– Iss das jetzt, wenn du mich liebst –

Bianca Nawrath

Ich glaube, ich wurde noch nie mit so vielen Polen-Klischees bombardiert wie in diesem Buch!

“Iss das jetzt, wenn du mich liebst” von Bianca Nawrath ist vollgestopft mit allem was die polnischen, gesellschaftlichen Konventionen und deren kulinarische Traditionen zu bieten hat.

Kinga, deren Familie aus Polen stammt, lebt bereits länger mit ihrem Freund/Verlobten Mahmut in Berlin. Beide passen gut zusammen, kommen sie doch beide aus familienverbundenen Kulturkreisen und kennen die emotionale Verpflichtung der Familie gegenüber. Doch einen Moslem zum Schwiegersohn ist schon ein starkes Stück. 

Ein Kennenlernen der polnischstämmigen Familie mit Mahmut hat Kinga jahrelang verhindern können, doch nun soll eine Familienhochzeit in der alten Heimat den Weg ebnen und eine Basis schaffen.

Als ich das Buch gelesen habe, hatte ich starke gemischte Gefühle. Ich habe meine Familie und mich in sehr vielen Dingen wiedererkannt. Ob es die Tatsache war, dass wir regelmäßig in die Heimat gefahren sind und dort als die “Reichen” galten, obwohl wir in Deutschland in einer Mietwohnung lebten während in Polen alle Verwandten ein Haus besaßen. Oder das meine Mutter einmal älteren Tanten gegenüber einen Freund für mich erfunden hat, als ich zu der Zeit Single war, weil man mit 25 und unverheiratet als alte Jungfer galt, mit der was nicht stimmen kann, wenn sie noch keinen Mann und Kinder hat. 😉 

Den Zwiespalt mit zwei Welten verbunden zu sein konnte ich sehr gut nachvollziehen, genauso dieser vollständige Integrationsgedanke meiner Familie, bis hin zur absoluten Anpassung und dem Verbergen der polnischen Wurzeln, um bloß nicht aufzufallen.

Ein flotter, leichter Roman, der zwar kurzweilig unterhält, aber sich auch einer Menge Vorurteile und Stereotype bedient. Für mich persönlich stellenweise etwas zuviel.

– In diesen Sommern –

Janina Hecht

“Diese Momente, in denen mir seine Spur verloren geht. Als wäre er auf einmal nicht mehr dabei gewesen. Dann plötzlich steht er im Zentrum von allem und nichts kann ohne Bezug zu ihm sein.”

Teresa wagt eine Reise in ihre Vergangenheit.

Leicht ist das nicht, denn ihre Kindheit wurde viel zu oft von Angst, Konflikten und Ohnmacht beherrscht.

Ihr trinkender, gewalttätiger Vater macht der Familie schwer zu schaffen; die Mutter lange Zeit unfähig ihn zu verlassen.

Seine Launen sind unberechenbar und fast täglich kommt es zu brenzligen Situationen, in denen sie ihm ausgeliefert scheinen.

Teresa, ihr jüngerer Bruder Manuel und die Mutter schöpfen mit der Zeit die Kraft um sich vor den Ausbrüchen zu schützen und einem Leben in Ruhe entgegen zu gehen.

“Mein Vater, wie er ganz ruhig den Tag beginnt, nicht ausgeglichen, aber stabil. Nie schrie er am Beginn des Tages, er ging mit vorsichtigen Schritten, manchmal etwas Weiches in seinem Gesicht. Als hätte sich erst danach etwas verändert, als führten erst der Mittag und der Nachmittag in eine andere Richtung, und an jedem Morgen hätte es die Möglichkeit zu einem anderen Verlauf der Geschichte gegeben, die ich schreibe.”

In ihrem Debütroman schreibt Janina Hecht über Familien, die nach außen hin funktionieren, aber bei näherem Hinsehen, kann man erahnen was sich hinter der Fassade verbirgt.

Das Buch habe ich an einem Tag gelesen. Die Geschichte hat mich stark gefesselt und die kurzen Kapitel haben mich flott vorankommen lassen.

Obwohl die Beschreibungen leicht und unbeschwert daherkommen, wirkt der Inhalt nach und ich musste ein ums andere Mal schwer schlucken. Schwelende Auseinandersetzungen, unausgesprochene Worte reihen sich an heftige Eskalationen und doch erzählt die Protagonistin aus einer gewissen emotionalen Distanz über das Aufwachsen unter diesen Umständen.

Ein gelungenes Buch über eine schwere Kindheit, der man entwachsen kann.

– Versprechen kann ich nichts –

Valeria Parrella

Nach dem Tod ihres Ehemannes Antonio, leidet die 50jährige Lehrerin Elisabetta Maiorano unter Trauer, Einsamkeit und dem Altern.

Auf Nisida, einer Insel vor Neapel, unterrichtet sie in einer Jugendstrafanstalt und macht Bekanntschaft mit der Insassin Almarina, die gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder Arban aus Rumänien geflohen ist.

Innerhalb des Gefängnisses fühlt sich Elisabetta sicher, während ihr das Leben außerhalb der Mauern ziemlich sinnlos und leer erscheint.

Es entsteht eine Verbindung zu ihrer Schülerin und Elisabetta möchte mehr für Almarina tun, als nur Mathematik zu unterrichten. Sie möchte die junge Frau aufnehmen und beantragt bei Gericht für die Zeit nach der Haftentlassung die Fürsorge.

Valeria Parrella hat einen relativ kurzen Roman (knapp 130 Seiten) geschrieben, dessen Inhalt jedoch schwer wiegt und einiges zu bieten hat. Sprachlich beschränkt sie sich auf das Wesentliche. Die verworrenen Sätze und Gedanken wirken an vielen Stellen gerade zu poetisch, während hin und wieder ein härterer, grober Ton angeschlagen wird.

Dies ist kein Roman auf die Schnelle. Man muss sich Zeit nehmen und genießen, in den Seiten versinken und diese wunderschöne, außergewöhnliche Prosa einsaugen.

– Das Leben wartet nicht –

Marco Balzano

Die Geschichte, die Ninetto uns erzählt, beginnt im Gefängnis. Die Strafe betrug 10 Jahre. Er nutzt die Haftzeit um seine bisherige Lebensgeschichte Revue passieren zu lassen und macht nach Entlassung damit weiter.

Seine Erinnerungen führen uns in das Sizilien der 50er Jahre, wo es viel Hunger und nur wenig Arbeit gibt. Zu wenig um eine Familie durchzubringen. Als Ninettos Mutter einen Schlaganfall erleidet und in eine Pflegeeinrichtung kommt, zieht sich die Schlinge noch enger.

Dies führt dazu, dass Ninettos Vater ihn mit Arbeiter Giuvá nach Mailand fortschickt. Dort soll er zügig Arbeit finden und für sich selbst sorgen.

Ninetto, der von kleinauf Pelleossa gerufen wird, da er nur aus Haut und Knochen besteht, findet bald eine Anstellung als Fahrradkurier einer Wäscherei, obwohl er gerade so auf das Fahrrad aufsteigen kann und von den Straßen Mailands überhaupt keine Ahnung hat.

Seine Kinderträume Dichter zu werden, sind ziemlich schnell vorbei. Die harte Realität ist eine andere.

Nachdem er eine besser bezahlte Arbeit auf dem Bau findet, lebt er fortan im sogenannten “Bienenstock”, einem aus allen Nähten platzenden Arbeiterblock.

Dort wird er von Antonio unter seine Fittiche genommen und hat ansatzweise so etwas wie eine Kindheit, weil er von den älteren Bewohnern ein wenig Fürsorge erfährt.

Schon bald verliebt er sich in Maddalena, sie heiraten und das erste Kind lässt nicht lange auf sich warten. Inzwischen arbeitet er im Werk von Alfa Romeo und die monotone Arbeit lässt jegliche Träume von der Dichterei verblassen. Dann kommt ein Schlüsselmoment in Ninettos Leben und er begeht einen furchtbaren Fehler, der ihn letztendlich ins Gefängnis bringt…

Marco Balzano schreibt frisch und eindrücklich über die Kinderemigration Süditaliens in der Zeit 1959 bis 1962. Tragisch, kritisch und schmerzlich sind diese kleinen Leben gewesen. Die Parallelen zu heutiger Emigration sind unverkennbar.

Schnörkellos, packend und anrührend war unsere No. 24 der Backlistlesenrunde von Diogenes.

Ich habe dieses Buch wirklich gerne gelesen.

Einziger Kritikpunkt: Es wird zweimal das N-Wort verwendet. Das Buch handelt weder von Sklaverei, noch von Kolonialgeschichte. Ich hätte mir hier einen sensiblere Lösung gewünscht.

– Deine kalten Hände –

Han Kang

Als die Schriftstellerin H. die Aufzeichnungen des verschwundenen Bildhauers Jang Unhyong erhält, beginnt sie in seine Welt einzutauchen.

Jang Unhyong arbeitet mit Gips. Er nimmt Abdrücke verschiedener Körper und Körperteile. Seine Kunst wirkt oft verstörend und löst trotz aller Schlichtheit starke Emotionen im Betrachter aus.

Die Besessenheit, die er für das Oberflächliche entwickelt hat, begann bereits in seiner Kindheit, als er als kleiner Junge seine Eltern beobachtet und die falsche Freundlichkeit und Schönheit in ihnen erkennt. Hinter der Fassade sind sie kalt und emotionslos.

Unhyong, der neben seiner Kunst ein einsames Leben führt, lernt irgendwann die übergewichtige L. kennen, deren weiche und schöne Hände ihn sofort für sich einnehmen. Er nimmt zahllose Abdrücke von ihnen und beginnt eine obsessive Beziehung mit ihr. Ebenso wie Unhyong, hat auch sie enorme emotionale Probleme. Es kommt zum Bruch.

Später lernt er E. kennen. Die Innenarchitektin scheint die perfekte Frau zu sein, doch spürt Unhyong, dass auch sie eine Maske trägt und sowohl ihre eigentlichen Gefühle als auch Einsamkeit vor der Gesellschaft verbirgt.

Was für ein unglaublich faszinierendes Buch!

Han Kang schreibt Figuren, die nicht weniger verstörend sein könnten. Sie erzählt über unsere Masken, über Schein und Sein, über die Oberflächlichkeit, die uns oft umgibt und die es uns Menschen so schwer macht zueinander zu finden.

Zarte Bilder, die manchmal trotz leiser Töne mit einer enormen Brutalität daherkommen. In einer poetischen Sprache prangert Han Kang (asiatische?) Schönheitsideale an und reisst durch ihre Kritik der Gesellschaft die Maske herunter.

Spannend, virtuos und verstörend.

Die Töchter des Nordens

Sarah Hall

Das England, wie wir es kennen, gibt es nicht mehr…

Nach einer Umwelt- und der darauf folgenden Wirtschaftskatastrophe hat sich alles verändert.

Die Bevölkerung lebt unter dem totalitären Regime der “Obrigkeit”.

Wohnungen werden nur noch behördlich vergeben oder die Menschen müssen in Gemeinschaftsunterkünften leben. Der Strom wird nachts abgestellt, Lebensmittel werden rationiert und das Volk wird diversen Fabriken zur Arbeit zugeteilt. Selbstverständlich werden auch die Frauenrechte massiv eingeschränkt. Geburtenkontrolle wird durch angeordneten Einsatz der Spirale praktiziert. 

Die namenlose Protagonistin sieht nur einen Ausweg. Sie muss fliehen und will sich einer Gemeinschaft abtrünniger Frauen anschließen.

Diese leben schon lange in den Bergen, fernab des Regimes, an einem Ort genannt Carhullan. Deren Anführerin Jackie möchte aus den Rebellinnen eine Armee formen, um die Obrigkeit in Rith anzugreifen und das System zu stürzen.

Ein Buch welches spannende Themen aufwirft. Es hat mich anfangs wirklich gepackt und ich habe mich immer wieder dabei erwischt zu Nicken, weil ich dachte: Ja genau solche Szenarien könnten sich entwickeln, wenn die Gesellschaft den Klimawandel weiterhin auf die leichte Schulter nimmt.

Ein düsterer Roman über politische Systeme und Machtgefüge in Krisenzeiten.

Der Roman hat sehr gut gestartet, wurde aber im Verlauf etwas mühselig zu lesen und hat seine Schwächen.

The Times kommentiert: “Eines der besten Bücher des Jahrzehnts” …soweit würde ich wohl nicht gehen.

Übersetzung: Sophia Lindsey

– Eine hellere Sonne –

Samuel Selvon

Lust auf ein bisschen Karibik?

Dann kann ich Euch diesen speziellen Roman aus der Feder von Samuel Selvon empfehlen.

Im Trinidad der Vierzigerjahre wird der junge Inder Tiger von seinen Eltern verheiratet. Sowohl vom Leben als auch von der Ehe hat er wenig bis keine Ahnung. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hat Tiger anfangs starke Probleme durch seine unerfahrene Art und den Traditionen seiner Eltern zurechtzukommen.

Seine Nachbarn, die Kreolen Joe und Rita, helfen hier und da mit Rat oder anderen Dingen aus. Es entwickelt sich eine nachbarschaftliche Freundschaft.

Es dauert seine Zeit, doch Tiger erkennt irgendwann, das Bildung, Fleiß und Interesse ein Sprungbrett sein können.

Mit Einzug der Amerikaner,  wird ein Highway über die Insel gezogen und mit jedem weiteren Tag kommt der wirtschaftliche Aufschwung. Tiger sieht hier seine Chance sich aus der Armut zu ziehen und für seine Familie ein besseres Leben aufzubauen.

Die Sprache fand ich anfangs etwas irritierend. Die Dialoge, die Miriam Mandelkow ( Übersetzerin: James Baldwin, Ta-Nehisi Coates) hier einen karibischen Ton ins Deutsche übersetzt, wirkten anfangs eher befremdlich auf mich. Doch im Verlauf des Buches, konnte ich mich immer besser darauf einlassen. Ein Roman, der den Mut findet große Fragen zu stellen.

Ungewöhnlich, unterhaltsam und einzigartig.

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