– Lesemonat August 2020 –

Was für ein turbelenter, schöner Monat das für mich war!

Im Kindergarten waren Ferien und ich hatte wieder viel Zeit mit den Twins. Wir waren je nach Wetter viel auf der Terrasse oder auf dem Spielplatz.

Mein persönliches Highlight war mein „Jahresurlaub“ auf Usedom…einmal im Jahr ermöglicht mir die beste Oma der Welt eine Woche Auszeit und ich kann verreisen, während sie die Mädchen hütet.

Ich habe mein geliebtes Meer wieder gesehen. Eine besondere Verbindung scheint zwischen uns zu herrschen und ich war täglich am Strand um diese grenzenlose Weite in mich aufzunehmen und um mich einem großen Schwung Bücher zu widmen.

Leseliste im August:

  • Nicolas Mathieu – Rose Royal
  • James Baldwin – Beale Street Blues
  • Nina Wähä – Vaters Wort und Mutters Liebe
  • Olga Tokarczuk – Der Schrank
  • Sayaka Murata – Die Ladenhüterin
  • Nava Ebrahimi – Das Paradies meines Nachbarn
  • Robert Seethaler – Der letzte Satz
  • Graham Swift – Da sind wir
  • Christoph Poschenrieder – Das Sandkorn
  • Elena Ferrante – Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Für die Kinder:

  • Davina Bell/ Allison Colpoys – Was Du nicht alles kannst

Meine Highlights im August waren:

Wie war Euer August?

– Das lügenhafte Leben der Erwachsenen –

Elena Ferrante

„Lügen, nichts als Lügen, die Erwachsenen verbieten sie und lügen dabei selbst, was das Zeug hält.“

In „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ entführt uns Maestra Elena Ferrante wieder nach Neapel. Dieses Mal aber Ecke Vomero, wo die besser gestellte Gesellschaft in ihren Villen und teuren Anwesen lebt.

Hauptfigur Giovanna ist 13 Jahre alt, geliebte Tochter ihrer Akademikereltern und fleißige Schülerin. Mit Beginn der Pubertät verändert sich alles. Nicht nur das jugendliche Aufbegehren gegen die Eltern, auch körperliche Veränderungen tragen ihren Teil dazu bei, dass Giovanna sich immer mehr mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzt.

So erfährt sie von Vittoria, ihrer Tante väterlicherseits, von der sie immer ferngehalten wurde. Diese arbeitet als Putzfrau auf der anderen, der armen Seite Neapels. Sie ist laut, vulgär und so ganz anders als der Rest ihrer Familie. Ihr Stadtviertel ist geprägt von Kriminalität, Armut und geringer Bildung der Bewohner.

Vittoria, ein ganz spezieller und vor allem äußerst schwieriger Charakter, nimmt kein Blatt vor den Mund und öffnet mit ihrer unkonventionellen, unberechenbaren Art Giovannas Blick auf die Welt. Insbesondere den auf die Erwachsenen und deren Verhalten.

Giovanna beginnt ihr Umfeld mit anderen Augen zu betrachten, alles mögliche zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Nichts scheint mehr so einfach zu sein! Vater und Mutter sind nicht die tadellosen, ehrbaren Eltern wie sie immer glaubte und auch andere Erwachsene sind hinter der Fassade oft fähige Lügner und Meister der Manipulation. Wie soll man sich da zurechtfinden?!

Ein ganz wundervolles Buch über das Erwachsenwerden! Ferrante schafft durch ihre Protagonistin ein Paradebeispiel für junge Mädchen und deren Veränderung zur Frau. Sie schreibt über den Reifeprozess von Teenagern und damit einhergehende Probleme, die Erkenntnis darüber wie naiv man gewesen ist und wie schwer es ist in diesem „Spiel“ zu bestehen und seinen Weg zu finden.

Die Autorin spielt mit dem Leser wenn sie die Erwartungen in eine ganz andere Richtung lenkt und somit für echte Überraschungen sorgt. Bezeichnend ist auch wieder ihr Markenzeichen – es wird ganz großer Wert auf die Sprache gelegt, auf Schule und Bildung. Kultiviertes Hochitalienisch vs. ordinärem Dialekt. Ihre Sicht und Beschreibung von Freundschaft und Familie ist so realistisch und glaubwürdig – immer sehr komplex und ambivalent. Es ist nicht immer alles schwarz und weiß. 

Karin Krieger, die hier wieder einmal kongenial übersetzt hat, erwähnte im Interview noch einen ganz wichtigen Punkt: Es wird viel über Sex geschrieben in diesem Roman und das ist genau das was Jugendliche umtreibt. Hier nimmt Ferrante aber nicht nur die Erfahrungen von Mädchen unter die Lupe, sondern beleuchtet ebenso gekonnt den Umgang von Jungs die zu Männern werden damit. Oft sind die Unterschiede bezeichnend welche Erwartungen an beide Geschlechter gestellt werden. Stichwort: toxische Männlichkeit, Bild der Frau in der (italienischen) Gesellschaft.

