– Das Gewicht der Worte –

Pascal Mercier

Nach einer folgenschweren Fehldiagnose, beginnt Simon Curtis Leyland sein Leben zu überdenken. Geboren als Sohn eines Briten und einer Deutschen faszinieren ihn früh Worte und Sprache. Und so ist es kaum verwunderlich, dass er bereits in jungen Jahren eine Menge davon erlernt. Seine Besessenheit von Worten führt ihn zu einer Karriere als Übersetzer. Als Witwer einer Verlagsinhaberin in Triest, erbt er diesen und arbeitet an ihrer statt im Unternehmen weiter.

Als bei ihm irrtümlich ein todbringender Gehirntumor diagnostiziert wird, legt er seine Arbeit nieder und verlässt Triest um nach London zurückzukehren. Dort will er in dem ebenfalls geerbten Haus seines Onkels auf das Ende warten. Nach einer längeren Zeit des Wartens beschließt er sein Leben neu zu gestalten und einen eigenen Roman zu schreiben. Hierzu verwendet er unter anderem die Briefe an seine verstorbene Frau.

Ich bin etwas gespalten was dieses Buch betrifft. Einerseits gefiel mir diese typische Pascal Mercier Affinität was Bücher, Worte und Philosophie angeht. Doch ich muss ehrlich gestehen, dass ich diesem Roman nichts Neues abgewinnen konnte. Es fühlte sich nicht neu und frisch an. Dinge, die ich schon in “Nachtzug nach Lissabon” sehr schätzte, haben mich hier ein wenig gelangweilt. Nichtsdestotrotz ist es eine Ansammlung leiser und behutsamer Töne, fernab jeglicher Hektik. Kürzlich hat sich eine deutsche Übersetzerin ein großes Anliegen von der Seele gepostet.

@koegeboehnsche schrieb in ihrer Story über die Sichtbarkeit der Übersetzer*innen, die meistens ungenannt bleiben und deren Schaffen den Autor*innen zugeschrieben wird. In diesem Roman könnt ihr sicher sein, dass sie gesehen werden.

– Menschenwerk –

Han Kang

„Noch bevor der Mann seinen Satz beenden konnte, hast du gesehen, wie sich ein Arm hob. Dann sahst du mit an, wozu Hände, Füße und andere Körperteile imstande waren. Der Mann rief keuchend um Hilfe. Die Angriffe gingen weiter, bis er sich nicht mehr rührte.“

Der Gwangju-Aufstand im Mai 1980 begann als studentische Demonstration gegen die Militärdiktatur und endete mit einem brutalen, gewalttätigen Massaker.

In “Menschenwerk” schreibt Han Kang über die gewaltsame Zerschlagung des Gwangju-Aufstands und findet für das Unbeschreibliche aufrüttelnde und tief bewegende Worte zugleich.

Für dieses schonungslose Buch wählt sie eine ganz besondere Form. Han Kang erzählt durch die Augen und Herzen der Opfer, tot oder lebendig. Jedes Kapitel trägt den Namen eines Charakters. Jahreszahlen helfen einzuordnen was war und was noch immer ist.

Wir erfahren, wie das Militär Menschen brutal niederschlägt, die sich für Menschenrechte einsetzen. Wie bewaffnete Truppen wahllos in Menschenmengen schießen. Gewalt und Terror beherrschen den Aufstand und fordert schätzungsweise tausende Leben.

Wer überlebt hat, wird gefoltert und noch Jahre später drangsaliert oder kämpft mit den Folgen dieser Barbarei.

„All diese Leichen. Hast du keine Angst vor ihnen? Du bist doch sonst immer so ängstlich.“ Mit einem Lächeln hast du geantwortet: „Es sind die Soldaten, die mir Angst einjagen, nicht die Toten.“

Schnörkellos, schockierend und überwältigend.

Aber seid gewarnt – es gibt viel Blut, viele Leichen und viel Tod. Doch wo es gibt auch Licht in dieser Dunkelheit. Und dort findet man auch Empathie und Solidarität.

Übersetzung: Ki-Hyang Lee

– Iss das jetzt, wenn du mich liebst –

Bianca Nawrath

Ich glaube, ich wurde noch nie mit so vielen Polen-Klischees bombardiert wie in diesem Buch!

“Iss das jetzt, wenn du mich liebst” von Bianca Nawrath ist vollgestopft mit allem was die polnischen, gesellschaftlichen Konventionen und deren kulinarische Traditionen zu bieten hat.

Kinga, deren Familie aus Polen stammt, lebt bereits länger mit ihrem Freund/Verlobten Mahmut in Berlin. Beide passen gut zusammen, kommen sie doch beide aus familienverbundenen Kulturkreisen und kennen die emotionale Verpflichtung der Familie gegenüber. Doch einen Moslem zum Schwiegersohn ist schon ein starkes Stück. 

Ein Kennenlernen der polnischstämmigen Familie mit Mahmut hat Kinga jahrelang verhindern können, doch nun soll eine Familienhochzeit in der alten Heimat den Weg ebnen und eine Basis schaffen.

