– Vaters Meer –

Deniz Utlu

“Der erste Satz, den er mit den Augen sprach: Öldüm sandim. Mutter und Sema atmeten auf, sie hatten die Verbindung zu meinem Vater wiederhergestellt. Sein erster Satz lautete: Ich dachte, ich sei tot.”

Yunus’ Vater Zeki hatte zwei Schlaganfälle und befindet sich seitdem im Locked-in-Syndrom. Fast vollständig bewegungsunfähig kann er nur noch über seine Augen kommunizieren. Seine Augenzunge. Während Yunus zum stetigen Lernen für die Schule angehalten wird, kümmert sich Mutter Senem aufopfernd sowohl um ihren Mann, der zum völligen Pflegefall wurde und die Erziehung ihres Sohnes.

“Wer je nur einen Moment die Erde berührt hat, der ist für immer hier, denkt er. Zeki atmet ein, tief zieht er diese Welt in seinen Körper, das Leben schmeckt nach Meer.”

Als Yunus für sein Studium die elterliche Wohnung verlässt, nimmt er die Geschichten rund um seinen Vater und seine Familie mit. Mit dem eigenen Erwachsenwerden nimmt er das bewegende Erwachsenwerden des Vaters unter die Lupe, jede Niederlage, jeden Erfolg, jede neue Sprache, die seit dessen Abreise aus Mardin hinzugekommen ist.

“Ich stelle mir vor, dass der eine hört, was ich dem anderen sage. Aber wie im Traum. Unter Wasser gesprochen. Wo die Wässer der Erinnerungen und jene der Imagination ins selbe Meer fließen.”

In den Erinnerungen fühlt er sich seinem Vater nah und versucht darauf sein eigenes Leben aufzubauen.

“Ich kenne den Weg zu meinem Vater.”

Dieser Roman hat mich durchgehend in eine melancholische Sehnsucht versetzt. Die Bilder und Erinnerungsfragmente sind wunderschön, hochatmosphärisch und voller Wärme. Deniz Utlu findet sensible Worte für eine Familie derer schmerzlichsten und schönsten Momente wir Zeuge werden.

Für mich ein unvergessliches Buch.

(unbezahlte Werbung/ selbstgekauft) erschienen bei Suhrkamp Verlag

– Sehr blaue Augen –

Toni Morrison

“Sonst spricht ja niemand darüber, aber im Herbst 1941 gab es keine Ringelblumen. Wir dachten damals, die RIngelblumen wachsen nicht, weil Pecola ein Baby von ihrem Vater bekommt.”

So schonungslos beginnt der Roman. Das Buch ist in vier Jahreszeiten unterteilt und beginnt im Herbst. Fragmentarisch und aus unterschiedlichen Blickwinkeln erfahren welche Auswirkungen Rassismus, Colorism und Ausgrenzung auf Schwarze Menschen hat. Welche Wunden das System den Betroffenen zufügt, weil es sie als minderwertig und schlecht erachtet und wie wenig Chancen haben aus diesem Teufelskreis auszubrechen.

Pecola Breedlove wächst lieblos und in völliger Armut auf. Aus ihrer und der Sicht anderer wird ihr Lebensweg erzählt und was sonst noch in der Kleinstadt Lorain geschehen ist.
Pecolas Mutter arbeitet im Haushalt für Weiße und kümmert sich liebevoll um deren kleine Tochter, während sie ihrer eigenen die Zuwendung versagt. Pecola wünscht sich nichts sehnlicher als selbst blaue Augen — so könnte auch sie geliebt werden, denkt sie.

Fazit: 
In ihrem Debütroman von 1970, in der Neuübersetzung von Tanja Handels, sprach Toni Morrison über Themen, die bis heute leider nur wenig an Relevanz verloren haben.
Rassismus, Sexismus und patriarchale Unterdrückung sind nach wie vor sehr große gesellschaftliche Probleme und ziehen sich durch alle Lebensbereiche wie Schule, Beruf und Medizin. Was das alles bereits in Kindern und deren unschuldigen Seelen auslöst, kann man hier in detailreich ausgearbeiteter und präzise niedergeschrieben lesen.

Ich bin schon lange eine begeisterte Verfechterin von Toni Morrison und ihrem Werk welches ich uneingeschränkt empfehle. ♥️

Danke liebe Tuana (@tuanas.books )für das Buch! ♥️🌺 

– Die Wunde –

Oxana Wassjakina

Oxana Wassjakina hat mit -Die Wunde- einen anspruchsvollen Debütroman hingelegt.
Kurz und knapp gesagt, begleiten wir die lesbische Protagonistin bei ihrer Trauerbewältigung nach dem Tod der schwerkranken Mutter.
Ihr Leben lang war das Verhältnis zur Mutter eher angespannt und doch geht deren Tod selbstverständlich nicht spurlos an ihr vorbei.
Zwei Monate braucht es um die Urne nach Hause, nach Sibirien, zu bringen. In dieser Zeit erleben wir, wie die Autorin sich erinnert und verarbeitet.

