannt würde. In der patriarchalischen Gesellschaft Nigerias gilt Schwulsein als unnormal und abartig. Als ihn sein Vater Anozie bei einem innigen, unschuldigen Moment mit dem Lehrgesellen Aboy beobachtet, schickt er Obiefuna umgehend auf ein christliches Internat. Seine Mutter verkraftet die Trennung vom geliebten Sohn nur schwer.
“Es ist eine Sache, ein Kind zu lieben, aber eine ganz andere ist es, ob sich dieses Kind auch geliebt fühlt. Unser Sohn ist noch jung. Er wird in seinem Leben noch vielen Widerständen begegnen. Ein Zuhause ist der letzte Ort, an dem sich ein Kind nur bedingt geliebt fühlen sollte.”
Im Internat angekommen, lernt er schnell sich in der Hackordnung einzuordnen. Doch die homophoben Strukturen machen aus allem in seinem Leben einen Drahtseilakt. Seine Beziehung zum älteren Miebi während seines Studiums ist riskant, vor allem weil kürzlich ein neues Gesetz verabschiedet wurde, welches Homosexualität unter Strafe stellt.
“…Aber er muss bei seinen Dates nicht befürchten, entführt und gefoltert zu werden, nur weil er so ist, wie er ist.”
Was für ein berührendes, einfühlsames Debüt @chukwuebukaibe4 hier abgeliefert hat. Obis Leben und Schicksal lässt einen nicht mehr los. Die Scham und die ständige Angst für seine Liebe bestraft zu werden ist ein unerträglicher Gedanke. Chukwuebuka Ibeh schreibt unglaublich dicht, die Sätze hallen nach. Ein Roman über die Suche eines jeden Menschen nach dem, was nur natürlich ist und für alle gelten muss: Liebe, Zugehörigkeit und Akzeptanz. Diesen Autor muss man sich merken!
“All das würde mein Freund nicht verstehen, selbst wenn er am Telefon einmal zuhören würde, denn er möchte es nicht verstehen, mein Gefühl der Verlorenheit, gefangen zwischen zu Schwarz in Deutschland und zu deutsch in Kamerun. Zu laut und fremd bei ihm, nicht stark und stolz genug bei meiner Familie. Dieses immer Zu-viel-oder-zu-wenig- Gefühl ist mein ständiger Begleiter.”
Um dem klärenden Gespräch mit ihrem weißen, deutschen Freund aus dem Weg gehen zu können, ist es der schwangeren Issa nur recht, dass sie von ihrer Mutter zu ihrer Mbambah (Urgroßmutter) für heilbringende Rituale nach Douala geschickt wird. Als junge Schwarze Frau zweier Welten (deutsch und kamerunisch) fühlt sie sich oft unverstanden und verloren. Die Beziehung zu ihrer Mutter ist angespannt – nach Buea ist sie direkt nach einem Streit abgereist. In der alten Heimat merkt sie wie sehr sie sich nach Zugehörigkeit und ihren Wurzeln sehnt, gleichermaßen merkt sie recht schnell, dass sie nicht nur -die eine- Identität hat.
Parallel werden im Wechsel zu Issas Erfahrungen in der Gegenwart, die Lebensgeschichten ihrer Vorfahrinnen erzählt. Ein ums andere Mal mussten sich die Frauen zusammenreissen, zusammenrotten und einige schwere Schicksalsschläge verkraften in einem System, von dem nur Männer profitierten. All dies zu Zeiten des (deutschen) Kolonialismus und unter dem Joch des Patriarchats, dem die Frauen ein ums andere Mal ausgeliefert waren. Machtstrukturen, Gewalt, Bigamie, zahllose Schwangerschaften und Totgeburten gehörten zum Alltag von Marijoh (Issas Mbambah), Namondo und Ayudele (Issas Mutter) Nur durch Zusammenhalt und gegenseitiger Fürsorge konnten sie überleben und sich behaupten.
“In unseren eigenen Geschichten sind wir keine Opfer, Issa, du hast lesen und schreiben gelernt, aber das Denken kann dir niemand beibringen, das musst du selbst erlernen. Denn dann kannst du deine Geschichte selbst schreiben.”
