– Eine hellere Sonne –

Samuel Selvon

Lust auf ein bisschen Karibik?

Dann kann ich Euch diesen speziellen Roman aus der Feder von Samuel Selvon empfehlen.

Im Trinidad der Vierzigerjahre wird der junge Inder Tiger von seinen Eltern verheiratet. Sowohl vom Leben als auch von der Ehe hat er wenig bis keine Ahnung. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hat Tiger anfangs starke Probleme durch seine unerfahrene Art und den Traditionen seiner Eltern zurechtzukommen.

Seine Nachbarn, die Kreolen Joe und Rita, helfen hier und da mit Rat oder anderen Dingen aus. Es entwickelt sich eine nachbarschaftliche Freundschaft.

Es dauert seine Zeit, doch Tiger erkennt irgendwann, das Bildung, Fleiß und Interesse ein Sprungbrett sein können.

Mit Einzug der Amerikaner,  wird ein Highway über die Insel gezogen und mit jedem weiteren Tag kommt der wirtschaftliche Aufschwung. Tiger sieht hier seine Chance sich aus der Armut zu ziehen und für seine Familie ein besseres Leben aufzubauen.

Die Sprache fand ich anfangs etwas irritierend. Die Dialoge, die Miriam Mandelkow ( Übersetzerin: James Baldwin, Ta-Nehisi Coates) hier einen karibischen Ton ins Deutsche übersetzt, wirkten anfangs eher befremdlich auf mich. Doch im Verlauf des Buches, konnte ich mich immer besser darauf einlassen. Ein Roman, der den Mut findet große Fragen zu stellen.

Ungewöhnlich, unterhaltsam und einzigartig.

– Lesemonat Mai 2021 –

Im Vergleich zum Mai 2020 ist meine Leseliste recht kurz ausgefallen in diesem Jahr.

ABER qualitativ habe ich das überhaupt nicht bemerkt.

  • Colson Whitehead – The Nickel Boys
  • Ibrahima Balde/ Amets Arzallus – Kleiner Bruder
  • Patrízia Melo – Gestapelte Frauen
  • Takis Würger – Noah
  • James Baldwin – Ein anderes Land

Meine absoluten Highlight im Mai:

– Ein eigenes Land –

James Baldwin

„Viele Weiße und viele Schwarze, aneinandergekettet in Raum und in Zeit und durch die Geschichte, alle in Eile. In Eile, voneinander wegzukommen, dachte er, aber nie und nimmer schaffen wir das.“

Jazz-Musiker Rufus Scott beginnt eine Beziehung mit der weißen Südstaatlerin Leona. Sie lernt seinen Bekannten- und Freundeskreis kennen. Darunter Vivaldo, ein noch unveröffentlichter Schriftsteller und das Ehepaar Richard und Cass Silenski. Als Rufus gegen Leona gewalttätig wird und sie regelmäßig verprügelt, wird sie in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Rufus verfällt in Depressionen und begeht letztendlich Suizid indem er sich von der George Washington Brücke stürzt.

Ida, Rufus jüngere Schwester, kommt nur schwer über seinen Tod hinweg. Sie gibt den Lebensumständen von Schwarzen im weißen Amerika die Schuld und ist überzeugt, dass es der Rassismus war, der Rufus in den Tod getrieben hat. Sie beginnt eine Beziehung mit Vivaldo, die von gegenseitigem Misstrauen und Unverständnis geprägt ist, da er Idas Erfahrungen nicht nachvollziehen kann und manchmal auch schlichtweg nicht verstehen will. (Farbenblinder Rassismus/ White Fragility)

Als Eric, der viele Jahre in Frankreich gelebt hat, nach New York zurückkehrt, kehrt er auch in den Freundeskreis um die Vivaldo, Cass und Richard zurück. Gesetzt und mit sich im Reinen wartet er auf die Ankunft seines Geliebten Yves, der ihm bald folgen wird.

„Wenn Baldwin ein zentrales politisches Argument hatte, war es, dass die Schicksale von schwarzem Amerika und weißem tiefgreifend und unumkehrbar miteinander verflochten waren. Jedes erschuf das jeweils andere, jedes definierte sich selbst in Beziehung zum anderen, jedes konnte das andere zerstören.“ (René Aguigah)

„Ein eigenes Land“ von James Baldwin handelt von Beziehungen und Liebe. Und mit Liebe meine ich die Liebe in all ihren Facetten.

Die Dialoge sind unglaublich brutal in ihrer Ehrlichkeit, die Beziehungen zeigen die Probleme und Reibungspunkte, die es einem oft so schwer machen voranzukommen und Hindernisse zu überwinden. Liebe und Hass liegen oft nah beieinander…doch Baldwin wollte uns mit diesem Roman etwas sagen. Nämlich, dass es nicht wichtig ist, von wem die Liebe kommt, sondern es darauf ankommt zu lieben und geliebt zu werden.

Das „eigene Land“ ist kein Fleck auf der Landkarte. Es ist der Ort, an dem man sich zugehörig fühlt.

Große Verehrung und Leseempfehlung!

