– Das Palais muss brennen –

Mercedes Spannagel

„Das Palais muss brennen“ ist der Debütroman von Mercedes Spannagel und für den österreichischen Buchpreis 2020 nominiert.

In ihrem Erstlingswerk persifliert und spottet Spannagel der rechten Politiklandschaft.

Im Zentrum steht Luise „Lu“, Tochter einer rechtskonservativen Bundespräsidentin in Österreich. Um der hundesammelnden Mutter (9 Windhunde) eins auszuwischen besorgt sie sich einen Mops, den sie kurzerhand Marx tauft.

Sie provoziert mit ihren Ansichten, wirft Waffen der rechten Jagdgesellschaft in den Pool, lebt im Palais ein privilegiertes Leben mit ausschweifendem Sexualleben und kokst sich regelmäßig zu. Mit ihren linksgerichteten Intellektuellen-Freunden plant sie auf dem Opernball ein provokante Kunstaktion zu installieren, doch dann geschieht unerwartetes…

Ich bin zwiegespalten, was dieses Buch angeht. Einerseits fand ich es wirklich voller Sprachwitz, sarkastisch und messerscharf analysiert. Andererseits hatte ich das Gefühl, dass die Handlung etwas zu kurz kam, weil sie neben den vielen sexuellen Eskapaden Lus und dem ständigen Drogenkonsum in den Hintergrund rückte.

Die Dialoge sind frech, amüsant und trösten über die o.g. Mängel hinweg, allerdings hätte ich persönlich doch gern etwas weniger Hedonismus und dafür mehr Widerstand gegen Rechts gelesen.

Nichtsdestotrotz bin ich sicher, dass dieses Buch eine Menge Leser mit seinem frischen und spritzigen Ton begeistern kann.

– Hannah Arendt –

Little People, BIG DREAMS

„The sad truth is that most evil is done by people who never make up their minds to be good or evil.“

Hannah Arendt

Aktueller könnte dieser Satz gar nicht sein.

Hierzu möchte ich ein fabelhaftes Buch aus der Little People, BIG DREAMS – Reihe des Inselverlages empfehlen. So kann man Kindern schon früh vermitteln, wie wichtig es ist, dass man sich gegen Ungerechtigkeit auflehnt, die Macht der eigenen Stimme erkennt und seinen Kopf gebraucht. Denn es waren nicht nur machtbesessene Tyrannen, die Massenmorde an den Juden verübet haben, sondern auch ganz normale, durchschnittliche Menschen.

Johanna (Hannah) Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Linden bei Hannover geboren. Im Alter von drei Jahren zieht sie mit ihren Eltern nach Königsberg. (Heute Kaliningrad) Ihr Vater starb nach schwerer Krankheit 1913 und Hannah wächst bei ihrer progressiven Mutter auf, die sie in jeglicher Hinsicht fördert.

Schon als Jugendliche widmet sich Hannah eher der philosophischen Literatur und entdeckt ihre Liebe zu Büchern. In ihrer Grundschulzeit wird sie von Kindern beschimpft weil sie Jüdin ist und wird sich so langsam des Antisemitismus in der Welt bewusst.

Da sie früh zu Eigenständigkeit und selbstständigem Denken erzogen wurde, war sie eine kleine Rebellin und ließ sich nicht einschüchtern, weswegen sie einen Boykottaufruf startete als sie von einem Lehrer beleidigt wurde. Sie wurde schließlich der Schule verwiesen.

Mit der Unterstützung der Mutter ging sie nach Berlin, nahm als Gasthörerin in Kursen an der Universität teil und machte 1924 ihr Abitur. Nachdem Hitler an die Macht kam, nahm ihre Karriere als Philosophin ein Ende und sie flüchtete 1933 nach Frankreich, später (1941) in die USA.

Bis an ihr Lebensende lehrt Hannah an vielen Universitäten politische Theorie, verfasst Artikel und schreibt Bücher. Ihre politischen Überlegungen sind bis heute top aktuell – nämlich, dass man seine Stimme gegen das Unrecht erheben muss und nicht stumm bleiben darf.

  • Maria Isabel Sánchez Vegara
  • Übersetzung: Svenja Becker
  • Illustration: Sophia Martineck
  • Insel Verlag

– Wohin gehst du, mein Leben? –

Gabriel Josipovici

Ein namenloser Ich-Erzähler denkt über Vergangenes nach.

Beziehungen, sein Leben und seine beiden Ehen. Er lebte in London, Paris und Wales, überall immer sehr zurückgezogen. Er arbeitet als Übersetzer, ist Kenner und Liebhaber der Kunst und Musik, sinniert er über das Leben.

„Josipovici erinnert nicht selten an Tschechow: Die Gespräche bewegen sich im Kreis, jede Figur besitzt ihr Motiv, an dem sie festhält. Das ist nicht ohne Komik. Das Lächerliche und das Tragische wohnen in den Dialogen nah beieinander.“ Ingeborg Harms, FAZ

Ingeborg Harms spricht mir aus der Seele -besser kann ich meinen Leseeindruck nicht schildern. Ein Kleinod zum Schmunzeln von knapp 100 Seiten.

Poetisch, tragisch und erfrischend komisch.

– Ketala –

Fatou Diome

„Solange der Mensch präsent ist, vergisst man das Drumherum, doch dann klammert man sich kläglich an die Dinge, die er hinterlässt. Wen aber kümmert die Trauer der Dinge, wenn jemand stirbt?“

Nachdem Memoria in ihre Heimat Afrika zurückgekehrt ist, verstirbt sie kurze Zeit danach. Die Umstände,  die zu ihrem Tod führten, werden von niemand geringerem als ihren Haushalts-und Einrichtungsgegenständen erzählt. Viel Zeit haben sie dafür nicht, denn bald beginnt die Ketala – die Erbteilung. In einigen Tagen soll traditionell Memorias Hab und Gut unter der Verwandtschaft aufgeteilt werden.