Durch die Gespräche, den Begegnungen und den heiligen Ritualen ergründet Issa ihre Familiengeschichte und versucht ihren eigenen Weg zu finden, um den Worten ihrer Mbambah zu folgen: “Ich will nicht, dass du zulässt, dass irgendein Mann jemals wieder etwas von dir nimmt, das du ihm nicht aus freien Stücken gibst.”
@mirrianne_m hat in meinen Augen ein mitreissendes, starkes Debüt hingelegt. Dieses Buch ist eine Auseinandersetzung mit den Folgen von Kolonialismus und eine literarische Darstellung weiblicher Stärke, die mich unglaublich berührt und für sich eingenommen hat. Ich fühle mich diesen Frauen so nah, in ihrem alltäglichen Kampf um Unabhängigkeit und dem Überleben in einer für Männer gemachten Welt. Ich war tief getroffen, weil es wirklich egal ist auf welchem Fleck der Erde wir Frauen geboren werden, wir tragen die gleiche Last – der Unterschied liegt nur im Gewicht. Als deutsche Frau mit osteuropäischen Wurzeln kamen mir Themen des Buches wie Gastfreundschaft, der Stellenwert von Essen und das Beschenken der Verwandten bei Besuchen in der Heimat äußerst bekannt vor. Die schmerzhaften, rassistischen Erfahrungen kann ich als weißer Mensch nur zu begreifen versuchen. Meine Unsichtbarkeit in der deutschen Mehrheitsgesellschaft ist mir wieder stark bewusst geworden. Ein wichtiges Buch von aktueller Relevanz!
Ella: “Lila ist eine Mutige, die ist einfach losgezogen! Und Hubert ist so witzig!“
Klara: “Philomeno sagt nicht viel und alle dachten er wäre böse, aber ich wusste gleich, dass der ganz in Ordnung ist!”
@lenalastig und @tijansila haben zusammen eine wirklich fantastische Abenteuergeschichte geschrieben, die uns herrlich Spaß gemacht hat!
Lila Leuchtfeuer, deren Familie in Siebenwirbelwinde, als Magichaniker des Ortes arbeiten, öffnet (verbotenerweise) in Abwesenheit ihres Vaters die Werkstatt. Als der eigentümliche Philomeno mit seinem Zughahn Phosphoros in der Werkstatt auftaucht, staunt Lila nicht schlecht. Der Knecht der Hexe Tremebunda Smert bringt deren Flugfass zur Reparatur. Schnell stellt sich heraus, dass Lila das Problem in der Werkstatt nicht lösen kann. Das Fass ist von einem reimenden Wurm-Fürsten besetzt, der sich weigert es zu verlassen und ausschließlich für ein magisches Spinnrad bereit wäre umzuziehen.
Um nicht den Zorn der berüchtigt bösartigen Hexe auf sich zu ziehen, bleibt nur eines übrig: Sie muss losziehen und das Spinnrad finden. In Begleitung des magischen, sprechenden Hammers Hubert und dem Waldgeist-Übersetzer-Eichhörnchen Willi, sowie Philomeno (der angewiesen wurde beim Fass zu bleiben) macht sich Lila auf eine gefährliche Reise, die so einige Überraschungen für alle bereithält.
Dieses Buch hat einfach soviel Spaß gemacht. Die Kinder hingen an meinen Lippen, ich hatte eine riesige Freude daran es vorzulesen und war regelrecht von den wundervollen Ideen in dieser Geschichte begeistert. Auch wenn es ein Kinderbuch ist, hat es für mich ernste Anklänge und das finde ich einfach großartig! Steinigt mich, aber in sehr sehr vielen Kinderbüchern (die ich ja in Massen hier vorlesen muss) wird die Realität beschönigt, Angsteinflößendes abgemildert und weichgespült. Hier finde ich die Mischung als Elternteil perfekt.
Lila Leuchtfeuer werden wir mit Sicherheit sehr oft verschenken. Und liebe Lena und Tijan: haltet Euch ran! Die Zwillinge haben direkt nach dem Ende gemeint: “Holen wir dann morgen oder so Teil 2?!!!” …Ich hatte etwas Mühe sie zu besänftigen, dass Teil 1 erst jetzt herauskam…