Kaleb Erdmann

-Die Ausweichschule- von Kaleb Erdmann ist ein respektvolles Herantasten an ein sensibles, schweres Thema und die Aufarbeitung von Traumata in einem genreübergreifenden, autofiktionalen Format.
Erdmann war 11 Jahre alt und Schüler am Gutenberg Gymnasium in Erfurt, als ein Amokläufer am 26. April 2002 die Schule stürmte und elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizisten und letztendlich sich selbst erschossen hat.
Ebenso wie er, erlebt auch sein gleichaltriger Ich-Erzähler die unvorstellbaren Ereignisse, die ihn trotz Therapie noch 20 Jahre später beschäftigen und ihn an seinen Erinnerungen zweifeln lassen.
Als Schriftsteller versucht er sich der Thematik literarisch zu nähern, liest hierzu Berichte über den Tathergang, Interviews, Zeitungsberichte, füllt Lücken im eigenen Kopf und zählt auf Gespräche mit einem Dramatiker, der einen Amoklauf als Stück auf der Bühne produzieren möchte.
Da das Gutenberg Gymnasium nach dem Anschlag kernsaniert wird, werden die Schüler*innen in die Ausweichschule Herrenberg verlegt.
Während der Ich-Erzähler die Erinnerungen zu Papier bringt, setzt er sich immer wieder mit der Schuldfrage sowie Verantwortlichkeiten auseinander und reflektiert wie weit er sich die Geschichte zu eigen machen darf, ja gar wie sehr es vertretbar ist sich dieser schriftstellerisch zu bemächtigen, ohne das Andenken der Toten und den Schmerz der Angehörigen zu beschmutzen.
Es wundert mich überhaupt nicht, dass -Die Ausweichschule- in aller Munde und für den Deutschen Buchpreis nominiert ist.
Kaleb Erdmann hat einen eindrücklichen Text über den Umgang mit Trauma und Trauer in der Literatur, dem Nacherzählen geschrieben.
Gleichzeitig beklemmend, sensibel und oft erstaunlich leicht trotz der Schwere, schafft er es das Thema nicht reisserisch auszuschlachten, sieht von Schuldzuweisungen ab und schafft Räume in denen auch heute noch Aufarbeitung für Hinterbliebene möglich wird, selbst wenn die Erinnerungen im gesellschaftlichen Gedächtnis bereits tief vergraben scheinen.
Ich war Anfang 20 als der Amoklauf von Erfurt geschah und kann mich schwach erinnern an Interviews, Nachrichten und als Zockerin an die damalige Egoshooter-Diskussion. Jedoch konnte ich sehr schnell wieder meine Erinnerungen anzapfen und war beim Lesen Seite für Seite tief bewegt.
Wie es der Zufall so will, arbeite ich mit einem junge Kollegen zusammen, der aus Erfurt stammt. Im Gespräch über Erdmanns Roman und die literarische Annäherung an den Amoklauf, konnte ich sehen wie sich etwas in seinem Gesicht veränderte. Ich weiß nicht ob ihm dies selbst bewusst war. Er wurde erst nach 2002 geboren, jedoch ist der Amoklauf bis heute im Erfurter Bewusstsein fest verankert. Die schmerzhafte Geschichte ist nach wie vor präsent, das kernsanierte Gutenberg Gymnasium gilt mittlerweile wieder als gute Schule. Jährlich hört man als Zeichen der Anteilnahme und zum Gedenken an die Opfer am 26. April in Erfurt Glockengeläut.
Das Buch bringe ich ihm heute mit. Er möchte es lesen.
Erschienen bei ParkxUllstein
[unbezahlt|selbstgekauft]