– Das Baby ist meins –

Oyinkan Braithwaite

Der Ich-Erzähler und Frauenheld Bambi, wurde gerade von seiner Freundin Mide wegen Untreue rausgeworfen. Mitten im Corona-Lockdown. Doch wohin soll er so schnell, abends, wo man sich eigentlich nicht draußen herumtreiben soll? Er beschließt kurzerhand zu seiner Tante „Aunty Bidemi“ zu ziehen, die kürzlich verwitwet ist.

Dort angekommen, stellt er fest, dass neben Bidemi mit Baby auch eine weitere Frau dort wohnt; die ehemalige Geliebte seines verstorbenen Onkels Folu, namens Esohe. Beide Frauen beanspruchen die Mutterschaft über Baby Remi für sich.

Gemeinsam im Lockdown „gefangen“ und durch einige erschwerende Umstände wie Stromausfälle, spitzt sich die Situation immer weiter zu. Wegen Überlastung der Krankenhäuser ist eine medizinische Untersuchung samt DNS Test nicht möglich. Bambi weiß nicht, welcher der beiden Frauen er Glauben schenken soll.

Bidemi und Esohe bekriegen sich aufs Äußerste und nehmen dabei nicht mal auf Baby Remi Rücksicht, um ihr vermeintliches Recht durchzusetzen. Um das Kind aus der Schusslinie zu holen, beschließt Bambi sich selbst um das Baby zu kümmern. Parallel dazu muss/soll er als Mann im Haus  ein Machtwort sprechen und eine Entscheidung fällen, wem Remi denn nun gehört.

Dieses Buch ist ein skurriles Kammerspiel mit überspitzten Situationen und einem richtigen Macho als Hauptfigur, der ebenso wie die Frauen, nicht aus der unerträglichen Lage abhauen kann.

Es ist schnell gelesen und macht Spaß. Für mein Empfinden etwas für zwischendurch.

Absurd, unterhaltsam, pointiert.

– Irgendwann wird es gut –

Joey Goebel

Gestern wurde ich zufällig daran erinnert, dass ich „Irgendwann wird es gut“ von Joey Goebel noch nicht rezensiert habe.

Schlimmes Versäumnis, denn ich liebe seine Bücher!

Bis heute sind mir Opal und Ember aus „Freaks“  (Originalausgabe: The Anomalies) im Gedächtnis geblieben – es war das erste Buch des Autors, welches ich gelesen habe.

„Vincent“ und „Heartland“ kamen als Nächstes.

Und auch in „Irgendwann wird es gut“ zeigt Joey Goebel wieder seine Sympathie für die “Außenseiter und Loser“ der Gesellschaft, angesiedelt in der fiktiven Kleinstadt Moberly.

„Ein junger Mann wartet mit zwei Drinks auf seine Angebetete. Sie kommt pünktlich — im Fernsehen.

Ein zwölfjähriges Mädchen will nicht zu schnell erwachsen werden. Und ein Messie findet ins Leben zurück dank einer hübschen Frau, die womöglich noch trauriger ist als er selbst.“

Es ist eine Geschichten-Sammlung voller Herz, Komik und auf jeden Fall lesenswert.

Berührend, hoffnungsvoll und prägnant.

– Vati –

Monika Helfer

„Wir sagten Mutti. Unser Vati wollte es so.“

Wie schon in „Die Bagage“ erzählt Monika Helfer in „Vati“ Geschichten aus ihrem Leben.

In den episodenhaften Erinnerungen, die zeitlich hin- und herspringen, berichtet die Autorin über das Leben mit Vati, seiner großen Liebe für Literatur und Bücher, seine Verwundung im Krieg.

Ein schweigsamer Typ war er, der Vati. Doch mit Monika verband ihn etwas spezielles. Sie hatten ihre kleinen Geheimnisse, ihre Blicke, ihre Gedanken — er forderte ihr Interesse an Büchern ein. Er machte sie zu Komplizen.

