– Lesejahr 2020 –

Es waren so viele schöne, gute, informative, wichtige, poetische und kunstvolle Bücher in 2020 auf meiner Leseliste. Einfach wundervoll!

Für jedes Quartal habe ich 4 Empfehlungen herausgesucht:

– Der unsichtbare Roman –

Christoph Poschenrieder

„Der unsichtbare Roman“ von Christoph Poschenrieder vereint historische Fakten mit ein wenig Fiktion hier und da.

Das Buch dreht sich um Gustav Meyrink, seinerzeit österreichischer Bestsellerautor, Okkultist und passionierter Yogi.

Er erhält vom Auswärtigen Amt das Angebot einen Roman zu schreiben. Dies soll folgenden Zweck haben: Eine Erklärung und einen Schuldigen für das Blutvergießen im Ersten Weltkrieg zu präsentieren. Hierfür hat die Regierung die Freimaurer als Sündenbock auserwählt und zahlt Meyrink ein großzügiges Honorar wenn er das Propagandaprojekt schnellstmöglich realisiert.

Am 29.10.2020 war ich auf einer der letzten Lesungen Poschenrieders in diesem Jahr, bevor der zweite Lockdown ausgesprochen wurde.

Es war ein wirklich toller Abend und Herr Poschenrieder entpuppte sich als hervorragender Vorleser, sowie als versierter Historiker, denn für diesen Roman hat er viele Fakten geprüft und eine Menge Recherchearbeit geleistet.

Im Buch findet man immer wieder Notizen und Belege zum Inhalt. Zusammengetragene Briefe, Protokolle und Aufzeichnungen. Poschenrieder nutzt diese Fakten über Meyrink schamlos aus wie er selbst bei der Lesung sagte, um sie zu verdrehen und zu lügen. 

Das ist mitunter sicherlich der Grund dafür, dass der Roman überhaupt nicht langweilig wird und großes Lesevergnügen bietet.

Intelligent, vielschichtig, ironisch.

– Wichtigste Lektüre 2020 –

– Tupoka Ogette – Alice Hasters –

Bevor es an die Jahresrückblicke der guten Bücher und Highlights geht, möchte ich vorab die mitunter für mich WICHTIGSTEN Bücher des Jahres vorstellen.

Ich mache keinen Unterschied, ob jemand schwarz, rot, grün oder gelb ist. Für mich sind alle Menschen gleich!“

„Ich kenne einen Schwarzen, den stört es nicht, wenn man Witze macht!“

„Man weiß schon gar nicht mehr was man noch sagen darf!“

Kommt Euch bekannt vor? Tja, mir auch…insbesondere nachdem ich die (Hör-)Bücher von Tupoka Ogette und Alice Hasters kenne.

Das sind Aussagen von Menschen, die sich noch in Happyland befinden. Dem Ort, an dem privilegierte Weiße sich nicht vorstellen können und oft auch nicht wollen, wie stark struktureller Rassismus zum Nachteil von BIPoc in unserer Gesellschaft verankert ist.

Die Morde an George Floyd, Breonna Taylor und Ahmaid Arbery entfachten eine gewaltige Welle der Solidarität weltweit und die Leute gingen auf die Straße. Rassismus ist aber kein Problem, welches nur in den USA stattfindet. Auch hier in Deutschland spielt er eine große Rolle.

Die Wahrheit ist unbequem, doch dürfen wir nicht weiter die Augen verschließen und müssen zuhören, reflektieren, ernst nehmen und aktiv werden. Das alles aber jederzeit und nicht nur wenn etwas schreckliches passiert.

Dieses Thema geht uns alle an. Wir alle sind in der Verantwortung uns damit zu beschäftigen.

Also bitte – lest Bücher zum Thema Rassismus, informiert Euch auf Social Media, diskutiert darüber und schweigt nicht weiter wenn ihr Rassismus erkennt.

Auf Instagram gibt es tolle Feeds denen man unbedingt folgen sollte:

https://instagram.com/wasihrnichtseht

https://instagram.com/eine.schwarze.liest.buecher

https://instagram.com/tupoka.o

Ich habe dieses Jahr soviel gelernt durch ihre Arbeit/Postings. Vielen Dank dafür!

– Bären füttern verboten –

Rachel Elliott

Soeben habe ich „Bären füttern verboten“ von Rachel Elliott beendet und es juckt mich in den Fingerspitzen, dieses wunderbare Kleinod zu rezensieren.

Die 47 jährige Sidney, Freerunnerin, besucht an ihrem Geburtstag den kleinen Küstenort St. Ives. Über dreißig Jahre hat sie sich nicht mehr dort hin getraut, seit einem Schicksalsschlag in ihrer Kindheit.

Ohhh dieser Roman – er beinhaltet alles was das Herz begehrt: Trauer, Verlust und Hilflosigkeit…und jetzt kommt das große ABER:  voll von warmen, anrührenden Charakteren, einer skurriler und verschrobener als der andere!

Rachel Elliott schickt eine Botschaft: Manchmal sind uns Fremde näher als die eigene Familie. Und manchmal können diese Verbindungen heilen.

Sie alle begegnen sich nicht gerade unter den besten Umständen, doch treten sie so liebevoll und sympathisch in Verbindung miteinander, dass man gar nicht mehr aus dem Schmunzeln und Seufzen herauskommt.

Die Autorin lässt sogar den Hund seine Gedanken und Gefühle mit uns teilen.

