– Tage- und Notizbücher –

Patricia Highsmith

Die Tage- und Notizbücher von Patricia Highsmith ist eine gewaltige Ladung Sprengstoff.
Vollgestopft mit Gedanken, Geschichten, Ideen für Bücher und Gefühlen.
Zu Lebzeiten war Highsmith eine schwierige Persönlichkeit. In ihren Aufzeichnungen findet man eine Person, die sowohl anziehend und faszinierend, aber auch unglaublich schroff und unausstehlich war.

Als einziges Kind ihrer Eltern, wuchs Patricia bei ihrer Großmutter auf, nachdem Mutter und Vater sich bereits nach 1,5 Jahre scheiden ließen. Ihre Mutter heiratete später Stanley Highsmith. Ihren leiblichen Vater lernte Patricia erst mit 12 Jahren kennen. Die äußerst schwierigen Familienverhältnisse, die sie bis ins Erwachsenenalter und ihr gesamtes Leben lang hindurch verfolgen, machen aus Highsmith eine spröde, komplizierte Frau voller Widersprüche.

Die vielen Notizen und Tagebucheinträge erzählen von Highsmiths Collegezeiten, einer ständigen Geldnot und schlecht bezahlten Jobs – soviel zum schriftstellerischen Aspekt.
Hinzu kommen die Einträge über ihr Privatleben, welches durchwoben war von Affären mit Frauen und Männern. Promiskuitiv, aufwühlend und quälend sind ihre Beziehungen, insbesondere zu einer bestimmten Frau.

„12. Oktober 1952 – Höllischer Alptraumtag. Meine Sonntage sind mit Ellen keine -freien Tage- mehr, in keinster Weise. Ich kann mich nicht entspannen, zeichnen, herumtrödeln oder sonst irgendwas von dem tun, was ich brauche. Außerdem X am Nachmittag, was ich um des lieben Friedens willen tat. Sie denkt wie immer, das sei der Kitt für unsere Beziehung. So funktioniere ich nicht. Vielleicht männlich, vielleicht nuttig, ich weiß es nicht.“
(Highsmiths Code für Sex. XX heißt so viel wie viel oder guter Sex)

Man sollte sich aber einen Punkt in Bezug auf Patricia Highsmith immer vor Augen halten. Die Frau war Antisemitin, rassistisch und frauenfeindlich. Hierzu wird im Vorwort des Buches ein wenig knapp darauf eingegangen. Nicht nur gegen Juden, auch gegen andere marginalisierte Gruppen hat sie gehetzt und menschenfeindliche Äußerungen von sich gegeben. Auch diese Seite muss gezeigt werden ohne jegliche Beschönigung. Hierzu kann man einiges im Feuilleton nachlesen und das sollte man auch. 

Übersetzung: Melanie Walz, pociao, Anna-Nina Kroll, Marion Hertle und Peter Torberg

– Das Ereignis –

Annie Ernaux

Annie Ernaux schreibt über -Das Ereignis- in ihrer Zeit als Studentin an der Universität.

Mit 23 wird sie ungewollt schwanger. Für sie ist klar, dass sie abtreiben möchte.
Mit dieser Entscheidung beginnt ein Leidensweg, den schon viele Frauen begehen mussten. Auf der Suche nach Hilfe, schlägt Annie die ganze Kälte und Missbilligung einer Gesellschaft entgegen.
Der Kindsvater zieht sich aus der Verantwortung, Ärzte sind keine erwähnenswerte Hilfe und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich an eine sogenannte Engelmacherin zu wenden.
Nach der Behandlung geht es für Annie dramatisch weiter. Sie landet bald in der Notaufnahme, in der sie auch dort mit Stigmatisierung und verurteilenden Äußerungen konfrontiert wird.

Mit diesen knapp 100 Seiten beschreibt Annie Ernaux die Lebensrealität vieler Frauen der 60er Jahre, die zum Teil bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Sachlich und nüchtern, erzählt sie von dem Spießrutenlauf, den man Frauen auferlegt, da von Männern gemachte Gesetze einen Schwangerschaftsabbruch für illegal erklären. Bis heute werden derartige Notlagen von Frauen gesellschaftlich kriminalisiert – den Rest erledigt die Politik.
Annie Ernaux schreibt über ein Tabuthema, welches keines sein sollte: Über weibliche Selbstbestimmung und die düsteren Momente in denen Frauen immer wieder der Ungerechtigkeit ausgesetzt werden, für die Entscheidung, die nur sie selbst zu treffen haben.