Wer offen für eine phantasievolle Erzählform und ausgeschmückte Sprache ist, ist hier genau richtig. Anfangs gewöhnungsbedürftig, übt „Ketala“ von Fatou Diome eine gewisse Faszination aus.

Fatou Diome hat hier mit überholten Traditionen, familiärem Druck und Heuchelei abgerechnet, wenn auch auf ungewohnt spielerische Art und Weise.

Wir haben dieses Buch für die Leserunde Nr. 19 in der Diogenes Backlistlesen Gruppe gewählt und es kamen einige der Leser aus ihrer Komfortzone heraus, weil es sich hier um einen außergewöhnlich erzählten Roman handelt.

– Lesemonat Oktober 2020 –

Im Oktober habe ich weniger gelesen, als ich geplant hatte.

Aber das ist nicht tragisch, weil ich durch die beiden Lesungen mit @frankberzbach und #christophposchenrieder am Ende des Monats auf meine Kosten kam.

Die Bücher im Oktober:

  • Mely Kiyak – Frausein
  • Sigrid Nunez – Sempre Susan
  • Ben Lerner – Die Topeka Schule
  • Deniz Ohde – Streulicht
  • Ralf Rothmann – Hotel der Schlaflosen
  • Arezu Weitholz – Wenn die Nacht am stillsten ist
  • Young-Ha Kim – Aufzeichnungen eines Serienmörders

Die Lesehighlights waren für mich:

– Christoph Poschenrieder – Autorenlesung –

Der unsichtbare Roman

Der Abend beginnt mit einer herzlichen Begrüßung durch Frau Röhrl, der Inhaberin der Buchhandlung Bücherwurm, im neuen Standort in der Maximilianstraße 4 in Regensburg.

Es ist der Ersatztermin (Lockdown im Frühjahr) für die Autorenlesung mit Christoph Poschenrieder, der sein aktuelles Buch „Der unsichtbare Roman“ vorstellt.

Letzte Feinabstimmungen an der Technik und als Christoph Poschenrieder angekündigt wird und nach vorne tritt, holt er erst einmal einen Stapel Bücher aus seinem orangefarbenen Rucksack hervor.

Unter anderem Exemplare von „Des deutschen Spießers Wunderhorn“ und „Der Golem“ von Gustav Meyrink.

Meyrink ist der Protagonist in „Der unsichtbare Roman“, österreichischer Bestsellerautor, ein „Suchender“ im Okkulten und ein begeisterter Yogafan. Dieser erhält vom Auswärtigen Amt ein Angebot, einen Roman über die Verantwortung der Freimaurer am Blutvergießen im Ersten Weltkrieg zu schreiben. Selbstverständlich gegen ein horrendes Honorar. (Fakt)

Zwischen den einzelnen Leseabschnitten, bei denen sich Christoph Poschenrieder auch als ausgesprochen guter Vorleser entpuppt, berichtet er immer wieder über Gedanken, Ideen und Fakten, die er bei seiner Recherchearbeit für das Buch zusammengetragen hat.

Auch kleine Gewohnheiten, wie zum Beispiel die Namensfindung für seine Figuren – er geht in München öfter am Alten Nordfriedhof spazieren und findet hier eine ganze Menge Inspiration für Namen auf den Grabsteinen.

Es fühlt sich stellenweise an wie eine Geschichtsstunde mit Poschenrieder – nur nicht langweilig, denn er hat unglaublich gut und viel recherchiert, nutzt Fakten über Meyrink und die Geschichte schamlos aus wie er selbst sagt, um sie zu verdrehen und zu lügen.

Traurig ist, dass ich gestern auf der vorerst letzten kulturellen Veranstaltung war…

…umso mehr freue ich mich über diesen gelungenen Abend bevor der Lockdown am Montag greift.

– Frank Berzbach – Autorenlesung –

Die Schönheit der Begegnung

Zweiunddreißig Variationen über die Liebe

Zweiunddreißig Variationen über die Liebe und eine Lesung mit @frankberzbach in den Zeiten der Corona.

Fast schon zu spät (ich Schussel) und mit sehr viel Glück, habe ich doch noch von der Veranstaltung bei unserer Buchhandlung Dombrowsky erfahren. Umso mehr freue ich mich, dass ich es zu diesem angenehmen Abend geschafft habe.

Es ist keine Lesung im herkömmlichen Sinne. Vielmehr erzählt Frank Berzbach über sein Buch „Die Schönheit der Begegnung“, wie es dazu kam, berichtet von den kleinen Nebenstories, die ihn zu diesem Roman bewogen und hier und da ein Schwank aus seinem Autorenalltag.

Allzu viel möchte er nicht vorlesen. Er möchte uns Zuhörer/ Leser lieber neugierig machen es selbst zu lesen. Wir sollen herausfinden, welche Kennenlerngeschichte -die Eine- ist. Die Pausen zwischen den Lesungen nutzt er lieber für den Mono- oder Dialog mit dem Publikum.

Was meine Geschichte des Kennenlernens mit Frank Berzbach betrifft – nun ja, sie begann mit der Suche nach einem Babysitter…

Ein schöner, amüsanter Abend mit einem sympathischen Autor und vielen Tipps für die Book- und Playlist.

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