– Das Archiv der Gefühle –

Peter Stamm

Wie ist es wenn man sein Leben verpasst?

In -Das Archiv der Gefühle- von Peter Stamm lebt der namenlose Ich-Erzähler vor sich hin.

Seine Arbeit als Archivar bei einer Zeitung hat er verloren, geht dieser Beschäftigung aber weiterhin im geerbten Elternhaus nach.

“Ich muss eine Akte zum Thema Geräusche des Wassers anlegen, ich frage mich, wo in der Systematik sie hingehört, Natur, Physik, vielleicht sogar Musik? Geräusche, Gerüche, Lichtphänomene, Farben, so vieles fehlt noch in meinem Archiv, so viel Unbeschriebenes, Unerfasstes, Unerfassbares.”

Er hatte Beziehungen, doch gab es nur eine Liebe für ihn, die ihn bis in die Gegenwart begleitet. Franziska, mit der er nie zusammen kam, die später Karriere als Sängerin Fabienne machte und über die er ebenfalls eine Akte führt.

Während der Arbeitslosigkeit beleuchtet er die Stationen seines Lebens und bemerkt, dass es eine Abfolge zahlreicher Ereignisse war, die nirgends hinführten. Selbst als er eines Tages Kontakt zu seiner großen Liebe Franziska aufnimmt, zweifelt er letztendlich daran, ob es eine Zukunft mit ihr gäbe, oder ob es eigentlich nur das archivierte Bild in seiner Vorstellung von ihr ist — die unerreichbare Liebe der er ein Leben lang nachhängt.

Dieses Buch verspricht keine Action, doch es ist eine eindringliche Story über einen Mann, der durchgehend untätig zu bleiben scheint. Er meidet Menschen und blickt auf ein ungelebtes Leben zurück. Doch ab dem Zeitpunkt, an dem er sich mit seiner Geschichte beschäftigt, das Haus aufräumt und das Archiv Stück für Stück entsorgt, kommt so etwas wie ein Funken Hoffnung auf, dass es etwas neues beginnen könnte.

Peter Stamms Romane sind geprägt vom Weglassen. Hier fällt kein überflüssiges Wort. Reduziert und unspektakulär schreibt er einen eindringlichen Roman über Einsamkeit und Illusion.

Von meiner Seite her eine klare Leseempfehlung. (Ich bin aber auch bekennendes Peter Stamm Fangirl)

– Aufbrechen –

Tsitsi Dangarembga

Die kleine Tambu lebt in einem Dorf in Simbabwe, ist klug und wissbegierig, muss sich aber als Mädchen in der Hackordnung hinten anstellen und wird dementsprechend benachteiligt, während ihrem Bruder Nhamo traditionell alle Chancen gegeben werden.
Tambu weiß, dass sie keinesfalls wie ihre Mutter oder die anderen Frauen im Dorf enden will. Mit Abscheu sieht sie zu wie diese auf dem Feld schuften müssen und ein Kind nach dem anderen zur Welt bringen, während sie vor dem Leben an sich resignieren.

Als ihr arroganter Bruder Nhamo verstirbt, rückt sie nach und darf die örtliche Missionsschule besuchen. Ihr Onkel Babamukuru, der einige Jahre in England studieren konnte, leitet die Einrichtung und nimmt Tambu unter seine Fittiche. Zum ersten Mal sieht sie Dinge wie eine Toilette, einen sauberes Zuhause und darf lernen ohne ständig mit Arbeit überschüttet zu werden. Aber wieviel muss man dafür geben?

