– Vaters Wort und Mutters Liebe –

Nina Wähä

Klappentext:

„Heimkommen ist immer etwas Spezielles. Entweder man freut sich drauf, oder man freut sich nicht, aber egal ist es einem nie. Bei Annie ruft es jedes Mal widerstreitende Gefühle wach. Sie befällt stehts eine gewisse Angst, dass ihr Elternhaus seine Krallen in sie schlagen könnte und sie plötzlich dort festsitzen würde. Gleichzeitig freut sie sich auf ihre Geschwister. Die Bindung zu ihnen ist stark, als wären sie unsichtbar miteinander verknüpft. Wie ein Rattenkönig an den Schwänzen verknotet. Die Liebe der Mutter stärkt diesen Zusammenhalt. Nur der Vater verbreitet Dunkelheit, und Annie wünscht ihrer Mutter endlich eine zweite Chance.“

Es war schwierig für mich dieses Buch zu lesen und jetzt darüber zu schreiben.

Für mich war es gefühlt eine Zusammensetzung aus lauter kurzen Geschichten für jede einzelne Figur. Teils sehr anstrengend zu lesen.

Mutter Siri und Vater Pentti haben 12 Kinder, von denen einige nicht mehr zu Hause leben.

Die Familie kommt zu Weihnachten zusammen und jeder trägt seine eigene Geschichte mit sich herum.

Während die Mutter die gute Seele mit starker Bindung zu ihren Kindern ist, war Pentti schon immer der kalte und desinteressierte Vater.

Die Kinder verstehen nicht, warum ihre Mutter nicht endlich die Scheidung einreicht und wollen die Dinge jetzt selbst in die Hand nehmen um Siri zu helfen.

Ich bin noch unschlüssig was ich von diesem Roman halten soll. Sicher ist, dass das Augenmerk auf die Protagonisten zu richten ist.

Aber insgesamt bin ich ein wenig ratlos.

– Beale Street Blues –

James Baldwin

Immer wenn ich die Bücher von James Baldwin lese denke ich, was er für ein intelligenter, charismatischer Mann war.

Ich glaube, dass er ein sehr angenehmer Typ war, mit dem man bestimmt gemütlich bei einem Drink zusammensitzen und über alles reden konnte. Oder auch nur schweigen.

In Beale Street Blues erzählt er in seinem unverkennbar eleganten, entspannten Stil die Geschichte von Tish und Fonny, ein junges schwarzes Pärchen, deren Zukunft von Amerikas rassistischer Justiz abhängt.

„Die Liebe und das Lachen sitzen an derselben Stelle, da gehen nur nicht viele Leute hin.“

Fonny wird zu Unrecht der Vergewaltigung bezichtigt, sitzt in Haft und wartet auf seinen Prozess, dessen Beginn in den Sternen steht.

Derweil kümmert sich Tish mit ihrer Familie um die Anwaltskosten und um das ungeborene Kind, welches sie in sich trägt.

Ein Roman einerseits voller Liebe, Träume und der Hoffnung auf ein gemeinsames Leben.

Auf der anderen Seite mit noch immer aktuellen Themen wie Rassismus und Polizeiwillkür/-gewalt.

Bitte lest alles von James Baldwin. Pflichtlektüre in meinen Augen.

Neu übersetzt von Miriam Mandelkow. Fabelhaft!

– Rose Royal –

Nicolas Mathieu

Den August starte ich mit dieser kleinen, feinen Novelle von Nicolas Mathieu.

Mit nur 95 Seiten ist sie schnell gelesen, aber verzaubert durch treffende, haarscharfe Sätze.

Hauptfigur Rose, geht auf die 50 zu aber immer noch begehrenswert, geschieden und von der Männerwelt ein ums andere Mal enttäuscht, verbringt ihren Feierabend regelmäßig im Royal bei einem Drink.

Meistens auch bei ein paar mehr.

Ihre negativen Erfahrungen mit Männern beginnen schon früh auch im familiären Umfeld und ziehen sich durch ihr gesamtes, bisheriges Leben. 

„Es lief immer auf dasselbe hinaus. Männer funktionierten nach einfachen Regeln. Man durfte nicht glauben, was sie sagten. Man konnte sie nicht ändern. Nicht retten. Selbst die Sanftmütigsten waren am Ende nur Tiere. Ihr letztes Mittel blieb die Gewalt.“ (Seite 67)

Desillusioniert fasst Rose einen Entschluss. Sie wird sich nicht mehr fertigmachen lassen und besorgt sich einen Revolver, den sie in der Handtasche mitführt. Sollte ihr nochmal ein Mistkerl zu nahe kommen, wird sie sich wehren.

Dann trifft sie eines Abends auf Luc. Der wortkarge Typ gefällt ihr vom ersten Augenblick an und sie fasst langsam Hoffnung auf eine letzte Liebe.

„Und da waren sie nun, ihre Augen begegneten sich, das war der Beweis: Es war noch Leben übrig.“  (Seite 45)

Sehr atmosphärisch, charmant und fabelhaft übersetzt. 

Lesemonat Juli 2020

Und schon ist der Juli rum!

Ich habe mich dem #dickebüchercamp entzogen, weil ich in den Wochen davor so viele dicke Bücher gelesen habe.

Dafür hatte ich eine Menge Freude an dünnen Büchern mit mächtigem Inhalt!

