Erstmals ist dieses literarische Goldstück auf Deutsch erschienen.
Wer Toni Morrison nicht kennt (sehr bedauerlich und schnellstmöglich zu ändern ) sollte auf jeden Fall -Rezitiv- zur Hand nehmen.
Es ist praktisch die Quintessenz ihres gesamten literarischen Schaffens.
Die Erzählung handelt von Twyla und Roberta, zwei Mädchen unterschiedlicher Hautfarbe, die sich in einem Kinderheim kennenlernen. Beide wurden von ihren Müttern weggeholt. Während Robertas Mutter krank ist, tanzt Twylas Mutter gern die Nächte hindurch. Ihre Hautfarben unterscheiden sich, aber nicht ihre Lebensumstände.
Die beiden Mädchen teilen sich ein Zimmer und verbünden sich im Alltag. Nach einem halben Jahr verlässt Roberta das Heim. Jahre später begegnen sich die beiden immer wieder und diese Treffen bringen ein ums andere Mal einen gewissen Groll zwischen beiden auf.
Ich möchte nicht vorgreifen, aber möchte dieses brillante Stück Arbeit wärmstes empfehlen. Toni Morrison führt uns fantastisch an der Nase herum mit unseren Vorurteilen und Zuschreibungen indem sie andeutet, wegstreicht und abändert wer nun Twyla und wer Roberta ist. Denn obwohl sie über Äußerlichkeiten wie Haare und Haut erzählt, erfahren wir Leser:innen zu keinem Zeitpunkt welches der Mädchen weiß oder Schwarz ist.
Und damit hält sie uns den Spiegel mit all unserem Schubladendenken vor. Grandios!
“Ich finde es nicht richtig, nur verheiratet zu sein, wenn es gerade gut läuft, und so halte ich es mit meinem Dasein als Fan, also tippe ich: <Mein Idol bleibt mein Idol, in guten wie in schlechten Zeiten.>”
Nachdem Akaris Idol Masaki einen Fan geschlagen haben soll, wird er in der Presse und den Medien zerrissen. Viele Fans kehren ihm den Rücken, seine Beliebtheit sinkt und Akaris Welt, welche sich allein um dieses Bandmitglied einer J-Pop Gruppe dreht, wird in den Grundfesten erschüttert. Ihre Noten verschlechtern sich, ihre Antriebslosigkeit und ihr Desinteresse verärgert ihr Umfeld. Akari lebt nur noch für Masaki und lässt alles andere schleifen.
Einzig allein ihr Idol ist wichtig, die Beiträge über ihn in ihrem Blog, die Moral der Fans aufrecht zu erhalten und ihm in dieser harten Zeit (in den sozialen Netzwerken) beizustehen.
“Ich kann jetzt keine halben Sachen mehr machen, denke ich. Ich muss meine ganze Aufmerksamkeit meinem Idol widmen. Weil es mir im Herzen wehtut, immer mehr gebrauchte Masaki-Fanartikel im Netz zu sehen, kaufe ich so viele wie möglich auf, wische sorgfältig den Staub von den alten Buttons und Fotos, die in Paketen aus Okayama oder Okinawa geliefert werden, und stelle sie zum Angucken in mein Regal. Ich gebe für nichts mehr Geld aus, außer für Masaki.”
Ein unglaublich aufwühlendes und schweres Buch für “die paar Seiten”. Akari findet nur schwer in das echte Leben mit Pflichten und Anforderungen. Ganz anders als ihre Schwester scheint ihr die Schule egal zu sein. Wichtig ist nur ihr Idol. Nur als fanatische Anhängerin Masakis scheint sie aufzublühen und Ehrgeiz zu zeigen, während sie allem anderen gleichgültig gegenüber steht. Alles andere erscheint ihr sinnlos.
Ich empfehle Leser:innen die wenig von dieser Idol-Maschinerie kennen/wissen unbedingt hierzu ein wenig zu recherchieren um das Gelesene noch besser einordnen zu können. Mir persönlich war dieser Kult um die Idole durch einige Reportagen in der Vergangenheit bekannt.
Die liebe Silvi von @feiste.bücher.podcast nannte es eine Psychostudie par excellence und ich stimme ihr voll und ganz zu. Verstörend.
Übersetzung aus dem Japanischen von Luise Steggewentz
Die 15jährige Mehar wird mit einem von drei Brüdern verheiratet. Welcher davon ihr Ehemann ist, erfährt sie nicht. Laut Schwiegermutter Mai ist dies auch unnötig.