„Meine ersten beiden Bücher, einen Erzählband und einen Roman, erlebte er noch, und ich brachte ihm je ein Exemplar mit einer Widmung — „Für Vati, Du siehst, auf dem Rücken steht mein Name.“ Ich war gerührt, den ganzen Abend war er dagesessen mit den Bänden in seinen Händen, hatte sie gestreichelt, hatte daran gerochen, hatte irgendwo aufgeschlagen und mit hochgezogenen Brauen einen Absatz gelesen, ohne Kommentar. Als ich das nächste Mal zu Besuch kam, sah ich, dass er meine Bücher im Regal für deutschsprachige Autoren eingeordnet hatte, immerhin gleich hinter Heinrich Heine.“

Es war ein einfaches Leben voller Entbehrungen, welches die Bagage geführt hat. Später als Leiter eines Kriegsopfer-Erholungsheimes, widmete er sich wieder seiner Bibliothek, dort oben in den Bergen. Weiterhin sehr still, wie es viele Männer dieser Generation gewesen sind.

Dieses Leben war für niemanden leicht.

Monika Helfer schafft es auf wenig Seiten Großes zu erzählen. Ohne Hektik und leise erinnert sie sich voller Respekt, auch an weniger angenehme Dinge.

Sensibel, lakonisch und atmosphärisch.

Erscheinungstermin: 25.01.2021

Vielen Dank an @hanserliteratur und @vorablesen für dieses wundervolle Rezensionsexemplar!

– Ein wenig Leben –

Hanya Yanagihara

Jude, Willem, JB, Malcolm…

…Namen, die mich von heute an immer begleiten werden.

Sie gehören vier Männern, deren Leben ich eine Zeit lang mit gelebt habe. Durch ihre Augen erfuhr ich Leid, Kummer, Agonie….aber auch Liebe, Freundschaft und Wertschätzung.

Ich neige dazu überhaupt keine langen Rezensionen zu lesen und so war ich definitiv unvorbereitet, was mich zwischen den Buchdeckeln in diesem Buch erwartet. Auf über 900 Seiten reisst uns Hanya Yanagihara immer wieder das Herz entzwei und flickt es dann wieder zusammen.

Eigentlich habe ich öfter daran gedacht, das eine Trigger-Warnung auf dieses Buch gehört, weil es einige Stellen gibt, die fast unerträglich sind. Ich habe sehr geweint. Es waren Tränen eines mitfühlenden Menschen, es waren Tränen einer Mutter. Viele, viele Tränen.

Und dann gibt es Abschnitte, in denen man die ganze Palette menschlicher Wärme empfindet und sich unbändig für die Protagonisten freut. Ein wundervolles Buch, mit einem der schlimmsten Schicksale, von dem man je gehört hat.

Die einzige kleine Schwäche empfand ich in ein paar Längen.

Dringende Leseempfehlung – aber Achtung: nichts für zarte Gemüter.

Ergreifend, kräftezehrend, außergewöhnlich.

– Parade’s End –

Ford Madox Ford

HBO Miniseries

Vor ein oder zwei Jahren habe ich auf Arte eine HBO Miniserie gesehen, deren Inhalt mir irgendwie bekannt vorkam.

Es handelt sich um die Adaption des Klassikers „Parade’s End“, einer Tetralogie von Ford Madox Ford.

Die Geschichte dreht sich um Christopher Tietjens, einem britischen Landedelmann, der brillante Arbeit als Statistiker abliefert und der die alten Werte eines Gentlemans als „letzter Tory“ über alle Maßen in Ehren hält.

Er lernt Sylvia Satterthwaite kennen, wird schnell intim mit ihr und als sie ihm kurze Zeit später eröffnet sie sei schwanger, heiratet er sie gegen den Willen seiner Familie, obwohl er nicht einmal weiß, ob das Kind von ihm ist.

Hiermit nimmt die Tragödie ihren Lauf. Nach der Heirat mündet die Ehe in einer Tortur für beide. Die rechtschaffene und sittsame Art ihres Mannes, ist Sylvia unerträglich und verhasst. Sie provoziert ihn bis aufs Äußerste und hat viele Affären, die Christopher dennoch als wahrer Gentleman tugendhaft übersieht.

Bei einem Ausflug lernt er die junge Suffragette Valentine Wannop kennen, kann sich aber wegen seiner hohen Moralvorstellungen nicht überwinden seinen Gefühlen für Valentine nachzugeben und bleibt seiner Frau treu. Eine Scheidung kommt allerdings ebenso wenig in Frage, da Pflicht und Moral in seiner Welt über allem stehen.

