– Das Dämmern der Welt –

Werner Herzog

Eine unglaubliche Geschichte – umso überraschter ist man wenn man erfährt, dass sie auf Tatsachen beruht!

Der junge Japaner Hiroo Onoda dient im Zweiten Weltkrieg und ist auf Lubang stationiert. Im Februar 1945 nahmen amerikanische Truppen die Insel ein, der Großteil der Japanischen Armee wurde getötet. 
Onoda flüchtet mit ein paar Kameraden in den Dschungel, versteckt sich und hält die Stellung.
Als Japan vor den USA kapituliert, erfährt er nichts davon.
Abgeschnitten von Nachrichten oder ihren Vorgesetzten, verharren sie nichtsahnend auf der Insel.
Über der Zone abgeworfene Flugzettel auf denen die Kapitulation Japans mitgeteilt wird, stufen die Soldaten als Propaganda ein.
Suchtrupps werden überwältigt oder können die Guerillakämpfer nicht aufspüren. Irgendwann ist nur noch Onoda übrig und hält die Insel insgesamt an die 30 Jahre “besetzt”. Erst als man in Japan Onodas ehemaligen Vorgesetzten ausfindig macht und ihn für die Rückholung einsetzt, ergibt sich Onoda auf dessen Befehl und kehrt nach Japan zurück.

Ein kurzweiliges Vergnügen deren literarische Sprache das ganze Ausmaß dieser außerordentlichen Lebensgeschichte unterstreicht. Werner Herzog hat Hiroo Onoda in Japan getroffen und die unglaubliche Erzählung aus erster Hand gehört. Einfach unglaublich!

– Die Unzertrennlichen –

Simone de Beauvoir

Ein seltsamer Zufall oder Schicksal, dass ich gerade um ihren Geburtstag herum ein Buch von Simone de Beauvoir gelesen habe, ohne es zu wissen?
Der autofiktionale Roman -Die Unzertrennlichen- handelt von einer Frauenfreundschaft und Liebe, die mehr als 30 Jahre nach dem Tod de Beauvoirs gefunden und veröffentlich wurde.

Die Geschichte erzählt von der junge Sylvie und Andrée (Simone und ihre Schulfreundin Zaza), die gemeinsam aufwachsen, welchen gesellschaftlichen Konventionen sie unterliegen und mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben.
Beide wurden streng religiös erzogen und es werden hohe Erwartungen von ihren Familien an sie gestellt.
Sylvie/Simone die ihre Freundin Andrée bewundert entwickelt mit der Zeit stärkere Gefühle, während Andrée von einer enttäuschenden Liebe und ihren vielen Aufgaben wie Handarbeiten und Kinder beaufsichtigen erdrückt wird.

Die gesellschaftlichen Anforderungen an junge Frauen sind sehr hoch und werden von den Eltern streng überwacht. Während Sylvie sich diesen festgefahrenen Strukturen ein wenig entziehen kann, da die finanziellen Probleme ihrer Familie eine Arbeit unabdingbar machen, bleibt Andrée selbst dieser Funken an selbstbestimmtem Leben versagt.

Simone de Beauvoir erinnert sich liebevoll an ihre Freundin, an ihre Liebe zu ihr und an die Briefe, die sie sich geschrieben haben. Für mich hat sie genau den richtigen Ton getroffen, damit diese Lebens-/Liebesgeschichte ein wissenswertes Zeitzeugnis darstellen kann, ohne in lächerlichen, romantischen Kitsch abzurutschen.
Die Briefe, die ihr als Inspiration und als Quelle gedient haben, werden im Anhang abgebildet und teilweise auch übersetzt. Mit einigen Fotos der Freundinnen wird die Lektüre nochmal um einiges authentischer.
Ein kurzweiliges Leseerlebnis und perfekt für den Einstieg in Simone de Beauvoirs Werke.

Übersetzung: Amelie Thoma
Verlag: Rowohlt

– Kennst du das Land –

Galsan Tschinag

Schon seit Jahren lese und bewundere ich die Bücher und Gedichte Galsan Tschinags.

In seinem Buch -Kennst du dieses Land- schreibt der aus der Mongolei stammende Tschinag über seine Zeit als Student in Leipzig, seine Erinnerungen und die Kultur auf die er trifft, die so ganz anders ist, als alles was er kennt. 