-Aufbrechen- von Tsitsi Dangarembga gilt heute schon als Klassiker der afrikanischen Literatur. Die Autorin schreibt einen Entwicklungsroman, der gleichermaßen die Auswirkungen des Kolonialismus über Jahre hinaus und die unterdrückenden Strukturen im Patriarchat behandelt.
Spannende, flotte Dialoge bringen das ganze ungerechte System zutage, in dem sich Frauen zu behaupten versuchen.
Der Auftakt einer lesenswerten Trilogie – nicht nur während des #blackhistorymonth

Übersetzung: Ilija Trojanow

– Die Tochter –

Kim Hye-Jin

Eine namenlose Ich-Erzählerin mittleren Alters, lebt allein und arbeitet in einem der kräftezehrendsten Jobs — als Altenpflegerin, in dem sie täglich miterleben muss, wie alte Menschen von der Gesellschaft im Stich gelassen werden.
Das ihre Tochter Green (Mitte 30) homosexuell ist, anstatt ein “normales”Leben als verheiratete Frau mit Ehemann und Kindern zu führen, macht ihr schwer zu schaffen.
Immer wieder redet sie auf ihre Tochter ein, diesen Unsinn endlich hinter sich zu lassen. Sie könne den Spieß noch umdrehen. Ihre Tochter möchte davon nichts wissen und fragt stattdessen: 

„Warum kannst du mich nicht akzeptieren, wie ich bin?”

Als Green mit ihrer Lebensgefährtin Rain aus finanziellen Gründen in das Haus ihrer Mutter mit einziehen muss, prallen die beiden Welten aufeinander. Die Mutter zeigt deutlich ihre Missbilligung gegenüber der Lebensweise des lesbischen Paares, hat sie doch ihr gesamtes Leben der Familie und der Kindererziehung gewidmet, wie es sich gehört. Green hingegen arbeitet als Lehrbeauftragte an einer Universität, ihr Beschäftigungsverhältnis ist unsicher und sie beteiligt sich an Protesten gegen die Universitätsverwaltung, die in jüngster Vergangenheit homosexuelle Kolleg*innen entlassen hat.

Mutter und Tochter geraten immer wieder aneinander. Man möchte meinen sie wären grundverschieden und doch merkt man immer wieder, in wie vielen Dingen sie sich ähneln, ohne sich der Gemeinsamkeiten bewusst zu werden.
Beide arbeiten, haben aber keine sichere Anstellung. Beide kümmern sich um andere und setzen sich für Gerechtigkeit ein. Die Mutter für eine menschenwürdige Behandlung ihrer Patientin Tsen im Pflegeheim, ihre Tochter Green geht auf Demos um auf das Fehlverhalten der Universität gegenüber homosexuellen Mitarbeiter*innen aufmerksam zu machen.
Langsam beginnt die Mutter zu fragen:

Wo stehe ich und wo sollte ich stehen?“

Ein wirklich gelungener Roman, der einige prekäre Missstände der koreanischen Gesellschaft aufgreift und die mir nicht allzu weit entfernt von unserer westlichen Lebensrealität liegen.

Übersetzung: Ki-Hyang Lee

– Schwarzes Herz –

Jasmina Kuhnke

Spätestens seit der Absage ihrer Teilnahme an der #fbm21 im Oktober 2021 kommt man an -Schwarzes Herz- von Jasmina Kuhnke nicht vorbei, ohne aufzuhorchen.

In ihrem Buch erzählt eine Schwarze Ich-Erzählerin im Wechsel über ihre Kindheitserinnerungen als mixed child einer serbokroatischen Mutter und eines senegalesischen Vaters, sowie ihrem Erwachsenenleben als junge Mutter, die in einer toxischen Ehe gefangen ist.
Geboren in Duisburg Anfang der 90er Jahre und als einzige Schwarze Person in ihrem Umfeld, wird sie von Beginn an rassistischen, diskriminierenden Anfeindungen und Ausgrenzungen ausgesetzt. Ihre Mutter steckt in einer schlechten Ehe, arbeitet als Krankenschwester und finanziert die Familie, während der Stiefvater hauptsächlich faul und rassistisch ist.
In der Schule werden ihre Leistungen wegen ihrer Hautfarbe schlechter bewertet, sie findet keinen Anschluss und auch häufige Schulwechsel helfen über die strukturellen Rassismusprobleme Deutschlands nicht hinweg. Nur im Sport kann die Protagonistin glänzen, doch auch hier machen Klischees und letzten Endes ihr eigener Körper ihr einen Strich durch die Rechnung.
Als Erwachsene wird ihre Ehe mit einem gewalttätigen, misogynen Mann zur Tortur. Er isoliert sie, demütigt und schlägt sie, macht sie finanziell von sich abhängig und kontrolliert ihr gesamtes Leben. Zwischen seinen Ausrastern und vermeintlichen “Heile-Welt”-Momenten kommen die beiden gemeinsamen Kinder. Eines Tages nimmt sie das kleine rote Notizbuch zur Hand, welches sie einmal von einer Freundin geschenkt bekam. Sie beginnt zu schreiben. Schreibt sich selbstsicher, schreibt sich neu, schreibt sich letztendlich frei und findet endlich die Kraft ihrem Leben eine neue Richtung zu geben.

Dieses Buch ist inhaltlich erschütternd und für den gesellschaftlichen Diskurs extrem wichtig. Es ist hart, es steckt voller Schmerz und Wut. Es sollte uns als weiße Mehrheitsgesellschaft wachrütteln, was und wie oft etwas gewaltig schief läuft in unserem “ach so tollen” System und was immer noch von viel zu vielen weißen Menschen ignoriert oder abgetan wird.

Die derbe, vulgäre Sprache hat mich ziemlich abgestoßen. An einigen Stellen war es mir zu roh, zu gewollt und es fehlte an Substanz. Darunter mischen sich kitschige Ausdrücke und holprige Metaphern.

Dennoch ein unentbehrlicher Beitrag im Diskurs um Rassismus und Misogynie insbesondere in Deutschland. Für mich ist es kein Roman, sondern vielmehr ein schonungsloser Erfahrungsbericht, der auf jeden Fall seine Berechtigung in der Literaturlandschaft hat. 

– Die Farbe Lila –

Alice Walker

Liebe Celie, liebe Nettie,

ich habe Eure Geschichte gelesen. Ihr seid in Georgia aufgewachsen. 20. Jahrhundert. Damals eine schwierige Kindheit besonders für Schwarze Mädchen.
Miss Celie, nachdem Dich Dein Vater vergewaltigt und zweimal geschwängert hat, hat er Adam und Olivia nach der Entbindung weggebracht, ohne Dir zu sagen ob sie noch leben oder tot sind.
Auch hat er Dich an Mr. verheiratet, weil er die Nettie nicht hergeben wollte. Mr. ist ein gewalttätiges Schwein, dass Dich bei jeder Gelegenheit schlägt und für den Du nur Arbeitskraft bist. Ich habe mich so sehr für Euch gefreut, als Nettie kurze Zeit später zu Besuch kam, um von Eurem Pa wegzukommen.
Als Mr. von Dir nicht bekommen hat was er wollte Nettie, hat er Euch getrennt. Ihr wolltet Euch schreiben, habt gemeinsam fleißig Schreiben und Lesen gelernt. Aber Mr. sagte, Ihr würdet nie wieder voneinander hören. Es war herzzerreißend.

Kurze Zeit später brachte Mr. Shug Avery nach Hause. Die war schon ne Marke, diese Shug. Mr. wollte eigentlich sie zur Frau, hat sie aber nicht bekommen.
Sie hat wieder Liebe und Freundschaft in Dein Leben gebracht, Miss Celie. Hat sogar einen Song für Dich geschrieben. Und ganz langsam hast Du Deinen Mut gefunden Miss Celie. Hast gekämpft. 

Ich habe die Neuübersetzung -Die Farbe Lila- von Alice Walker im #buddyread mit der lieben @leseminze gelesen.
Das Buch habe ich schon vor vielen Jahren in einer anderen Übersetzung gelesen und die Bücher miteinander verglichen. Wenn man die grandiose Verfilmung mit Whoopi Goldberg in der Rolle der Celie kennt, hat man das Gefühl in der neuen Übersetzung den gesamten Film zu lesen. Manche Dialoge sind 1 zu 1 mit der Synchronisation des Films identisch. Ich hatte beim Lesen immer wieder die Kulissen und die Schauspieler vor Augen. Lediglich das Verhältnis zwischen Celie und Shug ist im Buch nicht so heruntergespielt, wie es im Film gemacht wurde. So wichtig!
Fakt ist: Dieser Klassiker ist berührend, mitreissend und gefühlvoll.