Klare Leseempfehlung!

– Normale Menschen –

Sally Rooney

Leider muss ich sagen, dass „Normale Menschen“ von Sally Rooney ein Buch ist, welches ich lieber nicht gelesen hätte.

Ursprünglich hat mich das Thema der On/Off Beziehung interessiert – das war auch der Grund, warum ich es gekauft habe.

Die Geschichte handelt von Marianne und Connell, die von der irischen Westküste stammen und später gemeinsam in Dublin studieren.

Mariannes Familie ist wohlhabend und Connells Mutter arbeitet als Putzkraft auf deren Anwesen.

Rooney kratzt an Themen wie soziale Klassenunterschiede, Depressionen, Mobbing und häusliche Gewalt…das wäre alles hochinteressant, würde das alles nicht unter dieser kitschigen, verkorksten Liebesgeschichte zwischen den Protagonisten leiden.

Irgendwo fiel schon das Wort Millenials und da kann ich nur zustimmen. Ich empfand es als pseudo-tiefgründigen Liebeskitsch und habe sehr sehr oft den Kopf geschüttelt.

Dann werden noch typische „50 Shades of Grey“ Sex-Szenen eingebaut, während Marianne und/oder Connell mal wieder in einer fürchterlichen Identitätskrise stecken.

Da dachte ich ein ums andere Mal: Was ist das? Ne Daily Soap?!

Für mich war es ein absoluter Fehlkauf und ich hoffe nur, dass ich diesen ganz schnell vergesse.

Überhaupt nicht mein Fall.

– Das Sandkorn –

Christoph Poschenrieder

Puuuh diese Rezension ist nicht leicht…

Für die #backlistlesen Gruppe von Diogenes, haben wir in der #No18 „Das Sandkorn“ von Christoph Poschenrieder gelesen.

Das Thema des Romans ist Homosexualität, Stigmatisierung, Homophobie in den 1914/1915er Jahren und eine Dreiecksbeziehung.

Ich hatte für ein anderes Buch von Poschenrieder gestimmt, aber ich gehe offen in jede Leserunde rein, auch wenn es mal nicht das Buch meiner Wahl ist.

Die Handlung dreht sich um Jacob Tolmeyn, Kunsthistoriker, schwul und seinen Assistenten „Beat“ Imboden, seine heimlichen Liebe.

Doch Paragraph 175 hindert ihn daran, frei zu leben. Homosexualität steht unter Strafe und dies löst so einige Probleme aus. Unter anderem Erpressung – aus diesem Grund verlässt Tolmeyn Berlin und nimmt nur allzu gern eine Anstellung in Rom an, wo es derlei harte Gesetze gegen Homosexuelle nicht gibt.

Imboden begleitet ihn und durch die vom Staat beauftragte Begleiterin Letizia Trivulzio di Belgioioso wird das Trio komplett. Es entspinnen sich einige Situationen, aus denen mehr werden könnte, aber ich gehe mit Einigen aus der Leserunde konform wenn ich sage, dass dieses Buch ein Buch der verpassten Chancen ist.

Es wird viel geredet und angedeutet, aber leider bleibt es dabei. Auch fand ich den Roman auf 300 von 400 Seiten sehr langatmig und teils wirklich monoton erzählt. Die Figur der Letizia kam für mein persönliches Empfinden viel zu spät in die Story. Das fand ich sehr schade, weil ich sie besonders interessant fand!

Man muss Poschenrieder aber zu Gute halten, dass der Roman stilvollendet und literarisch detailliert ist.

Ich glaube für einen Poschenrieder-Erstleser ist das nicht der richtige Roman. Aus diesem Grund gebe ich ihm noch eine Chance und werde mit Sicherheit auch „Mauersegler“ von ihm lesen – für den habe ich nämlich gestimmt.

– Das Paradies meines Nachbarn –

Nava Ebrahimi

Sina ist Produktdesigner, Ehemann und Vater. Sein Leben ist zufriedenstellend, aber seit einer ganzen Weile ziemlich festgefahren, die Beziehung zu Frau und Tochter hat er aus den Augen verloren.

Da erscheint eines Tages „Ali Najjar“ und wird der neue Chef in seiner Firma. Er rüttelt alle auf, entlässt einen Teil der Mitarbeiter und geizt nicht wenn es darum geht seine Geschichte des armen Flüchtlings, der furchtlos die Karriereleiter erklomm, zum Besten zu geben: 

Als Kindersoldat im Iran-Irak-Krieg hatte er genug gesehen und flüchtete mit 14 Jahren nach Deutschland.

