– Monster –

Yishai Sarid

„Der Ausdruck >>wie Schafe zur Schlachtbank<< darf man nicht mehr verwenden, habt ihr uns im Fremdenführerkurs eingebläut, auch an der Universität ist er absolut tabu. Ich habe ihn tatsächlich folgsam vermieden, obwohl wir doch beide wissen, dass er noch zu milde und barmherzig ist, denn Schafe tötet man nicht mit Gift, man schlachtet sie, erbarmt sich des Fleisches und der Wolle, man liebt die Schäfchen, streichelt die Ziegen, füttert sie mit frischem Gras, doch die Juden hat man mit Schädlingsbekämpfungsmitteln, mit Rattengift umgebracht.“

Ein israelischer Historiker und Tourguide verfasst einen schriftlichen Bericht an seinen Vorgesetzten, den Direktor der Yad Vashem Gedenkstätte, über seine Arbeit und seine berufliche Laufbahn.

Der namenlose Mann ist ein Experte auf seinem Gebiet, schrieb seine Doktorarbeit über das Thema „Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg“ und führt Schul-/Reisegruppen an die Orte, an denen eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte verübt wurde – die Vernichtung von über 6 Millionen Juden.

Sachlich und distanziert klärt er auf über Selektion, Gewaltmärsche, Leichenberge und das Scheren von Haaren und ziehen von Goldzähnen. Er führt Schulklassen und sogar auch Minister durch Auschwitz-Birkenau, Sobibor, Treblinka.

Mit jeder Führung taucht der namenlose Ich-Erzähler tiefer in die Thematik ein und stellt sich die Frage, wie er gehandelt hätte. Hätte er als Kapo zur damaligen Zeit ebenso kollaboriert um zu überleben und wieviel Überlebenswillen muss man aufbringen um so ein Grauen zu überstehen?

Zudem zeigt er sich irritiert über die Form der Trauerbewältigung und Erinnerungskultur der Schüler, die sich in die Flagge Israels wickeln und die Nationalhymne singen.

Während er seine Arbeit als Guide mit professioneller Sachlichkeit ausübt, beginnt er sich immer mehr zu verändern. Die Opfer verfolgen ihn in Träumen, er hört sie tuscheln, sieht sie an den Rampen zur Gaskammer. Mit der Zeit verwahrlost auch sein Äußeres immer mehr und bei den Führungen weicht er von seiner obligatorischen Durchführung immer mehr ab.

Er beginnt mit Metaphern zu provozieren und konfrontiert die Zuhörer mit brutalen Fakten. Dieses eigenwillige Verhalten kratzt an seiner Reputation und die Aufträge werden immer weniger, bis er zuletzt einem deutschen Regisseur als Guide und als Token des jüdischen Historikers dienen soll.

Ist es nicht endlich einmal genug? Sollte man die Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen? Allzu oft hört man diese Sätze, wenn es um die Erinnerung und die Verantwortung mit der Geschichte um die Shoa geht.

Die Antwort darauf – nein!

Yishai Sarid hat ein schonungsloses und gleichermaßen beeindruckendes Buch über das Erinnern und das Erbe geschrieben.

Der Holocaust kann und darf nicht vergessen werden. Die Erinnerung, auch wenn wir sie nur noch aus Büchern beziehen und Zeitzeugen fast nicht mehr zur Verfügung stehen, muss immer wieder aufgenommen werden und die Auseinandersetzung damit ist und bleibt ein unverzichtbares Unterfangen um zu verhindern, dass das Monster des Hasses und des Bösen erneut empor steigt und Millionen von Leben vernichtet.

Veröffentlicht von booksandtwins

Books/ Twinmom/ Reader/ Writer There's just parts of me that you can't have. No-one can.

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