Ein intensives Buch, welches sich mit der Ambivalenz von Familienleben auseinandersetzt, in denen Alkoholiker das Leben aller nahestehenden Personen in irgendeiner Form nachhaltig beeinflussen.
Die junge Ich-Erzählerin “Motte” wächst mit einem Vater auf, der durch Alkohol-, Spielsucht ihr gesamtes weiteres Leben beeinflussen wird.
Seine Alkohol- und Spielsucht verändern ihn zu einem Menschen, der eine blasse Erinnerung seines früheren Ichs wird.
Doch der Alkohol verändert nicht nur ihn, auch die Familie kämpft ums Überleben. Die Mutter versucht durch die Tage zu kommen, der Bruder ist ihre Stütze…als der Vater durch seine Trinksucht arbeitslos wird, steht die Familie vor dem Ruin.
So ist es nicht verwunderlich, dass auch Motte als Erwachsene Probleme mit Alkohol hat und mit einem Trinker liiert ist. Allein ihr Bruder ist noch für sie da und gibt sie nicht auf.
Lena Schätte hat mit -Das Schwarz an den Händen meines Vaters- ein bewegendes, ja ich würde sogar sagen, sehr trauriges Buch geschrieben. Ohne Schuldzuweisungen werden darin die Auswirkungen von Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit behandelt. Absoluter Lesetipp!
Was habe ich diesen #Wohlfühlroman von Lucy Fricke gebraucht! Und wenn ich Wohlfühlroman sage, dann meine ich das in keiner Weise abwertend, sondern genau das warme, schöne und herzerwärmende Buch, welches man bei den ganzen Katastrophen und täglichen Hiobsbotschaften unserer Zeit braucht, um die Hoffnung nicht zu verlieren.
Jacob ist 50 geworden und strauchelt mit seinem Dasein, die Karriere in der Filmindustrie als Regisseur eher mittelmäßig. Er fühlt sich ausgelaugt und alt. Aus diesem Grund wünscht er auch keine Feier zu seinem Geburtstag. Doch seine beste Freundin Ellen hat ganz andere Vorstellungen und so organisiert sie für Jacob eine Reise in seine Vergangenheit. Jacob staunt nicht schlecht, als er an einem einzigen Tag immer wieder alte Bekannte trifft, die einst eine größere Rolle in seinem Leben gespielt haben. Mit jedem dieser Begegnungen lässt er die Vergangenheit Revue passieren und blickt auf die Jahre eines Menschen, der wohl doch noch nicht alles hinter sich hat und hoffnungsvoll nach vorne blicken kann.
Lucy Fricke hatte hier in meinen Augen eine großartige Idee, für eine zwar (fast) vorhersehbare Handlung, doch die liebevollen Protagonisten und die angenehm flüssige Erzählweise, lässt einen nur so durch die Kapitel gleiten. Ein berührender Roman mit dem man eine gute Zeit hat.
Während Schriftstellerin Gyeongha um die passenden Worte für ihr eigenes Testament ringt, erhält sie einen Anruf ihrer Freundin Inseon. Die ehemalige Dokumentarfilmerin hat sich wegen der Pflegebedürftigkeit ihrer Mutter auf ihre Heimatinsel Jeju zurückgezogen und arbeitet nach deren Tod seit langem als Tischlerin.
Im Krankenhaus erfährt Gyeongha was passiert ist — Inseon hat sich bei der Arbeit einige Finger abgeschnitten und kann auf Grund der aufwendigen Behandlung nicht nach Hause. Aus Sorge um ihr Haustier, ein weißer Vogel, bittet Inseon Gyeongha den Weg auf sich zu nehmen und sich um das Tier zu kümmern, denn ohne Hilfe wird es nicht überleben. Nach kurzem Zögern beschließt Gyeongha sich auf den Weg nach Jeju zu machen. Doch dies stellt sich durch einen Schneesturm als äußerst beschwerlich heraus. Geplagt von ihrer Migräne, kämpft sie sich vorwärts und es gelingt ihr den letzten Bus zu erwischen, bevor der Betrieb wegen des verheerenden Wetters stillgelegt wird.
Als sie Inseons Haus erreicht, muss sie feststellen, dass sie zu spät gekommen ist. Der Vogel ist gestorben.
Am nächsten Morgen steht plötzlich Inseon vor ihr und auch der Vogel ist offenbar noch am Leben. Hat sie dies alles nur geträumt oder handelt es sich hierbei um Geister…Gyeongha vermag Traum nicht mehr von Realität zu unterscheiden und lässt sich von Inseon durch ein wichtiges, aber dunkles Kapitel der koreanischen Geschichte führen.
Durch Inseons Familiengeschichte entfaltet sich das ganze Grauen des Jeju-Massakers von 1948. In ihrem Atelier findet Gyeongha Dokumente, Berichte und Artikel über das grausame Ereignis, welches 30.000 Menschen das Leben kostete und viele Jahrzehnte lang von der Regierung totgeschwiegen wurde.
Ein kräftezehrendes Buch voller Symbolik, über unvorstellbare Verbrechen und die Verdrängung.
Trotz der Schwere des Themas schafft es Han Kang wieder einmal durch ihre leise, sanfte Erzählkunst einen beeindruckenden Roman über Traumata, Schmerz und Erinnerung abzuliefern.
Im Wechsel zwischen Vergangenheit und Heute, zwischen Traum und Wirklichkeit erzählt Kang in geschickten Verflechtungen die Erfahrungen, die inneren Kämpfe, die tief verwurzelte Trauer, Abscheu und den Schock der koreanischen Gesellschaft über das Jeju-Massaker.
Ein dunkles Kapitel welches sich im kollektiven Bewusstsein Südkoreas eingebrannt hat. 30.000 Leben die ausgelöscht wurden, ihre Körper in Massengräbern verscharrt und ihr Schicksal von den Behörden unter Verschluss gehalten.
Ein tiefgründiger Roman, der mich nachhaltig beeinflusst hat. Die Ergebnisse meiner Recherchen zum Jeju-Massaker haben mich sprachlos zurückgelassen. Ich war tagelang nicht in der Lage eine Rezension zu schreiben oder ein neues Buch anzufangen.
“Elfjährige ertränkt sich, die Lehrerin verschwindet.”
Die Lehrerin Silvia erfährt aus der Zeitung, dass sich ihre Schülerin Giovanna das Leben genommen hat. Kurz nachdem Silvia bei den Eltern angerufen hat um etwas zu besprechen, stürzte sich das junge Mädchen in den Wildbach vor ihrem Fenster.
Von Schuldgefühlen geplagt geht Silvia nicht in die Schule zurück, sondern begibt sich in den nahegelegenen Wald.
Silvia, einst ein Waisenkind, lebte im Internat und kennt die Härte, die Erwachsene Kindern entgegenbringen können. Sie versteht die jungen Schüler:innen, die regelmäßig mit blauen Flecken zur Schule kommen und möchte etwas bewirken. Niemals hätte sie gedacht, dass der Anruf bei Giovannas Eltern das Mädchen in solch eine Verzweiflungstat treibt.
Das Verschwinden Silvias besorgt die Gemeinde im Dorf und es kommt schnell zu Suchmannschaften, deren Bemühungen allerdings fruchtlos bleiben.
Während Silvia in einer Kapelle im Wald vor Kummer, Verzweiflung und Schock vor sich hinvegetiert, versuchen Silvias Angehörigen die Ereignisse zu verstehen und die Hoffnung nicht zu verlieren.
Eines Tages beschließt der asthmatische Martino, ein Schüler der kürzlich von Turin in das Dorf gezogen ist, sich selbst auf die Suche nach der Lehrerin zu begeben. Schon bald findet er Silvia in einem desolaten Zustand. Sie ringt ihm das Versprechen ab, ihren Aufenthaltsort geheim zu halten. Fortan versorgt Martino die Lehrerin mit Essen und Wasser, hadert aber immer wieder bei dem Gedanken, ob es richtig ist das Geheimnis um Silvias Versteck für sich zu behalten.
Für mich war der Roman eine Art melancholischer Waldspaziergang. Die ständigen Perspektivwechsel, die vielen Charaktere und auch Zeitsprünge haben mich dieses Buch sehr langsam, sehr aufmerksam lesen lassen. Es geht um Verzweiflung, Trauer und Schuldgefühle nach dem Verlust eines geliebten Menschen, oder eines Menschen für den man sich verantwortlich fühlt. Eine lähmende Sprachlosigkeit, die die Lehrerin in den stillen Wald flüchten lässt, in dem sie nur noch in ihrer Erinnerung zu leben scheint.
Als großer Elena Ferrante Fan habe ich mich von @literarischernerd s Empfehlung (ich glaube auch, dass es eigentlich auch nur speziell mit mir gesprochen hat) sofort inspirieren lassen und noch vor Ort bei der #muenchnerbuecherschau im #hausderkunst ein Exemplar bei der @glockenbuchhandlung gekauft.
Kleiner Tipp: Um in die Stimmung einzutauchen, habe ich über Kopfhörer Forrest Sounds gehört. Unglaublich intensiv!
“Keine Jagd ist wie die auf Menschen, und jene, die lange genug bewaffnete Männer gejagt haben, werden sich danach für nichts anderes mehr interessieren.” (Ernest Hemingway)
Hunter White, weiß, reich, Amerikaner und begeisterter Großwildjäger, reist erneut nach Afrika. (in welchen Teil bleibt ungesagt) Auf dem Land seines Freundes und Geschäftspartners Van Heeren will er seine “Big Five” vollmachen. Er möchte mit der kürzlich erworbenen Jagdlizenz ein Spitzmaulnashorn erlegen. Nach zwei Tagen Suche in der afrikanischen Savanne, muss er wütend feststellen, dass Wilderer ihm zuvorgekommen sind und ihn um -seine- Trophäe gebracht haben.
Während er seine Wut mit Van Heeren auf einem Hochsitz verrauchen lässt und sie die ansässigen Buschmänner beim Jagen beobachten, macht ihm Van Heeren ein neues Angebot…
Was für einen unglaublich krassen, intensiven und erschütternden Roman Gaea Schoeters geschrieben hat, bei dem einem erstmal die Worte fehlen.
Die Autorin zeichnet das Bild eines Jägers, der nicht etwa schießwütig und blutrünstig durch die Steppe rennt, sondern die Jagd als etwas Notwendiges legitimiert um Natur und Menschen in Balance zu halten. Stellenweise klingen Hunters Einstellung, die Rechtfertigungen nachvollziehbar und logisch, was ihn beinahe sympathisch werden lässt. Doch dies wird auf den nächsten Seiten direkt wieder ausgehebelt und als das bloßgestellt, was es ist. Eine Perversion, die man sich mit dem nötigen Kleingeld leisten kann, in Ländern die von Kolonialismus und Resourcenraub gebeutelt zurückgelassen wurden.
Den Protagonisten “Hunter White” zu nennen ist ein genialer Kniff par excellence, denn natürlich ist es “der weiße Mann”, der nicht etwa an der Kultur und den Menschen in afrikanischen Ländern interessiert ist, sondern diese bereist um sie auszubeuten, sich zu nehmen – in diesem Fall zu schießen – was er möchte. Welche Auswirkungen sein Handeln auf die Bevölkerung hat ist für ihn irrelevant. Vielmehr sieht er diese “Entwicklungsländer” als seine Spielwiese, auf der er sich frei bedienen kann.
Ein außergewöhnliches und schockierendes Leserlebnis!
-Beben in uns- ist der dritte Roman von Jakub Małecki, der ins Deutsche übersetzt wurde. Vielen Dank an Christian vom @secession_verlag der mir auf der #fbm 2024 ein Exemplar in die Hand gedrückt hat.
Die Handlung beginnt im ländlichen, armen Polen während des zweiten Weltkriegs. Der junge Jan Łabendowicz wurde bei der Zwangsaussiedlung rein zufällig vergessen und gemeinsam mit Irena der Deutschen Frau Eberl zugewiesen, für die er nun arbeiten muss. Als nach einigen Jahren die Rote Armee anrückt und Frau Eberl flüchten muss, verweigert Janek ihr seine Hilfe, weshalb seine ehemalige Arbeitgeberin ihn und seine Familie verflucht. Daraufhin kommt das nächste Kind Wiktor mit Albinismus zur Welt. Für die abergläubischen Mitbürger im Dorf wird Wiktusz fortan zum Hassobjekt, ihm wird für allerlei Unglücke die Schuld zugeschoben und ein ums andere Mal wird er von anderen verprügelt und beleidigt. Seine Schuld und Gedanken an Frau Eberl werden Janek sein gesamtes Leben belasten.
Bronek Gelda wird von einer Roma verflucht, weil er ihre Kunst des Vorhersagens als Humbug abtut und sie beschimpft. Als seine sechsjährige Tochter Emilia durch eine Explosion schwer verbrannt und am ganzen Körper von Narben entstellt wird, versucht Bronek die Roma zu finden um so den Fluch zu brechen.
So ist es nicht verwunderlich, dass die beiden vom Schicksal gebeutelten Emilia und Wiktor ein Paar werden. Doch auch ihr gemeinsames Leben wird von Umständen beherrscht, denen scheinbar nicht zu entkommen ist.
Jakub Małecki verwebt die Geschichten zweier einfacher Familien vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und politischer Wendungen. Für mich hat er hier die polnische Mentalität, deren Fähigkeit es ist, die widrigsten, dunkelsten Stunden zu ertragen, zu überstehen und weiterzumachen, sehr gekonnt eingefangen. Trotz aller Tragik liegt es in der polnischen Natur eine Art zynischen Galgenhumor beizubehalten und auch diese feinen Noten lassen sich immer wieder in dieser oft düsteren Lektüre finden. Insbesondere diese Feinfühligkeit hat mir ein nostalgisches Lesevergnügen beschert.
“Gehst du durch das erste Tor, denkst du: Dies ist deins und dies ist meins. Gehst du durch das zweite, dann das dritte Tor, erkennst du: Dies ist deins und meins. Aber erst wenn du das vierte Tor durchschritten hast, siehst du: Das hier ist weder meins noch deins.”
Die 29-jährige Alev ist, wie so viele Kinder von Einwanderern, ein “Kind” zweier Welten. Seit jeher ringt sie immer wieder im Alltag nach Worten, die ihr Familienleben, ihre Herkunft und ihr Dasein richtig erklären könnten. Ihr Vater Mithat emigrierte in den Siebzigern von der Türkei nach Köln, da er und seine Familie als Aleviten Vorurteilen, Verfolgung und Repressalien ausgesetzt sind. Über die Jahre, mit zahlreichen Besuchen in Istanbul und Hacibektaş, findet Alev Zugang zu den Geschichten ihrer Onkel, Tanten, Cousins und letztendlich auch zu ihrer eigenen. Das Schweigen war für viele Aleviten jahrzehntelang der einzige Schutz um zu überleben. Doch langsam fühlt Alev, dass nicht immer geschwiegen wurde — vielleicht hat sie bisher nur noch nicht verstanden.
Leyla Bektaş hat eine kluge, berührende Familiengeschichte in ruhigen, greifbaren Tönen geschrieben. Multiperspektivisch erzählt sie von Unterdrückung, Schicksal und dem Versuch die Vergangenheit nicht zu vergessen, die eigene Identität zu benennen und um Hoffnung für die Zukunft. Mit viel Fingerspitzengefühl verwebt sie die Erinnerungen des Bruders mit den Geschichten des Vaters und den Erfahrungen der anderen Familienmitglieder zu einem eingängigen Epos und legt Stück für Stück frei, welche Gefühle und welcher Schmerz damit einhergehen kann einer Minderheit anzugehören, politisch verfolgt zu werden und im Exil zu leben.
In ihrer Verwirrung und Stummheit betreffend ihrer Herkunft, habe ich mich Alev sehr verbunden gefühlt. Auch wenn meine Migra-Geschichte so ganz anders ist, waren Alevs Gefühle doch sehr nah bei meinen. Und so schließt sich für mich wieder der Kreis, dass eines jeden Menschen Geschichte in irgendeiner Weise mit der eines anderen verwoben ist.