– Noah –

Takis Würger

„Warum erlaubt ihr es, solche Menschen sagen zu lassen, dass sie auf Befehl gehandelt haben? Stand in dem Befehl etwa auch, dass du einen Häftling auf den Boden legen sollst und ihm einen Stock über den Hals legst und dich dann auf beiden Seiten daraufstellst und mit deinen Kameraden Wetten abschließt, wie lange ein Mensch das aushält? 30 Sekunden, 70 Sekunden, und wer am nächsten dran ist, gewinnt? War das auch ein Befehl? Und im Befehl stand auch, dass du ein Baby an den Füßen packst und dann seinen Kopf gegen eine Wand schmetterst? Das stand auch im Befehl drin? Und auch, dass du jemanden in den Steinbruch bringst und ihn zusammen mit den Felsbrocken in den Abgrund stürzt und Wetten abschließt, ob er unten lebend ankommt? Das war auch in den Befehlen? Und dann erzählt man mir, es sind heute andere Deutsche als damals? Warum sind es andere?“

Nach Stella war ich wirklich besorgt, dass Takis Würger sich wieder literarisch diesem Thema nähert…aber ich muss sagen, dass ich durch Noah ein wenig ausgesöhnt bin.

Die erschütternde und bewegende Lebensgeschichte von Noah Klieger sollte uns allen eine Mahnung sein.

Es gibt immer weniger Zeitzeugen, umso wichtiger ist es, dass wir die Geschichten der Überlebenden schriftlich festhalten und immer wieder lesen, damit sich eines der größten Menschheitsverbrechen keinesfalls wiederholt.

Würger schreibt in nüchternem Ton über das unvorstellbare Grauen ohne belehrend zu werden.

Hat es dieses Buch gebraucht? Definitiv – in Zeiten des stärker werdenden Antisemitismus und der erschreckenden Geschichtsverweigerung vieler Menschen ganz besonders!

– Gestapelte Frauen –

Patrícia Melo

„Der Schluss, zu dem ich an meiner zweiten Woche bei Gericht gelangte, lautete: Wir Frauen sterben wie die Fliegen.“

„Und vor Gericht behaupten alle, wir trügen die Schuld. Wir, die Frauen, provozierten sie. Machten ihnen das Leben zur Hölle. Zerstörten ihr Leben. Wir seien untreu. Rachsüchtig. Wir seien schuld. Wir würden sie herausfordern. Was hatten wir überhaupt dort zu suchen? Auf dieser Party? Um diese Uhrzeit? In diesem Aufzug? Warum haben wir den Drink angenommen, den man uns angeboten hat? Schlimmer noch: Warum haben wir die Einladung nicht ausgeschlagen, in das Hotelzimmer hinaufzugehen? Mit diesem Grobian? Warum, wenn wir nicht vögeln wollten? Wir waren doch gewarnt worden: Geh nicht aus dem Haus. Schon gar nicht am Abend. Betrink dich nicht. Sei nicht unabhängig. Bis hierher. Und nicht weiter. Geh nicht arbeiten. Zieh nicht diesen Rock an. Und trag nicht diesen Ausschnitt.“

Als die namenlose Protagonistin und Anwältin von ihrem Freund Amir geohrfeigt wird, flieht sie nach Acre ins Amazonasgebiet um Gerichtsverhandlungen zu Femiziden beizuwohnen. Dort lernt sie Anwältin Carla kennen, die sich für die Opfer einsetzt und die Täter zur Strecke bringen möchte. Doch insbesondere in dieser Ecke der Welt scheint Gerechtigkeit ein Fremdwort zu sein.

Korrupte Strukturen und Frauenhass führen immer wieder dazu, dass Täter freigesprochen werden und unbehelligt weiterziehen. So auch im Strafprozess um den unsagbar brutalen Mord an der Indigenen Txupira. (14 Jahre)

Die junge Anwältin taucht immer weiter in diesen Sumpf aus Gewalt und Ausweglosigkeit. Sie kommt durch die Geschichten und Schicksale der Opfer ihrer eigenen Vergangenheit Stück für Stück näher, wurde doch auch ihre Mutter von ihrem Vater ermordet.

Patrícia Melo hat mit diesem Roman eine Granate gezündet. Kurze und knappe Sätze erzählen von bestialischen, hasserfüllten Morden an Frauen. Frauen, die vergewaltigt, verstümmelt, schwer misshandelt und letztendlich ermordet werden weil sie den Ton am Fernseher lauter stellen wollten oder den Nachbarn angelächelt haben.

Melo setzt zwischen den einzelnen Kapiteln echte Meldungen über Frauenmorde. Auch Elemente des magischen Realismus wurden in die Geschichte eingewoben, wenn zum Beispiel die Protagonistin bei den indigenen Bürgern bewusstseinserweiternde Tränke zu sich nimmt und mit den Seelen der Opfer kommuniziert.

Gewalt und Hass gegen Frauen gibt es überall auf der Welt, doch besonders in Brasilien ist die Femizidrate extrem hoch.