Mit Harbans und Gurleen kommen sie als die drei Schwiegertöchter in ihr neues Heim und bewohnen das Porzellanzimmer. Mehars Alltag ist durch harte Arbeit auf dem Hof unter ständiger, strenger Beaufsichtigung von Mai geprägt. Auch dürfen die drei Ehefrauen sich nur verschleiert zeigen.
Nachts wird sie in ein anderes Zimmer diktiert, wenn ihr Mann nach ihr verlangt. In einem dunklen Raum, der gerade noch so Umrisse erkennen lässt, wird Mehar regelmäßig mit ihrem Ehemann zusammengeführt um einen Erben zu zeugen.
Für Mehar ist dies vor allem deshalb wichtig, um sich ihre Stellung als Schwiegertochter des Hauses zu sichern.
Eines Tages gelingt es ihr vom Porzellanzimmer aus einen Blick auf einen der Brüder zu erhaschen. Sie vermutet ihn ihm ihren Ehemann zu erkennen.
In der Gegenwart kommt der namenlose, heroinabhängige Ich-Erzähler und Urgroßenkel Mehars in Indien an. Mit den ersten Entzugserscheinungen und völlig ausgemergelt kommt er bei seinem Onkel Jai und Tante Kuku unter. Gezeichnet von den rassistischen Erfahrungen zu Hause in Großbritannien und der harten Plackerei seiner Familie droht er immer weiter abzurutschen.
Nach kurzer Zeit wird er auf den ehemaligen Hof seiner Urahnin ausquartiert.
Während er versucht den Entzug durchzustehen, beschäftigt er sich mit Aushilfsärztin Radhika und Lehrer Tanbir damit das verfallene Haus zu streichen. Dort wandelt er auf den Spuren seiner Urgroßmutter Mehar und kommt einem großen Familiengeheimnis auf die Spur.
In diesen knapp 240 Seiten steckt soviel Wucht. Es dreht sich um arrangierte Ehen, Tradition, (Post-) Kolonialismus, Geschlechterrollen und Rassismus.
Auf zwei Zeitebenen entfaltet Sahota eine packende Story mit beklemmenden, kammerspielartigen Szenen. Ein echter Pageturner. Mein einziger Minuspunkt ist die Länge des Romans. Pro Handlungsstrang hätten es ruhig noch 100 Seiten oder mehr sein können.
Nach kurzem Schnuppern in den Vorschauen hatte ich -Das Porzellanzimmer- von Sunjeev Sahota eigentlich nicht auf der Leseliste. Doch es wurde auf der #lbm nochmals so gut gepitched bei @hanserblau dass ich es doch lesen musste. Was soll ich sagen außer – zum Glück!
Lasst Euch mitnehmen in die Weite Colorados, ganz weit draußen nach Holt. Dieses Mal lernen wir die (fiktive) kleine Stadt “am Rande der Welt” nicht von ihrer beschaulichen Seite kennen.
Edith Goodnough, 80 Jahre, wurde verhaftet. Selbst Reporter aus Denver kommen angereist um sich in der Stadt nach der Story um den Tod von Ediths Bruder Lyman zu erkundigen. Als ein Journalist bei Sanders anklopft um diesen auszufragen, weigert er sich auch nur ein Wort darüber zu verlieren.
Stattdessen erzählt er uns die Geschichte, vollständig, von Anfang an. Denn:
Sanders Roscoe konnte viele Jahrzehnte hindurch das Leben der Familie Goodnough beobachten. Sein Vater John lebte mit dessen alleinerziehender Mutter auf dem Nachbargrundstück und half ein ums andere Mal bei der Ernte. Durch ihn erfahren wir alle Einzelheiten wie sich Roy Goodnough mit seiner Frau Ada auf einem Stück Land als Siedler niederließen.
Während der harten Arbeit und der Erbarmungslosigkeit Roys gedeiht die Farm und es folgen die Kinder Edith und Lyman, die mit Hilfe von Sanders Großmutter zur Welt kommen. Roy tyrannisiert die gesamte Familie mit seiner Härte. Als Ada einige Jahre darauf stirbt, übernimmt Edith sämtliche Pflichten ihrer Mutter. Lyman leidet unter der harten Hand seines Vaters und schuftet wie ein Tier auf dem Hof, während er von einem anderen Leben träumt.
Einen Sommer lang knüpfen John Roscoe und Edith zarte Bande. Durch einen Unfall mit der Mähmaschine verliert Roy fast alle Finger und wird zum Pflegefall. Edith lehnt den Heiratsantrag von John ab, da sie sich ihrem Vater und der Farm verpflichtet fühlt.