Als ich das Buch gelesen habe, hatte ich starke gemischte Gefühle. Ich habe meine Familie und mich in sehr vielen Dingen wiedererkannt. Ob es die Tatsache war, dass wir regelmäßig in die Heimat gefahren sind und dort als die “Reichen” galten, obwohl wir in Deutschland in einer Mietwohnung lebten während in Polen alle Verwandten ein Haus besaßen. Oder das meine Mutter einmal älteren Tanten gegenüber einen Freund für mich erfunden hat, als ich zu der Zeit Single war, weil man mit 25 und unverheiratet als alte Jungfer galt, mit der was nicht stimmen kann, wenn sie noch keinen Mann und Kinder hat. 😉 

Den Zwiespalt mit zwei Welten verbunden zu sein konnte ich sehr gut nachvollziehen, genauso dieser vollständige Integrationsgedanke meiner Familie, bis hin zur absoluten Anpassung und dem Verbergen der polnischen Wurzeln, um bloß nicht aufzufallen.

Ein flotter, leichter Roman, der zwar kurzweilig unterhält, aber sich auch einer Menge Vorurteile und Stereotype bedient. Für mich persönlich stellenweise etwas zuviel.

– In diesen Sommern –

Janina Hecht

“Diese Momente, in denen mir seine Spur verloren geht. Als wäre er auf einmal nicht mehr dabei gewesen. Dann plötzlich steht er im Zentrum von allem und nichts kann ohne Bezug zu ihm sein.”

Teresa wagt eine Reise in ihre Vergangenheit.

Leicht ist das nicht, denn ihre Kindheit wurde viel zu oft von Angst, Konflikten und Ohnmacht beherrscht.

Ihr trinkender, gewalttätiger Vater macht der Familie schwer zu schaffen; die Mutter lange Zeit unfähig ihn zu verlassen.

Seine Launen sind unberechenbar und fast täglich kommt es zu brenzligen Situationen, in denen sie ihm ausgeliefert scheinen.

Teresa, ihr jüngerer Bruder Manuel und die Mutter schöpfen mit der Zeit die Kraft um sich vor den Ausbrüchen zu schützen und einem Leben in Ruhe entgegen zu gehen.

“Mein Vater, wie er ganz ruhig den Tag beginnt, nicht ausgeglichen, aber stabil. Nie schrie er am Beginn des Tages, er ging mit vorsichtigen Schritten, manchmal etwas Weiches in seinem Gesicht. Als hätte sich erst danach etwas verändert, als führten erst der Mittag und der Nachmittag in eine andere Richtung, und an jedem Morgen hätte es die Möglichkeit zu einem anderen Verlauf der Geschichte gegeben, die ich schreibe.”

In ihrem Debütroman schreibt Janina Hecht über Familien, die nach außen hin funktionieren, aber bei näherem Hinsehen, kann man erahnen was sich hinter der Fassade verbirgt.

Das Buch habe ich an einem Tag gelesen. Die Geschichte hat mich stark gefesselt und die kurzen Kapitel haben mich flott vorankommen lassen.

Obwohl die Beschreibungen leicht und unbeschwert daherkommen, wirkt der Inhalt nach und ich musste ein ums andere Mal schwer schlucken. Schwelende Auseinandersetzungen, unausgesprochene Worte reihen sich an heftige Eskalationen und doch erzählt die Protagonistin aus einer gewissen emotionalen Distanz über das Aufwachsen unter diesen Umständen.

Ein gelungenes Buch über eine schwere Kindheit, der man entwachsen kann.

– Versprechen kann ich nichts –

Valeria Parrella

Nach dem Tod ihres Ehemannes Antonio, leidet die 50jährige Lehrerin Elisabetta Maiorano unter Trauer, Einsamkeit und dem Altern.

Auf Nisida, einer Insel vor Neapel, unterrichtet sie in einer Jugendstrafanstalt und macht Bekanntschaft mit der Insassin Almarina, die gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder Arban aus Rumänien geflohen ist.

Innerhalb des Gefängnisses fühlt sich Elisabetta sicher, während ihr das Leben außerhalb der Mauern ziemlich sinnlos und leer erscheint.

Es entsteht eine Verbindung zu ihrer Schülerin und Elisabetta möchte mehr für Almarina tun, als nur Mathematik zu unterrichten. Sie möchte die junge Frau aufnehmen und beantragt bei Gericht für die Zeit nach der Haftentlassung die Fürsorge.

Valeria Parrella hat einen relativ kurzen Roman (knapp 130 Seiten) geschrieben, dessen Inhalt jedoch schwer wiegt und einiges zu bieten hat. Sprachlich beschränkt sie sich auf das Wesentliche. Die verworrenen Sätze und Gedanken wirken an vielen Stellen gerade zu poetisch, während hin und wieder ein härterer, grober Ton angeschlagen wird.