Während des Schreibprozesses wandern ihre Gedanken zurück in ihre Kindheit, der nüchternen Beziehung zur Mutter, dem Bewusst werden ihrer (Homo-) Sexualität und dem Aufwachsen in der russischen Kultur.
Hier stöbert sie immer wieder Berührungspunkte zu ihrer Mutter auf und beleuchtet die generationsübergreifend Themen, um die eigenen Eltern besser verstehen zu können.

Für mich war dieses Buch wunderschön “russisch” geschrieben, komplex, vieles spielt sich auf einer anderen Ebene ab, man findet sehr viele Töne zwischen den Zeilen.

Übersetzung: Maria Rajer
Erschienen bei Blumenbar/ @aufbau_verlage

Vielen lieben Dank @literaturtee für dieses schöne, wertvolle Geschenk! Ich denke sehr viel an das tolle Wochenende. 

– Übertretung –

Louise Kennedy

In diesem packenden, nachdenklich machenden Roman lesen wir über eine gespaltene Gesellschaft im Belfast der 70er Jahre.

Cushla Lavery, 24 Jahre alt, ist Lehrerin und hilft in der von ihrem Bruder Eamonn geführten Bar aus. Zudem kümmert sie sich noch um ihre Mutter Gina, die sie mit ihrem immer krankhafteren Alkoholproblem und deren Folgen in Atem hält.

Ein normales Leben ist nicht möglich, da die Unruhen und Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten auf ihrem Höhepunkt sind und der Alltag aller von Feindseligkeiten auf Grund von Zugehörigkeit und Religion geprägt ist.

Das Vertrauen unter den Mitmenschen ist stark beschädigt, die Fronten scheinen verhärtet, immer wieder steht die Frage im Raum auf welcher Seite jemand steht und welche “die Richtige” ist.

In diesen schmerzhaften, fast schon hoffnungslosen Zeiten versucht Cushla durchzukommen. In der Bar trifft sie auf den den deutlich älteren Prozessanwalt Michael Agnew. Michael ist deutlich älter, verheiratet und dazu Protestant. Cushla beginnt eine intensive Liebesbeziehung zu ihm. Neben ihren heimlichen Treffen mit Michael, kümmert sie sich mitfühlend um den Schüler Davy und seine Familie, die ein hartes Leben führen und um ihre Existenz bangen, nachdem der Vater überfallen und zusammengeschlagen wurde. Dadurch bringt Cushla sich und ihre Familie allerdings ebenso in Gefahr, da es Strömungen gibt, die so etwas nicht gerne sehen.

Louise Kennedy hat einen gelungenen, temporeichen Roman geschrieben, der ein dunkles Kapitel in der irischen Vergangenheit mit eindrücklichen Szenen und dichter Atmosphäre beleuchtet.

Auch wenn ich über den gesamten Nordirlandkonflikt nicht im Detail informiert war, konnte ich der Handlung dennoch folgen und mir die Bedrohung durch politisch motivierte Anschläge und die damaligen Konflikte sehr gut vorstellen. Bei allen Beschreibungen zeigt die Autorin nie mit dem Finger auf – die eine schuldige Seite- sondern erzählt ausdrucksstark wie die Spaltung der Bevölkerung Misstrauen, Opfer und Hoffnungslosigkeit hervorbringt.

Danke @echo_books für dieses tolle Geschenk 

Übersetzung: Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser

Unbezahlte Werbung

– Migrantenmutti –

Elina Penner

„Es ist Alltag für Migras. Das Ankommen, das Erklären, das Nachreichen, das Einreichen, das Abstempeln, das Versprechen, das Durcheinanderbringen, das Vergessen, das nicht-Wissen, das Kontrollieren, das Nachfragen, das Beleidigen. Das Nicht-gut-genug-Sein und das Sich-Wundern, ob das mal anders wird, für die eigenen Kinder, die nun bald in dritter oder vierter Generation in Deutschland leben, natürlich Deutsche sind.“

Über diese alltäglichen Beobachtungen und die Klassenunterschiede, die in unserer gesellschaftlichen Landschaft zwischen Deutschen und Migras bestehen, schreibt Elina Penner aka Migrantenmutti mit Scharfsinn, Witz und gesalzenen, klugen Sätzen.

Viel Tacheles mit ironischem Ton trifft auf die Feinheiten zwischen Arbeiterklasse und der Oberschicht, bringt Beispiele über die kleinen großen Unterschiede zwischen privilegierter deutscher und migrantischer Elternschaft. Über das Aufwachsen mit anderen familiären Strukturen, anderem Essen, anderen Sitten und wie schwer es einem gemacht wird oder wie unmöglich es ist aufzusteigen, wenn man nicht den -richtigen- Background hat. 

Ihre satirischen Essays haben mir so einige Lacher, aber auch so manches Mal ein zynisches Schmunzeln abverlangt.

Mit jedem Text hält sie der Gesellschaft den Spiegel vor und regt zum Nachdenken an.

Wer @elinapenner kennenlernt, merkt schnell welche Naturgewalt diese @migrantenmutti ist. Mir war sie von der ersten Sekunde an sympathisch, lustig und lebensklug. Diese Attribute findet man in ihrem Sachbuchdebüt welches ich wärmstens empfehle. 

– Die Möglichkeit von Glück –

Anne Rabe

“So habe ich mir das vorgestellt. Der Holocaust und der Krieg, das war irgendwas in Polen und in Berlin. Stalingrad, das war in Russland und sehr weit weg.”

So empfindet es Stine, die 1986 in der DDR geboren wurde, und in der Gegenwart nach Antworten in ihrer Familiengeschichte sucht. Welche Rollen hatten -damals- ihre Großväter Paul und Arndt? Was haben sie alles getan während des Krieges und zu Zeiten der Mauer?

Sie gräbt sich durch Papiere, Unterlagen und durch Archive.

Auf den Spuren der Vergangenheit kommt Stine nicht umhin sich zu fragen, welche Beweggründe für das große Schweigen dieser Generationen vorliegen. Bis heute will niemand Täter gewesen sein, niemand etwas gewusst haben.

“Die Bilder die unseren Geschichtsunterricht begleiteten, zeigten bloß das Berlin des beginnenden 20. Jahrhunderts oder gleich Nazis, Holocaust und Auschwitz, Kahlgeschorene Menschen in Schwarz-Weiß, mit Schildern um den Hals, die sie denunzieren sollten. Schlimm sah das aus, aber auch sehr weit weg.”

Im zweiten Handlungsstrang kämpft sie gegen die psychischen Verwundungen, die ihre grausame Mutter ihr und ihrem kleinen Bruder Tim mit ihren Erziehungsmethoden zugefügt hat. Während Tim alles von sich schiebt und sich mit den Traumata nicht auseinandersetzen will, hinterfragt Stine ein ums andere Mal die Motive ihrer gewalttätigen Mutter. Den Kontakt hat sie schon seit Jahren abgebrochen. Das Verhältnis ist zerrüttet, die Angst immer noch groß. Umso aufgewühlter ist sie, als ihre Mutter rechtliche Schritte einleiten möchte um ihr Enkeltochter sehen zu können.

Das Thema des Buches ist sicherlich nicht neu und doch hochaktuell. In den letzten 2 Jahrzehnten kamen immer wieder Stimmen auf, die fordern, dass man die Vergangenheit endlich mal gut sein lassen sollte und doch zeigen die NSU Morde, Anschläge/ Morde wie die in Halle und Hanau und auch der aktuelle bundesweite Rechtsruck, dass die Ideologien von damals immer noch Einzug hält in unsere geschichtlich aufgeklärte Welt.

Ein starkes Buch, welches ich einige Mal zur Seite legen musste um erst einmal Luft zu holen. Es regt definitiv zum Nachdenken an und bietet starkes Gesprächspotential. Die Protagonistin findet für sich die ein oder andere Erklärung bezüglich ihrer Familie und deren Umgang mit alten Werten, die über die Jahre und mit Regierungswechseln an Bedeutung verloren haben.

Anne Rabe hat ein richtig gutes und wichtiges Buch geschrieben. Für mich bleibt die Entscheidung über den Sieger des diesjährigen Deutschen Buchpreises wirklich völlig unverständlich. Dies hier wäre ebenso ein weitaus besseres Siegerbuch gewesen.

Unbezahlte Werbung/ selbstgekauft. Erschienen bei Klett-Cotta Verlag

– Vatermal –

Necati Öziri

“Du musst wissen, Metin, für mich hatten Väter immer etwas Angsteinflößendes. Wenn ich mir vorstelle, wie es gewesen wäre, bei dir aufzuwachsen, was du etwa davon gehalten hättest, dass ich entschied, Literatur zu studieren, dann steigt dieselbe Angst in mir hoch. Allerdings wird sie inzwischen schnell wieder eingeholt von der Erleichterung, dass ich nie von deinem Brot gegessen habe und ich dir nichts schulde, keine Rechenschaft und keine Erklärung.”

Zu diesem Buch gibt es nicht mehr all zu viel zu sagen als: Lest es.

Es gibt so viele gute, treffende Rezensionen mit Worten, die Gefühle transportieren, die ich beim Lesen fühlte, aber nicht imstande wäre sie so gut auszudrücken.

Wie zum Beispiel: @echo_books @tuanas.books @_erlesenes @literaturtee @christiansimon_ die ihr alle auf Instagram finden könnt.

Unnötig zu sagen, dass es für mich der eigentliche Sieger des Buchpreises gewesen wäre. Vermutlich war es zu viel in einem Jahr zwei Autoren als Sieger zu küren, deren Eltern türkische Einwanderer sind. (Ja. Sarkasmus.)

Unbezahlte Werbung/ selbstgekauft. Erschienen bei Claassen von Ullstein Verlage