John versteht, heiratet eines Tages eine andere und als Sanders auf die Welt kommt, überschüttet Edith den Kleinen mit all ihrer Liebe. Lyman sieht seine Chance zur Flucht gekommen, als Pearl Harbor angegriffen wird. Er will sich freiwillig dem Militär verpflichten, wird aber für untauglich erklärt und reist daraufhin von Stadt zu Stadt durch das Land, während er Gelegenheitsjobs nachgeht.
Lyman schickt seiner Schwester Postkarten und Geld aus der Ferne. Selbst als Roy nach langer Zeit stirbt, kehrt Lyman erst viele Jahre später nach Hause zurück. Die Geschwister blühen auf, leben eine Kindheit nach, die sie niemals hatten. Sanders und seine Frau Mavis, sowie Töchterchen Rena sind schon fast sowas wie Familie und die fünf verbringen viel Zeit miteinander.
Doch es kommt der Tag an dem sich Lyman verändert. Nach einem Autounfall war er nie wieder derselbe. Mit dem Alter wird er immer schwieriger, verschrobener und unberechenbarer. Wieder ist es Edith die zurücksteckt und ihren Bruder zu Hause pflegt. Doch wieviel kann ein Mensch in einem Leben ertragen…?
Wieder einmal ist es der einfühlsame, warmherzige Ton der allen Romanen Kent Harufs ihren typischen Schliff gibt, der hier Seite für Seite berührt. Über mehrere Generationen beschreibt Haruf in seinem ersten Roman den rauen Alltag auf einer Farm, was Pflichtgefühl und Existenzangst einem abverlangen und wie mächtig die Kraft der Freundschaft ist.
Kent Haruf war ein großer Erzähler, dessen Bücher ich sehr gerne verschenke. Es lohnt sich immer einen der Holt-Romane (erneut) zu lesen.
Übersetzung: pociao und Roberte de Hollanda
Unbezahlte Werbung/ Rezensionsexemplar. Vielen Dank an den Diogenes Verlag für die Bereitstellung.
“Sie sieht den Polen zum ersten Mal, leibhaftig, als er auf das Podium schreitet, sich verbeugt und am Steinway Platz nimmt.”
Die Rede ist von Witold, 72 Jahre, Pianist.
Das Kuratorium welches seine Chopin-Interpretationsreihe betreut, entsendet Beatriz in Vertretung für Kuratorin Margarita, um den betagten Künstler zu unterstützen.
Beatriz ist seit langem verheiratet, ihr Ehemann hat immer mal wieder kleine Affären, die sie des Friedens Willen akzeptiert. Auch er würde es in ihrem Fall tolerieren.
Nach dem Konzert in Barcelona unterhalten sich Beatriz und der Maestro beim gemeinsamen Abendessen. Sie diskutieren Chopin, über das Glücklichsein und Polen.
Nicht immer ist sich Beatriz sicher Witold zu verstehen. Ist es sein beschränkter Wortschatz im Englischen oder etwas Universelles, das er zu wissen scheint und ihr jedoch verborgen bleibt?!
In den folgenden Wochen schreibt Maestro Walczykiewicz immer wieder ellenlange E-Mails an Beatriz, lädt sie zu Konzerten ein und möchte mehr Zeit mit ihr verbringen. Obwohl ihr Ehemann deutlich zeigt, nichts dagegen zu haben, lehnt Beatriz allein den Gedanken zuerst kategorisch ab.
Als sie sich letzten Endes doch nahe Valldemossa treffen, kommen sich beide näher.
Eine kleine, feine Novelle über Musik, Sprache und Liebe mit ihren schwermütigen Facetten.
Michéle Akli hat Frankreich verlassen, um mit ihrem Ehemann Brahim in seiner Heimat Algerien zu leben. Zusammen mit ihrem zehnjährigen Sohn Erwan wohnen sie in der Hauptstadt Algier.
Michéle fühlt sich leer, unvollkommen und hat Alkoholprobleme. In ihrer Melancholie beginnt sie Tagebuch zu schreiben. Sie schreibt über die langen Tage in den 70er Jahren ohne eine Aufgabe, über die Probleme für zugereiste Franzosen nach der Unabhängigkeit. Die Atmosphäre im Land ist angespannt und das Zusammenleben mit den Einheimischen ist von Misstrauen geprägt Ihre Gefühle für Brahim sind mittlerweile erloschen, vielmehr verspürt sie Mitleid. Erwan ist alles was ihrem Leben ein wenig Sinn zu geben scheint. Als Erwan eines Tages seine Mitschülerin -Bruce- mitbringt, reagiert Michéle sofort mit Eifersucht und Ablehnung auf die Teenagerin. Zu groß ist die Angst, jemand anderes könnte ihr die Liebe ihres Sohnes wegnehmen. Bruce wird zu ihrem Hassobjekt an dem sie innerlich ihren Frust abarbeiten kann. Catherine, Bruce’ Mutter, hingegen wird zum Sinnbild ihres Verlangens. Die Französin stellt alles dar, was Michéle sein möchte und scheinbar nicht erreichen kann.
Dieses Buch ist so schwer in Worte zu fassen. Die sinnlichen, plastischen Beschreibungen sind so gewaltig, so bildhaft. Die Gedankenwelt der Protagonistin wirkte regelrecht verstörend auf mich. Die Beschreibungen ihrer besitzergreifenden Gefühle für ihren Sohn fühlten sich einfach nur unangenehm an. Eine trinkende, getriebene Mutter ohne Aufgabe die ihr Umfeld kommentiert. Die politische Situation nimmt keinen direkten Platz in dem Roman ein. Vielmehr bleibt die angespannte Stimmung latent unter der Oberfläche und wirkt dennoch nach.
Übersetzung aus dem Französischen von Nathalie Rouanet
Wenn ich nur einen Satz über -Elsterjahre- von Charlie Gilmour sagen dürfte, dann wäre es: “Leute, lest dieses Buch, sonst fehlt Euch etwas im Leben!”
“Wenn Yanas Schwester das kleine Wesen nicht aufgehoben hätte, wäre es nicht mehr am Leben. Und wenn Yana es nicht mitgebracht hätte, sähe mein Leben wirklich sehr, sehr anders aus.”
Die Rede ist von einer Elster, die das Leben von Schriftsteller Charlie völlig auf den Kopf stellt und von ihm aufgezogen wird. Während er also als eine Art Ersatzvater tagein tagaus Würmer an das Elsterküken verfüttert, welches er liebevoll Benzene nennt, denkt er über die schlechte Beziehung zu seinem eigenen Vater Heathcote Williams nach.
Der Poet hat ihn und seine Mutter verlassen, als er noch ganz klein war. Obwohl Charlie ein gutes Verhältnis und eine Vaterfigur in Stiefvater David Gilmour hat, hadert er dennoch mit der Ablehnung durch seinen biologischen Vater Heathcote.
Als Poet erfolgreich, als Mensch äußerst exzentrisch und verstörend narzisstisch, hat dieser schlichtweg kein Interesse am (Innen-)Leben seiner Kinder teilzuhaben.
Die Schuldgefühle zu gewöhnlich für den intellektuellen, brillanten Vater und deswegen verlassen worden zu sein, treiben Charlie bereits in jungen Jahren in Depressionen, die Drogensucht und letztendlich ins Gefängnis. Mithilfe der Familie schafft er den Absprung.
Mit Ende 20 lebt er mit Yana in einer glücklichen Beziehung, sie planen zu heiraten und Kinder zu kriegen. Charlie trägt schwer an den Altlasten mit Heathcote und zweifelt, ob er bereit dafür ist. Er hat Angst und befürchtet, dass er als Vater ebenso versagen würde.
Benzene hingegen wächst und gedeiht. An Auswildern und Freilassen ist kaum zu denken. Die Elster fühlt sich sichtlich wohl und sorgt mit ihren Aktionen regelmäßig für Chaos.
Es ist ein bisschen schwer über dieses Buch zu sprechen, da es so ganz anders und besonders ist. Die Passagen in denen es um die Vater-Sohn Beziehung um Charlie und Heathcote geht sind sehr hart, sehr bewegend und schmerzhaft. Hingegen lockern die täglichen “Abenteuer” mit Benzene die Stimmung. Die zutrauliche Elster wird auch bei Charlies Familie wohlwollend akzeptiert. Richtig krass ist auch, dass die prägende Beziehung zu Stiefvater David Gilmour immer wieder thematisiert wird, jedoch nie erwähnt wird, wie berühmt er ist. (Gitarrist/ Pink Floyd).
Einfach großartig!
Dieses Leseerlebnis wird mich lange wenn nicht für immer begleiten. Die deutsche Übersetzung von Christel Dormagen ist unglaublich traurig, sensibel und warmherzig. Ohne die englische Originalfassung gelesen zu haben, behaupte ich, dass die Übersetzerin hier meisterhaft gearbeitet hat.