Laut Amnesty International stieg die Anzahl der Femizide im Bundesstaat Acre um 400%.  (Amnesty Report: Brasilien 2020)

Das soll keineswegs ein Brasilienbashing werden, doch sind diese Zahlen höchst alarmierend und die Autorin spricht hier ganz laut aus, was viele nicht hören wollen.

Direkt, sprachgewaltig und aufwühlend vom Anfang bis zum Ende.

Absolute Leseempfehlung.

– Kleiner Bruder –

Ibrahima Balde – Amets Arzallus

„All das werde ich ihnen erzählen, und ich weiß auch, was sie mich fragen werden. Nämlich warum ich nicht nach Hause gekommen bin, wenn doch Europa gar nicht mein Ziel war. Ich frage mich das oft selbst, und es ist nicht leicht zu erklären. Aber ich werde es dir sagen. Eins, weil es schwer ist, deinen Weg zu finden, wenn dich die Schuldgefühle quälen. Zwei, weil es zu spät ist umzudrehen und dein Zuhause zu weit weg ist, wenn du einmal in Marokko oder Libyen angekommen bist. Du bist zwischen Wüste und Meer gefangen, wie ein Tier. Und drei, weil ich es nicht verdiene, meiner Mutter vor die Augen zu treten. Das ist es, was ich wirklich denke. Deshalb habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gebetet. Das letzte Mal, als sie mich zur -Tombola- mitgenommen haben. Ja, dort, als ich ohne Schwimmweste ins Boot stieg. Ich betete und dachte, „Wenn Gott will, dass ich es nach Europa schaffe, werde ich in Europa ankommen. Und wenn er es nicht will, dann werde ich im Meer verloren gehen. Auch ich.“

Als Ibrahimas kleiner Bruder verschwindet um angeblich nach Europa aufzubrechen, verlässt er seine Familie und seine Lehrstelle um seinen Bruder zu finden und zurückzuholen.

Bei dieser gefährlichen Suche wird er ausgebeutet, geschlagen und lernt auf harte Weise, was Hunger und Schmerzen bedeuten können. Und doch findet er auch immer wieder kleine Hoffnungsschimmer – andere Flüchtlinge und Verzweifelte, die trotz allem zusammenhalten.

Nach dieser beschwerlichen Reise voller Angst, Gewalt und Hilflosigkeit, erreicht er schließlich Spanien. In der baskischen Stadt Irun, findet er zu Bertsolari-Sänger Amets Arzallus, dem er seine Lebensgeschichte anvertraut.

„Kleiner Bruder ist mit Ibrahimas Stimme und Amets Händen geschrieben“

Die Flucht hat Ibrahima Balde von Guinea über Algerien, nach Libyen und wieder zurück nach Algier gebracht, von wo aus er letztendlich auf eines der Schlauchboote Richtung Europa gestiegen ist.

Die außergewöhnliche Geschichte eines Mannes, der nie vor hatte seine Heimat zu verlassen.

Berührend und zugänglich. Für alle, die sich fragen, warum so viele Flüchtlinge diese gefährlichen Routen und Risiken in Kauf nehmen.

Übersetzung: Raul Zelik

– Die Nickel Boys –

Colson Whitehead

„Früher dachte ich immer, draußen wäre draußen, und sobald man hier drin wäre, wäre man hier drin. Ich dachte, was hier im Nickel passiert, würde jeden verändern. Auch Spencer und diese Typen – draußen, in der Freiheit, sind sie vielleicht nette Leute. Freundlich. Lieb zu ihren Kindern.“ Er verzog den Mund, als würde er an einem faulen Zahn lutschen. „Aber ich war eine Weile draußen, und jetzt bin ich wieder hier drin, und deshalb weiß ich, dass es hier nichts gibt, was die Leute verändert. Hier drin ist es genauso wie draußen, nur muss hier keiner mehr so tun als ob.“

Der 16jährige Elwood Curtis wird Anfang der 60er Jahre wegen Autodiebstahls verurteilt obwohl er unschuldig ist und soll seine Strafe in der Besserungsanstalt Nickel Academy verbüßen.

Auch wenn die weißen Jugendlichen nichts zu lachen haben, steht er als Schwarzer zu Zeiten der Rassentrennung ganz unten in der Hierarchie.

Schwerste körperliche Arbeit, Korruption und fürchterliche Misshandlungen beherrschen den Alltag in der Einrichtung. Die Familien der Nickel Boys bekommen davon nichts mit oder werden belogen.

Die Jungs arrangieren sich so gut sie können und versuchen die Strafe lebend zu überstehen.

„Wenn alle wegsahen, waren auch alle Mittäter.“

Ein aufwühlendes und beklemmendes Buch welches von wahren Begebenheiten inspiriert ist. Colson Whitehead hat auf wenigen Seiten eine große Geschichte erzählt in einer leicht zugänglichen, ausdrucksvollen Sprache.

Für mich persönlich war das Thema dieser „Besserungsanstalten“ mehr als glaubwürdig. Filme wie Brubaker (den der Autor sogar im Nachwort erwähnt) oder Sleepers haben mich dahingehend aufgerüttelt.

Ein bewegender Roman, der lange nachhallt und dessen Ende einem das Herz brechen kann.

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