„Ich habe nichts zu verlieren, und wenn man nichts zu verlieren hat, kann man alles erreichen.“

Ali erhält unerwartet die Nachricht eines Unbekannten, der ihn über den Tod seiner Mutter informiert und um ein Treffen in Dubai bittet – er hat einen Brief, den er persönlich überreichen will.

So kommt es, dass Ali begleitet von Sina, der Halbiraner ist, als Mittelsmann in den mittleren Osten fliegt.

Dieser Roman ist wirklich wirklich gut. Nava Ebrahimi erschafft zwei komplexe Figuren, die sich mit Identität, Schuld und Verantwortung für das eigene sowie das Leben anderer auseinandersetzen müssen.

Sprachlich auf den Punkt, klug und tiefgründig. Großartig erzählt mit einem bewegenden, intensiven Ende welches lange nachhallt.

– Da sind wir –

Graham Swift

„Da sind wir“….aber was genau tun wir da eigentlich und wo ist -da- ?!

Mit diesem Gefühl lässt mich dieses Buch von Graham Swift zurück.

Die Handlung verspricht eine hypnotisch und verführerisch elegant erzählte Geschichte über zwei Männer, die die gleiche Frau begehren.

Der „flinke Jack“ und der „große Pablo“ sind zwei helle Sterne am Showgeschäfthimmel. Mit Evie White als Assistentin scheint der Erfolg nochmals richtig Fahrt aufzunehmen.

Mit einem der beiden ist sie verlobt, mit dem anderen steigt sie ins Bett. Auf dem Zenit ihrer Karriere, droht nun alles in sich zusammenzubrechen. 

Leider war ich so gar nicht begeistert von diesem Buch. Auch wenn Swift einer der großen Romanciers der britischen Gegenwartsliteratur gilt, hat er mich hier eher ausgebremst, statt mitzunehmen.

Sprachlich und stilistisch zwar sehr schön, doch die Handlung hat mich gelangweilt. Man bekommt nur das was hinten bereits auf dem Klappentext zu lesen ist.

Durch die Erzählweise konnte ich keine Beziehung zu den Figuren aufbauen, weshalb immer eine große Distanz herrschte.

Hin und wieder blitzte eine Zeile auf, die mich hoffnungsvoll stimmte, doch es blieb bei kleinen Funken.

Ich werde Graham Swift aber noch eine Chance geben und mir „Letzte Runde“ besorgen, für den er 1996 den Man Booker Prize erhielt. Vielleicht war ja nur „Da sind wir“ nicht das richtige Buch für mich. 🤷‍♀️

– Der letzte Satz –

Robert Seethaler

„Es kam ihm vor, als läge das alles ein Leben weit zurück. Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt doch schon das Ende in sich.“

Robert Seethalers „Der letzte Satz“ erzählt von Gustav Mahler, der seine letzte Reise von New York nach Europa per Schiff bestreitet.

Mahler, von Krankheit gezeichnet und gepeinigt, wird von seiner Frau Alma und deren Tochter Anna begleitet. Die gemeinsame Tochter Maria ist bereits vor einiger Zeit verstorben.

Während Frau und Kind sich amüsieren, lässt Mahler sein Leben vor dem geistigen Auge Revue passieren. Er erinnert sich an die leidenschaftliche Liebe zu seiner Frau und an wichtige Stationen seines Dirigentendaseins, den Tod der anderen Tochter.

Seethaler schreibt hier eher eine Erzählung für mich als einen Roman. Vieles wird nur oberflächlich angekratzt und nicht näher beleuchtet. Vielleicht ist dies aber beabsichtigt. Vielmehr ist es eher eine Aneinanderreihung von knappen Erinnerungen.

Die Beschreibungen des Meeres, der letzten Fahrt und der Atmosphäre verursachen eine Art angenehme Melancholie. Schnörkellos, kurz und dicht.

Hauptsächlich wird deutlich, dass Mahler das Paradebeispiel eines Workaholics war. Dies führte mit Sicherheit auch dazu, dass Alma sich letztendlich dem Architekten Walter Gropius zugewandt hat. Wenn man sich zusätzlich näher mit Mahler und Alma beschäftigt, dann erfährt man dass er zwar eine intensive, innige Liebe für sie empfand, sie aber auch klein gehalten hat.

„Er stellte sie vor die Wahl, ihre eigenen Kompositionen einzustellen oder von der Heirat Abstand zu nehmen. Eine Ehe mit einer konkurrierenden Kollegin konnte er sich nicht vorstellen.“ (Quelle: Ein Glück ohne Ruh, btb, 1997)

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