Als Sohn eines Viehzüchters ist er in einer Nomadenjurte aufgewachsen und staunt über das Neue und Fremde in Europa, über die Menschen, die Sprache und macht sich diese letztendlich in einer ungemein einfallsreichen, virtuosen Weise zu eigen um so eine Vielzahl an wundervollen Gedichten, Romanen und Reportagen hervorzubringen.

Galsan Tschinag ist ein absoluter Geheimtipp!

– Tage- und Notizbücher –

Patricia Highsmith

Die Tage- und Notizbücher von Patricia Highsmith ist eine gewaltige Ladung Sprengstoff.
Vollgestopft mit Gedanken, Geschichten, Ideen für Bücher und Gefühlen.
Zu Lebzeiten war Highsmith eine schwierige Persönlichkeit. In ihren Aufzeichnungen findet man eine Person, die sowohl anziehend und faszinierend, aber auch unglaublich schroff und unausstehlich war.

Als einziges Kind ihrer Eltern, wuchs Patricia bei ihrer Großmutter auf, nachdem Mutter und Vater sich bereits nach 1,5 Jahre scheiden ließen. Ihre Mutter heiratete später Stanley Highsmith. Ihren leiblichen Vater lernte Patricia erst mit 12 Jahren kennen. Die äußerst schwierigen Familienverhältnisse, die sie bis ins Erwachsenenalter und ihr gesamtes Leben lang hindurch verfolgen, machen aus Highsmith eine spröde, komplizierte Frau voller Widersprüche.

Die vielen Notizen und Tagebucheinträge erzählen von Highsmiths Collegezeiten, einer ständigen Geldnot und schlecht bezahlten Jobs – soviel zum schriftstellerischen Aspekt.
Hinzu kommen die Einträge über ihr Privatleben, welches durchwoben war von Affären mit Frauen und Männern. Promiskuitiv, aufwühlend und quälend sind ihre Beziehungen, insbesondere zu einer bestimmten Frau.

„12. Oktober 1952 – Höllischer Alptraumtag. Meine Sonntage sind mit Ellen keine -freien Tage- mehr, in keinster Weise. Ich kann mich nicht entspannen, zeichnen, herumtrödeln oder sonst irgendwas von dem tun, was ich brauche. Außerdem X am Nachmittag, was ich um des lieben Friedens willen tat. Sie denkt wie immer, das sei der Kitt für unsere Beziehung. So funktioniere ich nicht. Vielleicht männlich, vielleicht nuttig, ich weiß es nicht.“
(Highsmiths Code für Sex. XX heißt so viel wie viel oder guter Sex)

Man sollte sich aber einen Punkt in Bezug auf Patricia Highsmith immer vor Augen halten. Die Frau war Antisemitin, rassistisch und frauenfeindlich. Hierzu wird im Vorwort des Buches ein wenig knapp darauf eingegangen. Nicht nur gegen Juden, auch gegen andere marginalisierte Gruppen hat sie gehetzt und menschenfeindliche Äußerungen von sich gegeben. Auch diese Seite muss gezeigt werden ohne jegliche Beschönigung. Hierzu kann man einiges im Feuilleton nachlesen und das sollte man auch. 

Übersetzung: Melanie Walz, pociao, Anna-Nina Kroll, Marion Hertle und Peter Torberg

– Das Ereignis –

Annie Ernaux

Annie Ernaux schreibt über -Das Ereignis- in ihrer Zeit als Studentin an der Universität.

Mit 23 wird sie ungewollt schwanger. Für sie ist klar, dass sie abtreiben möchte.
Mit dieser Entscheidung beginnt ein Leidensweg, den schon viele Frauen begehen mussten. Auf der Suche nach Hilfe, schlägt Annie die ganze Kälte und Missbilligung einer Gesellschaft entgegen.
Der Kindsvater zieht sich aus der Verantwortung, Ärzte sind keine erwähnenswerte Hilfe und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich an eine sogenannte Engelmacherin zu wenden.
Nach der Behandlung geht es für Annie dramatisch weiter. Sie landet bald in der Notaufnahme, in der sie auch dort mit Stigmatisierung und verurteilenden Äußerungen konfrontiert wird.

