– Wir Töchter –

Oliwia Hälterlein

Mit -Wir Töchter- ist Oliwia Hälterlein ein eindrucksvoller, bewegender und zugleich historisch vielschichtiger Roman gelungen. Die Geschichte von Marianna, Roża und Waleria hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt.

Wir lesen über drei Frauen, deren Leben eng mit den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verwoben sind und die trotz aller Entbehrungen, Verluste und Herausforderungen ihren eigenen Weg zu finden versuchen.

Besonders beeindruckt hat mich, wie authentisch und lebendig die Autorin das Leben in der Sowjetunion und in Polen während der Zeit großer gesellschaftlicher und politischer Veränderungen schildert. Die Auswirkungen von Krieg, Repression, Mangelwirtschaft und staatlicher Kontrolle werden ebenso greifbar wie die Hoffnungen, die mit den Veränderungen durch die Solidarność-Bewegung verbunden waren. Dabei zeigt der Roman eindrücklich, welchen Risiken Menschen damals ausgesetzt waren und welche Opfer sie bringen mussten, um sich ein selbstbestimmtes Leben zu bewahren.

Die historischen Ereignisse bilden jedoch nie bloß die Kulisse. Vielmehr werden sie durch die Lebensgeschichten von Marianna, Roża und Waleria erfahrbar. Gerade dadurch entsteht eine große emotionale Nähe zu den Figuren. Während des gesamten Buches habe ich mit diesen starken Frauen mitgefühlt – mit ihren Ängsten, ihrem Mut, ihren Enttäuschungen und ihrer Widerstandskraft.

Besonders berührt hat mich die Beschreibung dieses Dazwischenseins – des Gefühls, als Kind von Migranten mit einem Fuß in der Welt der Eltern (geboren) und mit dem anderen in der eigenen aufzuwachsen. Dieses Leben zwischen zwei Kulturen, Erinnerungen und Lebensrealitäten hat die Autorin so treffend eingefangen, dass ich mich darin immer wieder selbst wiedergefunden habe. Viele Gedanken, Konflikte und familiäre Dynamiken kamen mir erstaunlich vertraut vor.

Ein weiterer Aspekt, der mich besonders berührt hat, waren die immer wieder eingestreuten polnischen Wörter und Ausdrücke.

Polnisch ist für mich eine Sprache voller Erinnerungen und Emotionen. Eine Sprache, deren Worte als Fremde über meine Zunge stolpern, doch in meinem Herzen immer zuhause sind. Gerade deshalb haben die polnischen Passagen in diesem Roman etwas in mir berührt, das weit über die eigentliche Geschichte hinausgeht. Gerade deshalb fühlte sich die Lektüre für mich nicht nur wie die Geschichte dieser drei Frauen an, sondern auch wie eine Begegnung mit Teilen meiner eigenen Vergangenheit.

-Wir Töchter- ist für mich ein Roman über Familie, Herkunft, Erinnerung und die Stärke von Frauen über Generationen hinweg. Vor allem aber ist es ein Buch, das mich emotional tief erreicht hat. Selten habe ich mich in einem Roman so wiedergefunden. Vielleicht hat mich diese Geschichte deshalb so bewegt: Weil sie mir nicht nur die Geschichte von Marianna, Roża und Waleria erzählt hat, sondern auch ein Stück meiner eigenen. Und weil sie mir das Gefühl gegeben hat, polnischer denn je zu sein.

Veröffentlicht von booksandtwins

Books/ Twinmom/ Reader/ Writer There's just parts of me that you can't have. No-one can.

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