Diese Dreiecksbeziehung zwischen Christopher, Sylvia und Valentine entspinnt sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, in deren Verlauf sich Tietjens endlich für eine der Frauen entscheiden muss.

Ein Genuss für alle Fans der britischen Kultur, ihrer Traditionen und deren Verfilmungen.

Die Miniserie ist hochkarätig besetzt mit Benedict Cumberbatch, Rebecca Hall, Adelaide Clemens, Rupert Everett, Miranda Richardson und Rufus Sewell.

– Von dieser Welt –

James Baldwin

Es gibt Autoren, deren Bücher begleiten einen ein Leben lang. Für mich zählen Toni Morrison und James Baldwin dazu.

Sie sind völlig zurecht Ikonen und mitunter die bedeutsamsten Stimmen der afroamerikanischen Literatur. In seinem Debüt „Von dieser Welt“ schreibt James Baldwin seine Seele zu Papier.

John Grimes, klug, gerade 14 Jahre geworden, lebt mit seiner Familie in Harlem/ New York in den 1930ern.

Sein Vater Gabriel, ein Baptistenprediger, der sich selbst sein halbes Leben versündigt hat an Alkohol und Frauen, hält nicht viel von seinem Stiefsohn. Er ist das uneheliche Kind seiner zweiten Frau Elizabeth. Diese sieht das unterkühlte Verhältnis zu John als väterliche Liebe der nur das Beste für seine Kinder will und ignoriert die Probleme. Roy, der andere Sohn – ein Draufgänger und Tunichtgut, kommt an Johns Geburtstag mit Stichwunden nach Hause. Wenig später geht die Familie gemeinsam zum Gottesdienst. Hier erfährt John eine Art Erweckung…

Mehr möchte ich inhaltlich gar nicht ausplaudern.

Nur soviel sei gesagt: Das Buch ist in drei Teile geteilt, in denen durch Rückblenden die Geschichte vieler der Familienmitglieder erzählt wird, wobei die Fäden immer wieder zu John führen.

Die vielen religiösen Passagen und Predigten könnte man kritisieren, aber ich glaube Baldwin hat diese ganz bewusst eingebaut. Hier schwingt mit Sicherheit viel autobiografisches mit, insbesondere was die fanatische Religiösität und die Beziehung zu der Vaterfigur betrifft. 

Der ganze Roman hat eine Sogwirkung und eine Wucht, die einen wirklich durchrüttelt und fertig macht. Angespannte Familienverhältnisse zwischen Vater und Sohn, Bruder und Schwester, sexuelle Orientierung, Religion, Teufel und Gott…die Spirale der Chancenungleichheit…ein exzellentes Buch über Hoffnung, Trost im Glauben, Hass und Selbsthass, Sehnsüchte und den bis heute andauernden strukturellen Rassismus gegenüber People of Color in unserer Gesellschaft.

Sprachlich meisterhaft, kraftvoll und mitreissend.

– Fussel und der Mutausbruch –

Malene Walter

Es wird mal wieder Zeit für ein Kinderbuch!

Die Twins haben am Wochenende ihren 4. Geburtstag gefeiert und natürlich auch neuen Lesestoff geschenkt bekommen.

„Fussel und der Mutausbruch“ von @malenewalter (@froileinfuchs) ist ein ganz zauberhaftes Buch um Groß und Klein Mut zu machen.

Der kleine Klitzeklein lebt mit seiner Familie auf einer alten Wolldecke.

Im Gegensatz zu seiner Fusselfamilie, wurde es ihm langweilig tagaus und tagein auf der ollen Wolldecke zu verstauben.

Er träumte von Abenteuern! Eines Nachts wagt er es und schwebt davon. Auf seiner Reise bekommt er unerwartete Hilfe und entdeckt eine wundervolle Welt voller Farben, Düfte und wunderschönen Plätzen.

Wunderschön illustriert und liebevoll erzählt.

  • Gebundene Ausgabe
  • Morisken Verlag
  • Altersempfehlung 3-5 Jahre
%d Bloggern gefällt das: