– Heaven –

Mieko Kawakami

Das war mein erster Gedanke, als ich die ersten zwanzig Seiten über den namenlosen 14jährigen Schüler und Ich-Erzähler gelesen habe.
Sein Schulalltag ist geprägt von Gewalt und den Schikanen, die er durch seine Mitschüler Ninomiya, Momose und vielen anderen, tagtäglich ertragen muss. Sie lassen ihn Kreide essen, sperren ihn gefesselt in Schränke, spielen mit seinem Kopf Fußball und beleidigen ihn.

Eines Tages findet er an seinem Pult einen Brief. Seine Klassenkameradin Kojima, die ebenfalls drangsaliert wird, schreibt ihm jeden Tag kurze Botschaften bis er sich entschließt zu antworten. Es kommt zu einem ersten Treffen der beiden außerhalb der Schule. Da sie sich gut verstehen und im gleichen Boot sitzen, schließen sie langsam Freundschaft und spenden sich gegenseitig Trost.
Doch als Angriffe und Mobbing der Mitschüler immer brutaler und unbarmherziger werden, scheint ein Ausweg aus dieser Hölle aussichtslos.

Mieko Kawakami hat mit Heaven einen so unglaublich aufrüttelnden Roman über Mobbing und Trauma geschrieben, wie ich ihn noch nie gelesen habe. Das Gefühl der völligen Hilflosigkeit der beiden Opfer kriecht in einen hinein und ich war immer wieder empört über die Täter, wäre so oft am liebsten dazwischen gegangen um laut zu schreien: Es reicht! Mobbing ist ein starkes Problem in unserer Gesellschaft und insbesondere bei Kindern kann das zu furchtbaren Traumatisierungen führen, die im schlimmsten Fall zu Suizid führen.
Während des Lesens habe ich oft an die Mobber aus meiner Schulzeit gedacht. Ich habe mich gefragt, wie sie heute über ihr früheres Verhalten denken.

Fakt ist: Dieses Buch zeigt auch auf, dass es Menschen gibt, denen Andere tatsächlich völlig egal sind und die keinen Grund haben um andere zu peinigen. Die Schuld liegt nicht beim Opfer. 

Mitreissend, sensibel und tiefgründig.

Übersetzung: Katja Busson
@dumontbuchverlag

– Herren der Lage –

Castle Freeman

Was für ein charmantes Buch!

Der Kleinstadt Sheriff Lucian Wing, sorgt in dem verschlafenen Nest Cardiff für Ruhe und Ordnung.
Im hintersten Winkel von Vermont, sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht.
Die Bewohner sind gern unter sich und so sorgt es natürlich für Irritation als der arrogante Anwalt Carl Armentrout den Weg aus New York in ihre Stadt auf sich nimmt.
Er kommt mit einem ungewöhnlichen Gesuch – Lucian soll eine junge Schülerin ausfindig machen. Pamela, die Stieftochter des millionenschweren Geschäftsmannes Rex Lord, ist mit dem Halbwüchsigen Duncan March aus Cardiff durchgebrannt.
Seltsam ist, dass Armentrout darauf besteht die Suche im Verborgenen, ohne großes Aufsehen durchzuführen und es keine Vermisstenanzeige gibt.
Es dauert nicht lange bis Lucian Wing das Pärchen gefunden hat. Sie haben sich im nahegelegenen Wald bei einer pensionierten Lehrerin versteckt.

Doch warum wird tatsächlich nach dem Mädchen gesucht. Lucian beschließt die Sache erst einmal näher zu beleuchten, anstatt Pamela auszuliefern und hilft den beiden sich zu verstecken.

Ein wirklich amüsanter Country-Roman, der mit genialen Dialogen und feinem Humor aufwartet. Die Geschichte ist nicht mit Umgebungsbeschreibungen überfrachtet, schafft es aber locker die Kulissen und Schauplätze wie den abgelegenen Schrottplatz oder alte Farmen in der Pampa ins Leben zu rufen.

Wenige Worte aber dafür on point! Einfach klasse!

Übersetzung: Dirk van Gunsteren
@hanserliteratur

– Das Dämmern der Welt –

Werner Herzog

Eine unglaubliche Geschichte – umso überraschter ist man wenn man erfährt, dass sie auf Tatsachen beruht!

Der junge Japaner Hiroo Onoda dient im Zweiten Weltkrieg und ist auf Lubang stationiert. Im Februar 1945 nahmen amerikanische Truppen die Insel ein, der Großteil der Japanischen Armee wurde getötet. 
Onoda flüchtet mit ein paar Kameraden in den Dschungel, versteckt sich und hält die Stellung.
Als Japan vor den USA kapituliert, erfährt er nichts davon.
Abgeschnitten von Nachrichten oder ihren Vorgesetzten, verharren sie nichtsahnend auf der Insel.
Über der Zone abgeworfene Flugzettel auf denen die Kapitulation Japans mitgeteilt wird, stufen die Soldaten als Propaganda ein.
Suchtrupps werden überwältigt oder können die Guerillakämpfer nicht aufspüren. Irgendwann ist nur noch Onoda übrig und hält die Insel insgesamt an die 30 Jahre “besetzt”. Erst als man in Japan Onodas ehemaligen Vorgesetzten ausfindig macht und ihn für die Rückholung einsetzt, ergibt sich Onoda auf dessen Befehl und kehrt nach Japan zurück.

Ein kurzweiliges Vergnügen deren literarische Sprache das ganze Ausmaß dieser außerordentlichen Lebensgeschichte unterstreicht. Werner Herzog hat Hiroo Onoda in Japan getroffen und die unglaubliche Erzählung aus erster Hand gehört. Einfach unglaublich!

– Die Unzertrennlichen –

Simone de Beauvoir

Ein seltsamer Zufall oder Schicksal, dass ich gerade um ihren Geburtstag herum ein Buch von Simone de Beauvoir gelesen habe, ohne es zu wissen?
Der autofiktionale Roman -Die Unzertrennlichen- handelt von einer Frauenfreundschaft und Liebe, die mehr als 30 Jahre nach dem Tod de Beauvoirs gefunden und veröffentlich wurde.

Die Geschichte erzählt von der junge Sylvie und Andrée (Simone und ihre Schulfreundin Zaza), die gemeinsam aufwachsen, welchen gesellschaftlichen Konventionen sie unterliegen und mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben.
Beide wurden streng religiös erzogen und es werden hohe Erwartungen von ihren Familien an sie gestellt.
Sylvie/Simone die ihre Freundin Andrée bewundert entwickelt mit der Zeit stärkere Gefühle, während Andrée von einer enttäuschenden Liebe und ihren vielen Aufgaben wie Handarbeiten und Kinder beaufsichtigen erdrückt wird.

Die gesellschaftlichen Anforderungen an junge Frauen sind sehr hoch und werden von den Eltern streng überwacht. Während Sylvie sich diesen festgefahrenen Strukturen ein wenig entziehen kann, da die finanziellen Probleme ihrer Familie eine Arbeit unabdingbar machen, bleibt Andrée selbst dieser Funken an selbstbestimmtem Leben versagt.

Simone de Beauvoir erinnert sich liebevoll an ihre Freundin, an ihre Liebe zu ihr und an die Briefe, die sie sich geschrieben haben. Für mich hat sie genau den richtigen Ton getroffen, damit diese Lebens-/Liebesgeschichte ein wissenswertes Zeitzeugnis darstellen kann, ohne in lächerlichen, romantischen Kitsch abzurutschen.
Die Briefe, die ihr als Inspiration und als Quelle gedient haben, werden im Anhang abgebildet und teilweise auch übersetzt. Mit einigen Fotos der Freundinnen wird die Lektüre nochmal um einiges authentischer.
Ein kurzweiliges Leseerlebnis und perfekt für den Einstieg in Simone de Beauvoirs Werke.

Übersetzung: Amelie Thoma
Verlag: Rowohlt

– Kennst du das Land –

Galsan Tschinag

Schon seit Jahren lese und bewundere ich die Bücher und Gedichte Galsan Tschinags.

In seinem Buch -Kennst du dieses Land- schreibt der aus der Mongolei stammende Tschinag über seine Zeit als Student in Leipzig, seine Erinnerungen und die Kultur auf die er trifft, die so ganz anders ist, als alles was er kennt. 

Als Sohn eines Viehzüchters ist er in einer Nomadenjurte aufgewachsen und staunt über das Neue und Fremde in Europa, über die Menschen, die Sprache und macht sich diese letztendlich in einer ungemein einfallsreichen, virtuosen Weise zu eigen um so eine Vielzahl an wundervollen Gedichten, Romanen und Reportagen hervorzubringen.

Galsan Tschinag ist ein absoluter Geheimtipp!

– Tage- und Notizbücher –

Patricia Highsmith

Die Tage- und Notizbücher von Patricia Highsmith ist eine gewaltige Ladung Sprengstoff.
Vollgestopft mit Gedanken, Geschichten, Ideen für Bücher und Gefühlen.
Zu Lebzeiten war Highsmith eine schwierige Persönlichkeit. In ihren Aufzeichnungen findet man eine Person, die sowohl anziehend und faszinierend, aber auch unglaublich schroff und unausstehlich war.

Als einziges Kind ihrer Eltern, wuchs Patricia bei ihrer Großmutter auf, nachdem Mutter und Vater sich bereits nach 1,5 Jahre scheiden ließen. Ihre Mutter heiratete später Stanley Highsmith. Ihren leiblichen Vater lernte Patricia erst mit 12 Jahren kennen. Die äußerst schwierigen Familienverhältnisse, die sie bis ins Erwachsenenalter und ihr gesamtes Leben lang hindurch verfolgen, machen aus Highsmith eine spröde, komplizierte Frau voller Widersprüche.

Die vielen Notizen und Tagebucheinträge erzählen von Highsmiths Collegezeiten, einer ständigen Geldnot und schlecht bezahlten Jobs – soviel zum schriftstellerischen Aspekt.
Hinzu kommen die Einträge über ihr Privatleben, welches durchwoben war von Affären mit Frauen und Männern. Promiskuitiv, aufwühlend und quälend sind ihre Beziehungen, insbesondere zu einer bestimmten Frau.

„12. Oktober 1952 – Höllischer Alptraumtag. Meine Sonntage sind mit Ellen keine -freien Tage- mehr, in keinster Weise. Ich kann mich nicht entspannen, zeichnen, herumtrödeln oder sonst irgendwas von dem tun, was ich brauche. Außerdem X am Nachmittag, was ich um des lieben Friedens willen tat. Sie denkt wie immer, das sei der Kitt für unsere Beziehung. So funktioniere ich nicht. Vielleicht männlich, vielleicht nuttig, ich weiß es nicht.“
(Highsmiths Code für Sex. XX heißt so viel wie viel oder guter Sex)

Man sollte sich aber einen Punkt in Bezug auf Patricia Highsmith immer vor Augen halten. Die Frau war Antisemitin, rassistisch und frauenfeindlich. Hierzu wird im Vorwort des Buches ein wenig knapp darauf eingegangen. Nicht nur gegen Juden, auch gegen andere marginalisierte Gruppen hat sie gehetzt und menschenfeindliche Äußerungen von sich gegeben. Auch diese Seite muss gezeigt werden ohne jegliche Beschönigung. Hierzu kann man einiges im Feuilleton nachlesen und das sollte man auch. 

Übersetzung: Melanie Walz, pociao, Anna-Nina Kroll, Marion Hertle und Peter Torberg

– Das Ereignis –

Annie Ernaux

Annie Ernaux schreibt über -Das Ereignis- in ihrer Zeit als Studentin an der Universität.

Mit 23 wird sie ungewollt schwanger. Für sie ist klar, dass sie abtreiben möchte.
Mit dieser Entscheidung beginnt ein Leidensweg, den schon viele Frauen begehen mussten. Auf der Suche nach Hilfe, schlägt Annie die ganze Kälte und Missbilligung einer Gesellschaft entgegen.
Der Kindsvater zieht sich aus der Verantwortung, Ärzte sind keine erwähnenswerte Hilfe und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich an eine sogenannte Engelmacherin zu wenden.
Nach der Behandlung geht es für Annie dramatisch weiter. Sie landet bald in der Notaufnahme, in der sie auch dort mit Stigmatisierung und verurteilenden Äußerungen konfrontiert wird.

Mit diesen knapp 100 Seiten beschreibt Annie Ernaux die Lebensrealität vieler Frauen der 60er Jahre, die zum Teil bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Sachlich und nüchtern, erzählt sie von dem Spießrutenlauf, den man Frauen auferlegt, da von Männern gemachte Gesetze einen Schwangerschaftsabbruch für illegal erklären. Bis heute werden derartige Notlagen von Frauen gesellschaftlich kriminalisiert – den Rest erledigt die Politik.
Annie Ernaux schreibt über ein Tabuthema, welches keines sein sollte: Über weibliche Selbstbestimmung und die düsteren Momente in denen Frauen immer wieder der Ungerechtigkeit ausgesetzt werden, für die Entscheidung, die nur sie selbst zu treffen haben.

Eindeutige Leseempfehlung.

Übersetzung: Sonja Finck

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