Übersetzung: Cornelia Holfelder- von der Tann

– Heaven –

Mieko Kawakami

Das war mein erster Gedanke, als ich die ersten zwanzig Seiten über den namenlosen 14jährigen Schüler und Ich-Erzähler gelesen habe.
Sein Schulalltag ist geprägt von Gewalt und den Schikanen, die er durch seine Mitschüler Ninomiya, Momose und vielen anderen, tagtäglich ertragen muss. Sie lassen ihn Kreide essen, sperren ihn gefesselt in Schränke, spielen mit seinem Kopf Fußball und beleidigen ihn.

Eines Tages findet er an seinem Pult einen Brief. Seine Klassenkameradin Kojima, die ebenfalls drangsaliert wird, schreibt ihm jeden Tag kurze Botschaften bis er sich entschließt zu antworten. Es kommt zu einem ersten Treffen der beiden außerhalb der Schule. Da sie sich gut verstehen und im gleichen Boot sitzen, schließen sie langsam Freundschaft und spenden sich gegenseitig Trost.
Doch als Angriffe und Mobbing der Mitschüler immer brutaler und unbarmherziger werden, scheint ein Ausweg aus dieser Hölle aussichtslos.

Mieko Kawakami hat mit Heaven einen so unglaublich aufrüttelnden Roman über Mobbing und Trauma geschrieben, wie ich ihn noch nie gelesen habe. Das Gefühl der völligen Hilflosigkeit der beiden Opfer kriecht in einen hinein und ich war immer wieder empört über die Täter, wäre so oft am liebsten dazwischen gegangen um laut zu schreien: Es reicht! Mobbing ist ein starkes Problem in unserer Gesellschaft und insbesondere bei Kindern kann das zu furchtbaren Traumatisierungen führen, die im schlimmsten Fall zu Suizid führen.
Während des Lesens habe ich oft an die Mobber aus meiner Schulzeit gedacht. Ich habe mich gefragt, wie sie heute über ihr früheres Verhalten denken.

Fakt ist: Dieses Buch zeigt auch auf, dass es Menschen gibt, denen Andere tatsächlich völlig egal sind und die keinen Grund haben um andere zu peinigen. Die Schuld liegt nicht beim Opfer. 

Mitreissend, sensibel und tiefgründig.

Übersetzung: Katja Busson
@dumontbuchverlag

– Herren der Lage –

Castle Freeman

Was für ein charmantes Buch!

Der Kleinstadt Sheriff Lucian Wing, sorgt in dem verschlafenen Nest Cardiff für Ruhe und Ordnung.
Im hintersten Winkel von Vermont, sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht.
Die Bewohner sind gern unter sich und so sorgt es natürlich für Irritation als der arrogante Anwalt Carl Armentrout den Weg aus New York in ihre Stadt auf sich nimmt.
Er kommt mit einem ungewöhnlichen Gesuch – Lucian soll eine junge Schülerin ausfindig machen. Pamela, die Stieftochter des millionenschweren Geschäftsmannes Rex Lord, ist mit dem Halbwüchsigen Duncan March aus Cardiff durchgebrannt.
Seltsam ist, dass Armentrout darauf besteht die Suche im Verborgenen, ohne großes Aufsehen durchzuführen und es keine Vermisstenanzeige gibt.
Es dauert nicht lange bis Lucian Wing das Pärchen gefunden hat. Sie haben sich im nahegelegenen Wald bei einer pensionierten Lehrerin versteckt.

Doch warum wird tatsächlich nach dem Mädchen gesucht. Lucian beschließt die Sache erst einmal näher zu beleuchten, anstatt Pamela auszuliefern und hilft den beiden sich zu verstecken.

Ein wirklich amüsanter Country-Roman, der mit genialen Dialogen und feinem Humor aufwartet. Die Geschichte ist nicht mit Umgebungsbeschreibungen überfrachtet, schafft es aber locker die Kulissen und Schauplätze wie den abgelegenen Schrottplatz oder alte Farmen in der Pampa ins Leben zu rufen.

Wenige Worte aber dafür on point! Einfach klasse!

Übersetzung: Dirk van Gunsteren
@hanserliteratur

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