– Wie meine Familie das Sprechen lernte –

Leyla Bektaş 

“Gehst du durch das erste Tor, denkst du: Dies ist deins und dies ist meins. Gehst du durch das zweite, dann das dritte Tor, erkennst du: Dies ist deins und meins. Aber erst wenn du das vierte Tor durchschritten hast, siehst du: Das hier ist weder meins noch deins.”

Die 29-jährige Alev ist, wie so viele Kinder von Einwanderern, ein “Kind” zweier Welten. Seit jeher ringt sie immer wieder im Alltag nach Worten, die ihr Familienleben, ihre Herkunft und ihr Dasein richtig erklären könnten.
Ihr Vater Mithat emigrierte in den Siebzigern von der Türkei nach Köln, da er und seine Familie als Aleviten Vorurteilen, Verfolgung und Repressalien ausgesetzt sind.
Über die Jahre, mit zahlreichen Besuchen in Istanbul und Hacibektaş, findet Alev Zugang zu den Geschichten ihrer Onkel, Tanten, Cousins und letztendlich auch zu ihrer eigenen.
Das Schweigen war für viele Aleviten jahrzehntelang der einzige Schutz um zu überleben. Doch langsam fühlt Alev, dass nicht immer geschwiegen wurde — vielleicht hat sie bisher nur noch nicht verstanden.

Leyla Bektaş hat eine kluge, berührende Familiengeschichte in ruhigen, greifbaren Tönen geschrieben. Multiperspektivisch erzählt sie von Unterdrückung, Schicksal und dem Versuch die Vergangenheit nicht zu vergessen, die eigene Identität zu benennen und um Hoffnung für die Zukunft. Mit viel Fingerspitzengefühl verwebt sie die Erinnerungen des Bruders mit den Geschichten des Vaters und den Erfahrungen der anderen Familienmitglieder zu einem eingängigen Epos und legt Stück für Stück frei, welche Gefühle und welcher Schmerz damit einhergehen kann einer Minderheit anzugehören, politisch verfolgt zu werden und im Exil zu leben. 

In ihrer Verwirrung und Stummheit betreffend ihrer Herkunft, habe ich mich Alev sehr verbunden gefühlt.
Auch wenn meine Migra-Geschichte so ganz anders ist, waren Alevs Gefühle doch sehr nah bei meinen.
Und so schließt sich für mich wieder der Kreis, dass eines jeden Menschen Geschichte in irgendeiner Weise mit der eines anderen verwoben ist.

Erschienen bei: @nagel_und_kimche

[Rezensionsexemplar]

Veröffentlicht von booksandtwins

Books/ Twinmom/ Reader/ Writer There's just parts of me that you can't have. No-one can.

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