Wir lernen Maria kennen, die in einer unglücklichen Ehe lebt, aber grandiose Muffins bäckt. Ihre Tochter Belle versprüht eine universelle Liebe, kümmert sich um ihre Umgebung, wohingegen sie sich selbst weniger Beachtung schenkt, bis es jemand anderes tut. Dexter, Buchhändler, hin und wieder Crossdresser und natürlich auch Howard…Sidneys Vater, der weit in seine Vergangenheit zurückreisen muss, damit er endlich wieder nach vorne blicken kann.

Dieses Buch ist Balsam für die Seele. Figuren á la John Irving – Ort á la Holt von Kent Haruf.

Warmherzig, lebensbejahend, liebevoll.

– Die Unschärfe der Welt –

Iris Wolff

Zuallererst kann und muss ich empfehlen „Die Unschärfe der Welt“ langsam zu lesen.

Dieser Roman braucht Zeit um dieser gefühlvollen Sprache und der originellen Erzählweise den Raum zu geben, die er verdient. Hier sitzt jeder Satz, die Formulierungen sind intensiv. Ein literarischer Genuss.

Es ist die Geschichte mehrerer Generationen einer Familie. Episodenhaft erzählen diese Menschen im rumänischen Banat über politische Strukturen, Heimat, Familienfeste, Diktatur, Flucht und Heimkehren.

Feinsinnig verwebt Iris Wolff die Fäden in diesem Roman, die immer wieder zu Samuel führen und so seine Geschichte erzählen, ohne dass er je selbst zu Wort kommt.

Ein lyrischer Reichtum auf vergleichsweise wenig Seiten. Leise, berührend und warmherzig.

Ganz klare Leseempfehlung.

– Die verschwindende Hälfte –

Brit Bennett

Der Roman spielt in Mallard, einem fiktiven, winzigen Nest in Louisiana. Die Bewohner streben seit Generationen an durch Heirat immer weißer zu werden. 

„Wie eine Tasse Kaffee, die man immer weiter mit Sahne verdünnt. Immer perfektere Negroes. Eine Generation hellhäutiger als die andere.“

Die Zwillingsschwestern Desiree und Stella, deren Haut hell wie Sahne ist, mussten als Kinder den Lynchmord an ihrem Vater durch Weiße mitansehen, sehen keine Perspektive in dem verschlafenen Ort und flüchten mit 16 nach New Orleans.

Dort findet Stella Arbeit als Sekretärin, indem sie sich als Weiße ausgibt. Von einem Tag auf den anderen verschwindet sie aus ihrem Leben als Schwarze und bricht sämtliche Kontakte ab. Zusammen mit ihrem weißen Ehemann Blake und Tochter Kennedy, lebt sie in privilegierten und finanziell gut situierten Verhältnissen.

Desiree hingegen heiratet „den schwärzesten Mann, den sie finden konnte“, bekommt ihre Tochter Jude und flüchtet letztendlich vor der Brutalität des Ehemannes zurück nach Mallard. Sie wohnt wieder bei ihrer Mutter und findet im örtlichen Diner eine Anstellung.

Jahre später treffen Jude und Kennedy aufeinander. Auch die Töchter der Zwillinge führen Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während Kennedy durch ihre weiße Haut und die Lebenslüge ihrer Mutter keine Ahnung von ihren Wurzeln hat, erlebt Jude durch ihren blauschwarzen Hautton Rassismus und Ausgrenzung.

Brit Bennett vereint in diesem Roman viele Themen, die aktueller nicht sein könnten. Struktureller Rassismus, Transgender, Identität und Chancenungleichheit sind Begriffe, mit denen sich spätestens seit der #blacklivesmatter Bewegung sehr viele Menschen auseinandersetzen.

Dieses Buch ist ein wahrer Pageturner. Sprachlich sehr flüssig und angenehm geschrieben, bleibt die Geschichte wirklich spannend und berührend.

Nachdem ich mich mit dem Buch #exitracism von Tupoka Ogette auseinander gesetzt habe, ist mir das Wort „farbig“ schwer aufgestoßen, welches sehr häufig in dem Roman vorkommt. Mein Gedanke war, ob bei der Übersetzung dieser Begriff absichtlich verwendet wurde um das Rassismusthema herauszuarbeiten.

Auch die Entscheidung von Stella hat mich schwer mitgenommen. Dieses Verleugnen und dieser Wunsch weiß zu sein um „frei“ zu sein…das hat mich wirklich schockiert.

Ich kann für „Die verschwindende Hälfte“ nur eine dringende Leseempfehlung aussprechen.

Originell, hochaktuell und vielschichtig.

– Beinahe Alaska –

Arezu Weitholz

Oh ich liebe den Schreibstil von @arezu.weitholz so sehr!

Nachdem ich bereits „Wenn die Nacht am Stillsten ist“ gelesen, ja regelrecht inhaliert habe, war ich schon total euphorisch und voller Vorfreude auf „Beinahe Alaska“.

Und was soll ich sagen?! Es ist so wundervoll!

Das Buch handelt von einer Ich-Erzählerin, die sich auf eine Kreuzfahrt in die Arktis begibt. Sie ist Fotografin erhält den Auftrag an einer Expedition von Grönland nach Alaska zu fotografieren.

An Bord lernt sie alle möglichen absonderlichen Leute kennen, wie Schriftsteller, Ornithologen und sogar Influencer.

Es ist ein wahrer Genuss Arezu Weitholz’ eindringlichen und genauen Sprache zu folgen. Ihre präzisen Schilderungen der Landschaft, der trostlosen Gegenden, des Wetters und die haarscharfen, sarkastischen Beobachtungen der anderen Passagiere führen durch eine Geschichte, die ein universelles Thema hat: Man kann vor seinen Problemen nicht davonlaufen und jedes Ende kann auch einen Neuanfang mit sich bringen.

Melancholisch, sarkastisch, poetisch.

Ganz dringende Leseempfehlung!