Dies ist kein Roman auf die Schnelle. Man muss sich Zeit nehmen und genießen, in den Seiten versinken und diese wunderschöne, außergewöhnliche Prosa einsaugen.

– Das Leben wartet nicht –

Marco Balzano

Die Geschichte, die Ninetto uns erzählt, beginnt im Gefängnis. Die Strafe betrug 10 Jahre. Er nutzt die Haftzeit um seine bisherige Lebensgeschichte Revue passieren zu lassen und macht nach Entlassung damit weiter.

Seine Erinnerungen führen uns in das Sizilien der 50er Jahre, wo es viel Hunger und nur wenig Arbeit gibt. Zu wenig um eine Familie durchzubringen. Als Ninettos Mutter einen Schlaganfall erleidet und in eine Pflegeeinrichtung kommt, zieht sich die Schlinge noch enger.

Dies führt dazu, dass Ninettos Vater ihn mit Arbeiter Giuvá nach Mailand fortschickt. Dort soll er zügig Arbeit finden und für sich selbst sorgen.

Ninetto, der von kleinauf Pelleossa gerufen wird, da er nur aus Haut und Knochen besteht, findet bald eine Anstellung als Fahrradkurier einer Wäscherei, obwohl er gerade so auf das Fahrrad aufsteigen kann und von den Straßen Mailands überhaupt keine Ahnung hat.

Seine Kinderträume Dichter zu werden, sind ziemlich schnell vorbei. Die harte Realität ist eine andere.

Nachdem er eine besser bezahlte Arbeit auf dem Bau findet, lebt er fortan im sogenannten “Bienenstock”, einem aus allen Nähten platzenden Arbeiterblock.

Dort wird er von Antonio unter seine Fittiche genommen und hat ansatzweise so etwas wie eine Kindheit, weil er von den älteren Bewohnern ein wenig Fürsorge erfährt.

Schon bald verliebt er sich in Maddalena, sie heiraten und das erste Kind lässt nicht lange auf sich warten. Inzwischen arbeitet er im Werk von Alfa Romeo und die monotone Arbeit lässt jegliche Träume von der Dichterei verblassen. Dann kommt ein Schlüsselmoment in Ninettos Leben und er begeht einen furchtbaren Fehler, der ihn letztendlich ins Gefängnis bringt…

Marco Balzano schreibt frisch und eindrücklich über die Kinderemigration Süditaliens in der Zeit 1959 bis 1962. Tragisch, kritisch und schmerzlich sind diese kleinen Leben gewesen. Die Parallelen zu heutiger Emigration sind unverkennbar.

Schnörkellos, packend und anrührend war unsere No. 24 der Backlistlesenrunde von Diogenes.

Ich habe dieses Buch wirklich gerne gelesen.

Einziger Kritikpunkt: Es wird zweimal das N-Wort verwendet. Das Buch handelt weder von Sklaverei, noch von Kolonialgeschichte. Ich hätte mir hier einen sensiblere Lösung gewünscht.

– Deine kalten Hände –

Han Kang

Als die Schriftstellerin H. die Aufzeichnungen des verschwundenen Bildhauers Jang Unhyong erhält, beginnt sie in seine Welt einzutauchen.

Jang Unhyong arbeitet mit Gips. Er nimmt Abdrücke verschiedener Körper und Körperteile. Seine Kunst wirkt oft verstörend und löst trotz aller Schlichtheit starke Emotionen im Betrachter aus.

Die Besessenheit, die er für das Oberflächliche entwickelt hat, begann bereits in seiner Kindheit, als er als kleiner Junge seine Eltern beobachtet und die falsche Freundlichkeit und Schönheit in ihnen erkennt. Hinter der Fassade sind sie kalt und emotionslos.

Unhyong, der neben seiner Kunst ein einsames Leben führt, lernt irgendwann die übergewichtige L. kennen, deren weiche und schöne Hände ihn sofort für sich einnehmen. Er nimmt zahllose Abdrücke von ihnen und beginnt eine obsessive Beziehung mit ihr. Ebenso wie Unhyong, hat auch sie enorme emotionale Probleme. Es kommt zum Bruch.

Später lernt er E. kennen. Die Innenarchitektin scheint die perfekte Frau zu sein, doch spürt Unhyong, dass auch sie eine Maske trägt und sowohl ihre eigentlichen Gefühle als auch Einsamkeit vor der Gesellschaft verbirgt.

Was für ein unglaublich faszinierendes Buch!

Han Kang schreibt Figuren, die nicht weniger verstörend sein könnten. Sie erzählt über unsere Masken, über Schein und Sein, über die Oberflächlichkeit, die uns oft umgibt und die es uns Menschen so schwer macht zueinander zu finden.

Zarte Bilder, die manchmal trotz leiser Töne mit einer enormen Brutalität daherkommen. In einer poetischen Sprache prangert Han Kang (asiatische?) Schönheitsideale an und reisst durch ihre Kritik der Gesellschaft die Maske herunter.

Spannend, virtuos und verstörend.

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