Eindeutige Leseempfehlung.

Übersetzung: Sonja Finck

– Der Himmel über Bay City –

Catherine Mavrikakis

Durch -Der Himmel über Bay City- von Catherine Mavrikakis bin ich regelrecht zur slow readerin geworden.
Das Buch war so fordernd und anspruchsvoll, dass es gar nicht möglich war, schneller durchzukommen.

In Bay City der 60er Jahre ziehen die Schwestern Denise und Babette in ein Wellblechhaus in die Veronica Lane.
Dort fangen sie ein neues Leben an, nachdem ihr altes Leben in und mit Europa zerstört wurde und bringen im Amerika der Hoffnung ihre Kinder zur Welt.
Doch für die Schwestern ist es überhaupt nicht leicht die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Auch weil Amy, Tochter von Denise, unter Heimsuchungen und Visionen leidet, die sie zu Anfang nicht versteht.

Dieser Roman ist so unglaublich düster und beklemmend. Es geht um vererbte Erinnerungen über den Holocaust, über den Wunsch mit der Vergangenheit abzuschließen, über das unaussprechliche Leid und einer Ohnmacht, die das gesamte Buch hindurch mitschwingt.
Schwere Kost, die einem viel abverlangt.

Vielen Dank an das Team vom @secession_verlag , welches mich auf der #fbm21 leidenschaftlich auf dieses gewaltige Stück aufmerksam gemacht hat.

– Die Freiheit einer Frau –

Édouard Louis

“Ich finde nicht die Worte, um es zu erklären, aber alles auf diesem Abzug, in ihrer Haltung, in ihrem Blick, im Schwung ihrer Haare erzeugt den Eindruck von Freiheit, die unendlich vielen Möglichkeiten vor sich, und vielleicht, auch, das Glück. Ich glaube, ich hatte vergessen, dass sie vor meiner Geburt frei war — glücklich?”

Schwanger mit 16, Schulabbruch, mit 19 das zweite Kind und eine zweite Ehe, die von Gewalt und Alkohol geprägt ist.

Das Leben seiner Mutter Monique kann der junge Édouard nicht mehr ertragen. Er schämt sich ihrer, verleugnet sie bei Freunden und wünscht sich ein ums andere Mal von einer anderen Mutter aufgezogen zu werden.

Als er ans Gymnasium nach Amiens kommt und später für ein Studium nach Paris zieht, fühlt er sich beflügelt und erleichtert seine proletarische Herkunft hinter sich zu lassen. Die Kluft zwischen Mutter und Sohn wird durch seinen Bildungsaufstieg immer größer.

Viele Jahre später ruft sie ihn an: “Ich hab es getan.” Endlich ist Monique aufgestanden und hat ihr altes Leben hinter sich gelassen. Sie zog vom Land in die Stadt und lebt fortan als freie, glückliche und selbstbestimmte Frau.

“Man hat mir gesagt, die Literatur dürfe niemals versuchen, die Wirklichkeit zu erklären, sondern sie nur illusionieren, aber ich schreibe, um das Leben meiner Mutter zu erklären und zu verstehen.”

Édouard Louis schreibt über seine Mutter, sich selbst und ihre Beziehung zueinander mit gnadenloser Wucht. Er seziert, legt das Wesen dieser Mutter-Sohn-Verbindung frei und nimmt sein eigenes Verhalten genauso unter die Lupe, wie das seiner Mutter um sich wieder anzunähern.

Eine kluge Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie mit reflektierten Beobachtungen.

– Auf Erden sind wir kurz grandios –

Ocean Vuong

Kennt ihr das, wenn man ein Buch so sehr lieben möchte, aber es einfach nicht funkt?

Ocean Vuongs -Auf Erden sind wir kurz grandios- wurde so sehr gefeiert, so sehr gepriesen.

Die Vielschichtigkeit, die poetische, klare Sprache und eindringliche Beschreibungen waren in aller Munde.

Und obwohl das normalerweise alles Indikatoren dafür sind, dass mir dieser Debütroman hätte gefallen müssen, war ich weder so angetan noch übermäßig begeistert.