Hier die Juli-Liste:

  • Lena Steinfeld/ Julia Seal – Wo sind denn all die Bienen hin?
  • Gilles Lambert – Caravaggio
  • Christian Kracht – Faserland
  • Martin Suter – Die dunkle Seite des Mondes
  • Ta-Nehisi Coates – Der Wassertänzer
  • Nell Leyshon – Die Farbe von Milch
  • James Baldwin – Nach der Flut das Feuer
  • Anne Müller – Zwei Wochen im Juni
  • Richard Russo – Sh*tshow
  • Sayaka Murata – Das Seidenraupenzimmer
  • Richard Russo – Jenseits der Erwartungen
  • Ilona Hartmann – Land in Sicht

Meine Juli-Favoriten:

Hattet ihr auch so einen bereichernden Lesemonat? 

– Land in Sicht –

Ilona Hartmann

„Ich sehe aus wie eine schlechte Party.“

Diesen Satz habe ich in der Story eines Bloggers gelesen und wusste, ich muss dieses Buch lesen.

Die Rede ist von „Land in Sicht“ von Ilona Hartmann. Es geht um Jana, die sich für eine Woche auf die MS Mozart zur Donauschifffahrt bucht. Sie will ihren Vater kennenlernen, der der Kapitän des Donaudampfers ist.

Sarkastisch und irre komisch beschrieben, schlittert Jana von einer witzigen Begebenheit zur anderen. Die Gedankengänge der Protagonistin sind herrlich!

Ich habe stellenweise soooo sehr lachen müssen, weil ich schon mehrfach solchen Schifffahrten beiwohnen musste.

Die Autorin hat die Atmosphäre und den Zustand des Schiffes mit unfassbarer Genauigkeit eingefangen…köstlich!

Voller Humor und wunderbar kurzweilig!

– Jenseits der Erwartungen –

Richard Russo

„Eine fesselnde, kluge, wunderbare Sommerlektüre“

The Boston Globe

Ich fand „Jenseits der Erwartungen“ wirklich sehr spannend.

Richard Russo schafft wunderbare Charaktere und verpackt in der Tat alles äußerst fesselnd in diesem 400 Seiten-Roman.

Das Buch handelt von Lincoln, Teddy und Mickey, die früher gemeinsam auf dem Minerva College studierten und sich Jahrzehnte später auf Martha’s Vineyard wiedersehen.

Gemeinsam mit Jacy, dem Schwarm aller drei Männer, nannten sie sich die vier Musketiere, bevor diese damals vor 40 Jahren spurlos verschwand. Niemand konnte sich einen Reim darauf machen, was mit ihr geschah.

Als sich die drei Männer Jahre später in Lincolns Haus treffen, haben sie längst ihre Wege gefunden, Familien gegründet und ihre Leben gemeistert.

Überschattet wird das Ganze nur von der Frage, wo Jacy abgeblieben ist.

Lincoln beginnt zu forschen und begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Jenseits der Erwartungen ist ein intelligent erzählter Roman, der durch eine hervorragende Charakterzeichnung besticht – Russos Markenzeichen wie ich finde.

Die Figuren sind fabelhaft komplex und interessant ausgelegt. Russo setzt sich mit einer Menge guter Fragen auseinander und schreibt über das Alter, das Leben und wodurch es beeinflusst wird. Sind Lebenswege vorgezeichnet oder werden sie durch Einflüsse wie Herkunft, Geld oder Glück bestimmt?!

Es lässt sich wunderbar flüssig lesen, was wir sicherlich der guten Übersetzungsarbeit von Monika Köpfer zu verdanken haben.

Mit Sicherheit ist mein Leseeindruck stark subjektiv, denn ich bin ein Richard Russo – Fangirl. 😉 Aber er schreibt wirklich toll. Überzeugt Euch selbst!

– Das Seidenraupenzimmer –

Sayaka Murata

wtf?!

Die Geschichte handelt von der jungen Natsuki, die sich in ihre Fantasiewelt flüchtet um mit der Realität fertig zu werden.

Ihr Leben ist gespickt mit emotionalem Missbrauch durch Mutter und Schwester, die sie permanent niedermachen und ihre Launen an Natsuki auslassen.

In der Schule erhält sie von einem Lehrer ungewollt Nachhilfe in Fellatio. Ihre Mutter glaubt ihr kein Wort und macht sie dafür verantwortlich, schließlich sei sie offenbar verdorben.

Einzig in der inzestiösen Beziehung zu ihrem Cousin Yu, den sie einmal jährlich zum Familientreffen sieht, findet sie ein wenig Zuflucht vor der harten Wirklichkeit und dem Erwartungsdruck der japanischen Gesellschaft, die sie mit Drill und harter Hand zu einer Gebärmaschine erziehen möchte, damit sie mehr Menschen für „die Fabrik“ produziert…

…wer denkt, dass das schon harter Stoff ist – es kommt noch härter!

Das Seidenraupenzimmer ist eines der skurrilsten, krassesten und teils kränksten Bücher, die ich je gelesen habe.

Rein optisch spiegelt der Roman den Inhalt überhaupt nicht wieder. Bitte nicht täuschen lassen und sich wirklich auf alles gefasst machen.

Nichts für schwache Nerven und Mägen…

Es wird mich mit Sicherheit noch lange beschäftigen.

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