Mit diesen knapp 100 Seiten beschreibt Annie Ernaux die Lebensrealität vieler Frauen der 60er Jahre, die zum Teil bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Sachlich und nüchtern, erzählt sie von dem Spießrutenlauf, den man Frauen auferlegt, da von Männern gemachte Gesetze einen Schwangerschaftsabbruch für illegal erklären. Bis heute werden derartige Notlagen von Frauen gesellschaftlich kriminalisiert – den Rest erledigt die Politik.
Annie Ernaux schreibt über ein Tabuthema, welches keines sein sollte: Über weibliche Selbstbestimmung und die düsteren Momente in denen Frauen immer wieder der Ungerechtigkeit ausgesetzt werden, für die Entscheidung, die nur sie selbst zu treffen haben.

Eindeutige Leseempfehlung.

Übersetzung: Sonja Finck

– Der Himmel über Bay City –

Catherine Mavrikakis

Durch -Der Himmel über Bay City- von Catherine Mavrikakis bin ich regelrecht zur slow readerin geworden.
Das Buch war so fordernd und anspruchsvoll, dass es gar nicht möglich war, schneller durchzukommen.

In Bay City der 60er Jahre ziehen die Schwestern Denise und Babette in ein Wellblechhaus in die Veronica Lane.
Dort fangen sie ein neues Leben an, nachdem ihr altes Leben in und mit Europa zerstört wurde und bringen im Amerika der Hoffnung ihre Kinder zur Welt.
Doch für die Schwestern ist es überhaupt nicht leicht die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Auch weil Amy, Tochter von Denise, unter Heimsuchungen und Visionen leidet, die sie zu Anfang nicht versteht.

Dieser Roman ist so unglaublich düster und beklemmend. Es geht um vererbte Erinnerungen über den Holocaust, über den Wunsch mit der Vergangenheit abzuschließen, über das unaussprechliche Leid und einer Ohnmacht, die das gesamte Buch hindurch mitschwingt.
Schwere Kost, die einem viel abverlangt.

Vielen Dank an das Team vom @secession_verlag , welches mich auf der #fbm21 leidenschaftlich auf dieses gewaltige Stück aufmerksam gemacht hat.

– Die Freiheit einer Frau –

Édouard Louis

“Ich finde nicht die Worte, um es zu erklären, aber alles auf diesem Abzug, in ihrer Haltung, in ihrem Blick, im Schwung ihrer Haare erzeugt den Eindruck von Freiheit, die unendlich vielen Möglichkeiten vor sich, und vielleicht, auch, das Glück. Ich glaube, ich hatte vergessen, dass sie vor meiner Geburt frei war — glücklich?”

Schwanger mit 16, Schulabbruch, mit 19 das zweite Kind und eine zweite Ehe, die von Gewalt und Alkohol geprägt ist.

Das Leben seiner Mutter Monique kann der junge Édouard nicht mehr ertragen. Er schämt sich ihrer, verleugnet sie bei Freunden und wünscht sich ein ums andere Mal von einer anderen Mutter aufgezogen zu werden.

Als er ans Gymnasium nach Amiens kommt und später für ein Studium nach Paris zieht, fühlt er sich beflügelt und erleichtert seine proletarische Herkunft hinter sich zu lassen. Die Kluft zwischen Mutter und Sohn wird durch seinen Bildungsaufstieg immer größer.

Viele Jahre später ruft sie ihn an: “Ich hab es getan.” Endlich ist Monique aufgestanden und hat ihr altes Leben hinter sich gelassen. Sie zog vom Land in die Stadt und lebt fortan als freie, glückliche und selbstbestimmte Frau.

“Man hat mir gesagt, die Literatur dürfe niemals versuchen, die Wirklichkeit zu erklären, sondern sie nur illusionieren, aber ich schreibe, um das Leben meiner Mutter zu erklären und zu verstehen.”

Édouard Louis schreibt über seine Mutter, sich selbst und ihre Beziehung zueinander mit gnadenloser Wucht. Er seziert, legt das Wesen dieser Mutter-Sohn-Verbindung frei und nimmt sein eigenes Verhalten genauso unter die Lupe, wie das seiner Mutter um sich wieder anzunähern.

Eine kluge Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie mit reflektierten Beobachtungen.

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