Ein junger Mann, schreibt seiner Mutter einen schonungslosen Brief. Sie wird ihn niemals lesen können, da sie Analphabetin ist. Es sind die Erinnerungen seiner Kindheit und Jugend, die er in drastischen Bildern schildert. Ein Leben in Armut, mit Rassismus, der Auseinandersetzung mit der sexuellen Orientierung und der Suche nach der eigenen Identität.

Zudem greift er die Traumata und die Folgen des Vietnamkrieges einer ganzen Generation auf, wenn er von den psychischen Problemen der Großmutter erzählt und wie sie trotz der nicht enden wollenden Kriegserinnerungen einen festen Ankerpunkt in seinem Leben darstellt.

Ein sehr intensives Buch, welches sich unter die Haut gräbt und seine Spuren hinterlässt.

– Nur hier sind wir einzigartig –

Christine Avel

Eigentlich hätte -Nur hier sind wir einzigartig- von Christine Avel perfekt als Strandlektüre gepasst, aber insbesondere weil die Tage immer kälter werden, habe ich mich in dieses Setting hineingeträumt.

Es geht um Niso, Evi und Zac. Sie sind die Kinder der Archäologen, welche sich jährlich auf einer griechischen Insel (vermutlich Kreta) einfinden.

Während die Eltern ehrgeizig mit den Ausgrabungen beschäftigt sind und auf die Suche nach besonderen Fundstücken gehen, bleiben ihre Kinder völlig unter sich.

Es sind Tage unvergleichbarer Freiheit, die sie am Meer verbringen oder mit Abenteuern in der Natur.

Auch die Kinder eines nahegelegenen Dorfes gehören zu dieser besonderen Clique dazu.

Nicht immer chronologisch ist es dennoch ein Coming of Age Roman, der eine Zeit beschreibt, in der man entspannt die Sonne genießt und die Zukunft noch in weiter Ferne liegt.

Ich kann nur erahnen wie sich das Buch im französischen Original liest, aber eines muss ich hier mehr als deutlich hervorheben: Christine Ammann hat hier meisterhaft übersetzt. Mit einer poetischen Leichtigkeit, die diesen Zauber der unbeschwerten Kindheitssommer einfängt und einen Sonne, Sand und Meer auf der Haut spüren lässt.

Melancholisch, atmosphärisch und nachdenklich.

– Leinsee –

Anne Reinecke

Karl, Sohn des berühmten Künstlerehepaares August und Ada Stiegenhauer, ist selbst ein gefragter Künstler jedoch unter anderem Namen, da er mit seiner Herkunft nicht in Verbindung gebracht werden möchte.

Seine Eltern waren sich immer selbst mehr als genug, für ein Kind war kein Platz, weswegen Karl schon bald in ein Internat abgeschoben und allgemein von Mutter und Vater eher emotional zurückgelassen wurde.

Als seine Mutter trotz wenig Chancen an einem Gehirntumor operiert wird, erfährt Karl vom Selbstmord des Vaters, der im Glauben seine Seelenverwandte zu verlieren nicht allein zurückbleiben wollte. Zur Überraschung aller überlebt die Ada die schwere Operation, ist aber nie wieder sie selbst.

Zurück in Leinsee versucht Karl mit der schwierigen Situation zurecht zu kommen. Seine ältere Partnerin Mara hat nur wenig Verständnis und versucht ihn zur Rückkehr nach Berlin zu bewegen.

Nur Tanja, ein Kind welches immer wieder unvermittelt auf- und abtaucht, löst in Karl irgendetwas aus.

Fazit: Dieses Buch habe ich wieder im Rahmen der #backlistlesen Gruppe von Diogenes gelesen. Während ich den ersten Teil als faszinierend beschreiben würde, in den man wirklich gut reinkommt, hat sich das ab der Hälfte immer weiter ins Negative gewandelt. Der Roman hat an Fahrt verloren und die Protagonisten bleiben eher blass. Karl wirkt oft schwerfällig und seine Beziehung zu Tanja im letzten Drittel des Buches hat mich eher mit einem starken Gefühl des Unwohlseins zurückgelassen. In anderen Rezensionen ist immer von einer Liebesgeschichte die Rede, die für mich eine völlig andere Note hatte.

Ich frage mich ehrlich was die Autorin mit dieser Geschichte bewirken wollte. Ist es eine Anklage an die Kunstszene?

Kennt ihr das Buch? Wenn ja, dann schreibt gerne Eure Gedanken dazu in die Kommentare!

Ich bedanke mich an die Leserunde – es war mir wie immer eine Freude!

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